Wenn der Postmann keinmal klingelt – Ein Krimi in drei Akten

Ein Krimi nach einer wahren Geschichte rund um Einschreiben, verschwundene Schlüssel und eine mysteriöse Wendung. Oder warum man seine Zweit-Schlüssel nicht per Post aus dem Urlaub nach Hause schicken sollte.

Ihr kennt das. Den alltäglichen Kampf mit Post, DHL, Hermes und Co. Vor allem Paketlieferdienste, die sind mir persönlich ja sehr ans Herz gewachsen. Und es gibt keine Ausnahme, alle davon bauen mal Scheisse.

Man ist angeblich nicht daheim. Pakete werden komischerweise wieder an den Absender zurückgeschickt. Verschwinden. Oder werden im wirklich ungünstigsten Paketshop abgegeben, den es eigentlich so gibt. Manchmal denke ich, das ist Absicht. Manchmal denke ich, das ist eine Verschwörung. Und manchmal fühle ich mich einfach nur verarscht.

Und manchmal ist das Ganze so absurd, dass es erzählt werden muss. Wie die Geschichte mit dem Einschreiben, meinen Schlüsseln und dem wirklich unerklärlichen Ende. Aber der Reihe nach.


1. Akt

Szene 1

Berlin. Tag.

Eine für ihr Alter (36, ja ich weiß. Danke) unfassbar gutaussehende Reisebloggerin steht in einer Postfiliale und gibt ein Einschreiben auf. Einwurf. Darin befinden sich, in Ostermusterservietten eingewickelt, ihre Zweit-Schlüssel. Close up auf den Umschlag. Man sieht, wie sie kurz zögert und dann aber doch auch die Absenderadresse auf den Umschlag schreibt.

Szene 2

Bangkok. Nacht.

Ein Guesthouse unweit der berüchtigten Khao San Road. Mit frisch lackierten Nägeln und frisch massierten Füßen und sehr entspannt sitzt Y. (die Reisebloggerin) auf ihrem Bett und schreibt ihrer Freundin K. eine Nachricht und fragt ob das Einschreiben mittlerweile angekommen ist.

Szene 3 Rückblende

Inmitten von einer Million Klamotten sitzt Y. auf dem Boden ihrer Berliner Wohnung und ruft hektisch ihre Freundin K. an. „K., kannst du dich während ich weg bin um meine Post kümmern? Scheisse, ich hab vergessen, dir meinen Zweit-Schlüssel zu geben, ich schaffs nicht mehr dir den vorbeizubringen. Ich muss packen. Per Einschreiben schicken? Klar, das ist eine SUPER IDEE!“

Szene 4

Bangkok. Dieselbe Nacht.

Mit weit aufgerissenen Augen starrt Y. auf ihr Handy. Das Einschreiben sei noch nicht angekommen. Kann das sein, fragt sie sich und gibt nervös die Sendungsverfolgungsnummer ein. Ihr Herz fängt auf einmal an schneller zu klopfen.

Wo ist das Einschreiben

Szene 5

Splitscreen zwischen Potsdam und Bangkok

Potsdam. Tag.

K. rennt treppauf treppab und fragt sich bei all ihren Nachbarn durch, ob irgendjemand zufälligerweise das Einschreiben für sie eventuell angenommen hätte.

Bangkok. Nacht.

Y. ruft jegliche Nummer an, die sie im Internet finden kann, die auch nur im entferntesten Sinne etwas mit Post und Einschreiben zu tun hat und macht die Menschen am anderen Ende rund. (Dabei fühlt sie sich immer schlecht und entschuldigt sich dann immer und sagt auch, dass die persönlich ja nichts dafür können und dass es aber trotzdem kacke ist). Keiner kann ihr helfen. Ein Wort sagen sie immer nur. Nachforschungsantrag. Y. füllt ein Formular aus. Close up auf den Bildschirm.

Nachforschungsantrag Einschreiben Post

Szene 6

Potsdam. Tag.

K. passt ihre Briefträgerin ab und stellt sie zur Rede. Doch die weiß von nichts, an dem besagten Tag hatte sie Urlaub und kann selbst gar nicht glauben, was passiert ist. Unter ihrer Uniform sieht man ein Superheldenkostüm durchglitzern. Sie verspricht, sich darum zu kümmern.

Szene 7

Splitscreen zwischen Koh Chang und Berlin

Koh Chang. Tag.

Y. sitzt etwas weinerlich am Strand und macht sich Sorgen. Was, wenn jemand jetzt in meine Wohnung einbricht? Was, wenn jemand meine Wertsachen stiehlt? Oh Gott, ich muss meinen Vermieter anrufen. Oh Gott, hoffentlich kommt das Einschreiben doch noch an.

Berlin. Tag.

K. Hüpft wie wild vor einem Fenster hoch und runter und versucht durch die Vorhänge zu erspähen, ob der Fernseher von Y. (das wirklich einzig Wertvolle, das sie besitzt) noch da ist. Schließlich kommt ein Nachbar von Y. nach Hause und lässt sie rein, damit sie am Briefkasten rumfummeln kann. Doch auch hier keine Spur von dem Einschreiben. Von ihrer Briefträgerin hat sie auch noch nichts gehört.


2. Akt

Szene 1

Koh Chang. Tag.

Mit zitternden Fingern ruft Y. ihren Vermieter an. Oh Gott, oh Gott, der wird mir den Kopf abreissen. Aber die Schlösser müssen ausgetauscht werden, Y. fühlt sich nicht sicher. WER WEISS WO DAS EINSCHREIBEN MITTLERWEILE GELANDET IST? Der Vermieter geht ans Telefon. „Da haben sie aber Glück, dass sie mich noch erwischen. Heute abend fliege ich für zwei Wochen in den Urlaub. Ich kläre das. Machen sie sich mal keine Sorgen. Wir tauschen einfach das Wohnungsschloss aus und dann passt das schon.“ Y. seufzt erleichtert auf und wird sich wieder einmal bewusst, was für einen tollen Vermieter sie hat. Dann springt sie in den Pool.

Während sie ihre Runden dreht, blinkt ihr Handy auf. Eine Nachricht von K.

Y. springt sofort aus dem Pool. Mit nassen Fingern und ungläubigen Blick liest sie die Nachrichten.

Das Einschreiben ist nicht geklaut

Schnitt

Berlin. Tag.

Zwei Männer machen sich an einer Wohnungstür zu schaffen.

Schnitt

Koh Chang. Tag.

Y. wählt mit immer noch zittrigen Fingern die Nummer ihres Vermieters. Er geht sofort dran. „Herr S., das Einschreiben wurde nicht geklaut. Es müsste sich im Moment entweder auf dem Weg zu K. oder zurück zu mir befinden. Sie können das mit dem Schloßaustausch abbrechen.“

Schnitt

Berlin. Tag.

Einer der beiden Männer, die sich an der Wohnungstür zu schaffen gemacht haben, spricht in sein Handy. „Frau Z., das ist jetzt zu spät, das Schloss ist jetzt schon ausgetauscht. Ich verstehe sie recht schlecht. Aber ich übernehme die Kosten von €105 und sie bezahlen mir das dann einfach zurück. Ich geb ihnen mal den Mann vom Schlüsseldienst, da müssen sie dann nämlich ihre neuen Schlüssel abholen“.

Schnitt

Koh Chang. Tag.

Y. schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. War ja klar. Aber gleichzeitig ist sie unheimlich erleichtert, dass es gerade mal €105 kostet ein Schloss auszutauschen. Komischerweise hat sie für die diversen Male, als sie ihren Schlüssel in der Wohnung liegen gelassen hatte, immer mehr für das reine Türöffnen bezahlt. Gut, egal, dann ist das ja geklärt. Der Mann vom Schlüsseldienst meinte auch, dass es okay wäre, wenn sie eine Vollmacht per Email schickt, dass K. die neuen Schlüssel abholen kommen würde. Fein, dann kann zumindest niemand einbrechen und wenn das Einschreiben jetzt wieder unterwegs ist, wird es ja die Tage bei K. oder bei Y. im Briefkasten landen. Nochmal Glück gehabt. Vielleicht ist ja doch noch ein bisschen Energie in ihrem magischen Schutztattoo übrig.


3. Akt

Szene 1

Musikuntermalter Zusammenschnitt

Man sieht Y. hektisch durch eine Shoppingmall in Bangkok rennen (ihr Mac ist mittlerweile an Arsch gegangen und sie ist sich bewusst, dass sie dringend die Energie in ihrem Tattoo aufladen muss).

K. schaut in Potsdam in ihren Briefkasten. Kein Einschreiben.

Y. taucht auf Bali durch ein Wrack.

K. schaut in Berlin in Y.s Briefkasten. Kein Einschreiben.

Y. läuft verschwitzt aber überglücklich durch Ubud.

K. schaut in Potsdam in ihren Briefkasten. Kein Einschreiben.

Y. kniet vor einem Mönch in einem Tempel circa 60 Kilometer außerhalb von Bangkok und der Mönch pustet ihr in den Nacken.

K. schaut in Berlin in Y.s Briefkasten. Kein Einschreiben.

Y. telefoniert mit K. und bittet sie die Post, die mittlerweile ankam durchzugehen und evtl den ein oder anderen Umschlag zu öffnen. Close up auf einen Umschlag von einer „Keyos GmbH“. K. öffnet den Umschlag. Eine Rechnung für eine „Umarbeitung Sonderschlüssel“, „Lieferung nach Geldeingang“. K. und Y. wundern sich, sind sich aber einig, dass das irgendwas mit dem Schlossaustausch zu tun haben muss. Close up auf das Datum. Das Datum liegt zwei Tage vor dem Tag, an dem Y. ihren Vermieter angerufen hat und ihn gebeten hat, das Schloss auszutauschen. Der geneigte Zuschauer runzelt die Stirn. DA STIMMT DOCH WAS NICHT.

Y. hat den Spass ihres Lebens während Songkran in Bangkok.

Szene 2

Berlin. Tag.

Y. ist zurück in Deutschland und geht ihre Post durch. Der Brief von der Keyos GmbH lässt sie nicht in Ruhe, mittlerweile ist auch ihr aufgefallen, dass da irgendetwas nicht stimmt. Die Firma sitzt in Potsdam und laut Rechnung wurden vier Schlüssel umgearbeitet, der Schlüsseldienst hat aber nur drei neue Wohnungschlüssel an K. rausgegeben. Und dann das Datum. DAS DATUM.

Y. recherchiert und findet heraus, dass die Keyos GmbH ein Startup ist, das irgendwelche Hightech-Schlüssel-Dingens herstellt. Den LEO-Smartkey. Über Umwege findet Y. eine Telefonnummer. Sie ruft da an. Eine freundliche Frau meldet sich.

Y: Ehm, ich hab hier eine Rechnung vorliegen von Ihnen, aber ich habe ihnen nie einen Auftrag erteilt. Können sie mich aufklären, was das soll. Blabla, blub.

Freundliche Frau: Ach SIE sind das. Wir haben uns schon gewundert, wann sie sich bei uns melden. Ja, wir haben ihre Schlüssel noch. Die lagen eines Tages bei uns im Briefkasten. Das war zwar etwas merkwürdig, einfach so in nem offenen Briefumschlag und ohne Auftragserteilung, aber wir haben uns halt gedacht, sie wollen, dass wir so Spezialschlüssel daraus machen, wie wir sie anbieten.

Y: WHUAAT????

– Y. erzählt der freundlichen Frau die ganze Geschichte –

Freundliche Frau: Ja, das ist ja unfassbar. Kann ich mir auch nicht erklären. Soll ich sie ihnen zuschicken? Oder vielleicht ist es besser, sie kommen bei uns vorbei und holen sie ab. Ist vielleicht sicherer.

Szene 3

Potsdam. Tag.

Y. sitzt bei der Keyos GmbH, die freundliche Frau hat ihr gerade einen Kaffee hingestellt und schüttelt mit dem Kopf. Vor ihr liegen der geöffnete Umschlag und Y.s Schlüssel.

Freundliche Frau: Also, das Ganze ist doch sehr merkwürdig. Die lagen eines Tages eben bei uns im Briefkasten. Der Umschlag war geöffnet und da wir gesehen haben, dass es einen Absender in Berlin und einen Empfänger in Potsdam gibt, der auch noch quasi bei uns um die Ecke wohnt, dachten wir sie hätten K. beauftragt die Schlüssel bei uns abzugeben. Das war ja aber offensichtlich nicht der Fall. Das komische an der Sache ist, dass bei uns am Briefkasten eigentlich nichts davon steht, dass wir Schlüssel herstellen. Ich kann es mir nicht erklären, wie der Umschlag bei uns gelandet ist. Aber Hauptsache sie haben ihre Schlüssel jetzt wieder.

Y: Ja, sehr merkwürdig. Aber hach, ich bin so froh, dass ich die Schlüssel jetzt wiederhabe. Das Wohnungstürschloss wurde zwar ausgetauscht, aber an diesem Schlusselbund sind ja auch noch mein Zweit-Schlüssel für die Haustür, mein EINZIGER Briefkasten-Schlüssel und mein EINZIGER Keller-Schlüssel. Wenn ich die nicht wiederbekommen hätte, dann hätte ich da auch noch die Schlösser austauschen müssen.

Y. bedankt sich bei der freundlichen Frau, trifft sich mit K. auf einen Kaffee in Potsdam und fährt wieder zurück nach Berlin.

Szene 4

Berlin. Tag.

Y. kommt daheim in Berlin an und öffnet ihren Briefkasten (endlich muss sie nicht mehr alles rausfischen, sondern kann galant den neuen Schlüssel nutzen). Im Briefkasten ist ein Brief von der Deutschen Post AG:

Deutsche Post Nachforschungsantrag

– Ende –

Ich habe bis heute keine Ahnung, was passiert ist. Wo mein Schlüssel war und wer den dann in den Briefkasten der Keyos GmbH geschmissen hat. Das letzte Lebenszeichen kam aus der Firma in die das Einschreiben fälschlicherweise zugestellt wurde und deren Sekretärin gesagt hatte, dass sie das Einschreiben ungeöffnet in die Ausgangspost getan hat. Circa zwei Tage später lag der geöffnete Umschlag im Briefkasten bei der Keyos AG. Was dazwischen passiert ist, lässt sich nur vermuten.

Ich gehe davon aus, dass eine Person, die den Umschlag in die Finger bekommen hat, nachdem er in der Ausgangspost der anderen Firma gelandet ist (das kann vom Praktikanten dort bis zum Briefträger quasi jeder gewesen sein), dass diese Person X sich gedacht hat, dass da etwas Wertvolles in dem Umschlag sein muss und ihn geöffnet hat. Festgestellt hat, dass es Schlüssel und kein Schmuck sind und dass Wohnungseinbruch dann im Vergleich zum Entwenden von vermutetem Schmuck (oder Geld oder so) aus einem Umschlag dann doch eine Nummer zu groß ist und den geöffneten Umschlag dann bei Keyos in den Briefkasten geschmissen hat und sich gedacht hat, die werden schon wissen, was sie damit machen.

Ich werde es wohl nie herausfinden.

Im Grunde genommen bin ich nur froh, dass die Person, die den Umschlag geöffnet hat, ihn nicht weggeschmissen hat und dass die freundliche Frau so geistesgegenwärtig war und mir einfach ne Rechnung geschickt hatte, mit dem Hintergedanken, dass ich mich dann schon irgendwann melden werde.

Die Schlüssel und ich sind jedenfalls wieder glücklich vereint. Und die Geschichte dahinter einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden. Aber ich werde nie wieder etwas, was nicht verloren gehen darf, mit der Deutschen Post verschicken. Und dass die einfach schreiben, dass der Empfänger das doch erhalten habe und damit ihre Nachforschungen als abgeschlossen betrachten, finde ich eine bodenlose Frechheit. Ich hatte im Nachsendeantrag exakt beschrieben, dass das eben NICHT der Fall ist. Duh.

Was denkt ihr, was passiert ist? Und welche unglaublichen Geschichten, die ihr mit der Deutschen Post erlebt habt, könnt ihr so erzählen?

Aus dramaturgischen Gründen wurde die Geschichte etwas vereinfacht dargestellt. In Wirklichkeit war das Ganze NOCH verworrener. Und ja, ich hab auch öfter geheult, als ich jetzt zugeben wollte.

P.S. Falls jetzt einer mit dem Kommentar „Selbst schuld, so etwas verschickt man ja auch nicht mit der Post“ um die Ecke kommt >>> die Post wirbt sogar damit, dass man per Einschreiben Schmuck, Wertsachen etc. sicher versenden kann. Ehem. (Aber ja, ich habe meine Lektion gelernt)