Kommentar

Wer seid ihr? (Definitiv jedenfalls nicht “das Volk”!)

Die Ereignisse von Berlin liegen wenige Tage hinter uns, aus unseren Köpfen verschwunden ist aber nichts davon. Die Gemengelage ist kompliziert, nur eine Sache ist ganz simpel: "Ihr" seid nicht das Volk, egal wie oft ihr es behauptet. 

von Carsten Drees am 31. August 2020

Mit der Entscheidung, diesen Beitrag zu schreiben, der sich wieder einmal um die gesellschaftliche Situation des Landes dreht, habe ich für mich auch akzeptiert, dass ich wieder angefeindet werde. Regelmäßig erreichen mich nach diesen Meinungs-Artikeln Emails von Leuten, die mich “in Listen” eintragen, die mich verabscheuen, mich beleidigen und die mir wünschen, dass ich doch endlich mal hinterfrage und irgendwann aufwache.

Dabei komme ich im Vergleich zu anderen Menschen noch sehr gut weg, denn wenn ich mich umschaue, dann gibt es sehr viele andere, die viel reichweitenstärker sind und viel engagierter als ich — und deshalb auch viel mehr einstecken müssen. Als eines der prominentesten Beispiele sei hier wieder einmal Dunja Hayali erwähnt.

“Schuldig” gesprochen von Demonstranten, ebenso wie Christian Drosten, wird Dunja Hayali wieder einmal zur Zielscheibe des Hasses. Ich könnte jetzt noch viele andere Menschen aufzählen, die persönlich angegangen werden und die mit Entsetzen sehen mussten, was da in Berlin am Wochenende passierte. Ich beschränke mich aber jetzt auf lediglich eine weitere Person, die ich zitieren möchte — Marina Weisband mit folgendem Tweet:

In die exakt selbe Kerbe haut auch Sascha Lobo, für den die größte Gefahr des Wochenendes nicht der wütende Mob war, der in den Reichstag und damit ins Herz unserer Demokratie vordrängen wollte, sondern all die Menschen, die friedlich neben offen erkennbar Rechtsextremen, Reichsbürgern und Identitären spazierten.

 

Wer ihr nicht seid

Damit dringen wir jetzt langsam zu einem der vielen Probleme und dem Kern dieses Beitrags vor, indem wir nämlich fragen, wer ihr Demonstranten seid — oder nein, anders: Wer ich explizit nicht seid, wer ihr sein wollt — und wer ihr sein müsst!

“Ihr” — damit meine ich jetzt die ganze diffuse Masse, die sich am Samstag zu den Demos der Corona-Gegner zusammengefunden hat, immerhin knapp 40.000 Menschen an der Zahl. 40.000 Menschen — das ist ein Statement und eine solche Menge Demonstranten muss ernst genommen werden. Dennoch seid ihr nicht das Volk! Ihr seid eine bunte Mischung vom linken bis zum rechten Rand, ihr seid teils Hippies, teils Rechtsextreme, teils Reichsbürger, teils Friedensaktivisten, teils Impfgegner und so weiter.

Es ist anmaßend zu glauben, dass Ihr das Volk sein könntet. Ihr seid Teil eines Volkes, welches zu ganz weiten Teilen begriffen hat, dass die Corona-Maßnahmen derzeit ein notwendiges Übel sind. Teil des Volkes, welches unsagbar glimpflich durch eine Pandemie kommt, die allein in den USA über 180.000 Todesopfer erfordert hat. Ihr seid ein verschwindend kleiner Teil eines Volkes und habt eine andere Meinung als die überwältigende Mehrheit des Volkes. Wenn ihr also skandiert, dass ihr das Volk seid, ist das mindestens mal vermessen und eigentlich schon unanständig.

Was ihr aber auch nicht seid, zumindest der größte Teil von euch: Nazis! Das behaupten übrigens auch die Wenigsten, was ihr merken würdet, wenn ihr in das Verstehen von journalistischen Beiträgen ähnlich viel Akribie und Mühe stecken würdet wie in die Selbstinszenierung als Opfer. Es gibt mit Sicherheit Ausnahmen, aber wenn ihr tatsächlich in die Berichterstattung der verhassten Mainstream-Medien reinschaut, so wird fast durchgängig davon berichtet, wie bunt die Mischung ist, die sich da zu den Querdenken-Demos versammelt.

Es ist ein Unterschied, ob man euch Nazis nennt — oder ob man euch  vorwirft, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, weil ihr euch nicht distanziert.

Wer ihr sein wollt

Wo wir jetzt geklärt haben, wer ihr nicht seid, will ich euch schildern, wer ihr meiner Beobachtung nach sein wollt. Aus diesem Anlass hab ich mir Samstag einige Stunden lang den Querdenken-711-Livestream angeschaut und den Rede- und Gesangsbeiträgen gelauscht. Auf der Bühne fanden sich Esoteriker wieder, die grausliche, aber ansonsten wenig verwerfliche Lieder anstimmten.

In diesen Phasen wirkte die Veranstaltung wie ein Wannabe-Woodstock für Maskenverweigerer. Dazwischen gab es aber auch immer wieder die vogelwildesten Redebeiträge von Menschen, bei denen es mir schwer fällt, dass ihr alle für Frieden und Freiheit dort seid. Dort wurden Verschwörungstheorien geteilt, es wurde wiederholt gegen die Regierung gehetzt, es wurden Systemwechsel gefordert. Ihr lasst einen Verschwörungsesoteriker wie Heiko Schrang auftreten und die Menge anheizen und ihr lauscht den Worten von Robert F. Kennedy, der mit seinem berühmten Onkel lediglich den Nachnamen teilt und ansonsten nur durch abstruse Theorien und seine Abneigung gegen Bill Gates auffiel.

Ihr lasst solche Menschen reden und tappt ihnen in die Falle, wenn sie davon schwadronieren, dass sie für Liebe, für Freiheit und für ein Miteinander einstehen. Ihr wollt das glauben, dass ihr die Aufrechten, die Erwachten und Erleuchteten, die Kämpfer für den Frieden seid. Aber ihr seid es nicht. Viele von euch haben vielleicht sicher die Absicht, für eine friedlichere Welt anzutreten — aber ihr lasst euch von Populisten und Hetzern vorführen, die eine vielleicht tatsächlich von vielen so gewünschte friedliche Bewegung unterwandern.

Ich habe die Redner und Anheizer gesehen, die euch “Liebe” und “Freiheit” riefen ließen, die davon sprachen, dass eine positive Energie rausgeht in die Welt. Aber sorry, Leute: Diese Energie ist nichts wert, wenn zwei Minuten später ein Verschwörungs-Hassprediger auf die Bühne kommt, fordert, dass “Merkel nach Weißrussland” abhauen soll — und ihr diesem Mann dann auch noch frenetisch zujubelt.

Wer ihr sein müsst

Das bringt mich jetzt final dazu, euch zu sagen, wer ihr meiner Meinung nach sein wollt. Ich bin nicht sicher, was bei den Demos der gemeinsame Nenner ist. Erst dachte ich, es ist tatsächlich die Unzufriedenheit mit den Maßnahmen angesichts Corona. Das allein kann es aber nicht sein. Dafür war die Menge zu diffus und dafür wurde mir zu viel von ganz anderen Dingen geredet, die weder mit der Pandemie noch den getroffenen Maßnahmen zu tun haben.

Es ging immer wieder um von der Regierung unterstützten Krieg, um allerlei Verschwörungstheorien rund um Bill Gates, um Impfungen und allerlei Themen mehr. Es wurde mehr über Grundrechte, Frieden und Freiheit geredet als über Corona-Maßnahmen. Es wurde nicht differenziert beispielsweise zwischen den Demonstrationen in Belarus oder Hongkong und denen hier in Deutschland. Seht euch deren Anliegen an und seht, wie die dortigen Regierungen vorgehen — und dann erzählt mir nochmal, wie arg bedroht Grundrechte hier sind, weil man ein paar Minuten in der Bahn oder im Supermarkt eine Maske aufsetzen soll.

Aber entscheidend ist nicht dieses diffuse Bild, was ihr abliefert und entscheidend ist auch nicht, dass ihr pauschal Regierung und Medien ablehnt und wie selbstverständlich jeden YouTube-Irrsinn wider allen Fakten für bare Münze nehmt. Ihr könnt glauben, was ihr wollt und ihr könnt auch demonstrieren, für oder gegen was ihr wollt. Ihr riskiert, euch global damit zum Löffel zu machen für jeden klar denkenden Menschen, der sich das anschaut — aber das ändert nichts daran, dass ihr es dürft. Übrigens könnt ihr euch mal überlegen, wie viele Diktaturen es gibt, in denen eine bereits verbotene Demo schließlich von den Gerichten wieder genehmigt wird.

Entscheidend ist eine einzige Sache und das gilt glücklicherweise auch noch für die nächsten Demonstrationen, die mit Sicherheit kommen werden: Ihr müsst euch bezüglich der Rechtspopulisten, Rechtsextremisten und Rechtsradikalen positionieren. In den letzten Tagen habe ich immer wieder mit Menschen in den sozialen Medien darüber gestritten, dass da zweifellos Rechte unter euch waren.

Ihr Demonstranten wehrt euch, denn entweder waren die beanstandeten Flaggen gar nicht bei euch zu sehen, sondern bei ganz anderen Demos in Berlin. Oder ihr betont, wie überwältigend groß die Masse an Nicht-Rechten war. Beides halte ich für Quatsch, denn zum Einen gibt es ja genügend Bild- und Videomaterial, das belegt, wie viele Reichsflaggen und Reichskriegsflaggen dort tatsächlich vertreten waren. Und eine überwältigende nicht-rechte Mehrheit ist für mich kein Grund, um Nazis mitmarschieren zu lassen, sondern vielmehr eine Verpflichtung, sich dieser wenigen schwarzen — oder braunen — Schafe zu entledigen. Was will denn ein Rechter mit so einer Flagge machen, wenn um ihn herum 50 Menschen wütend fordern, dass er sich aus der Demonstration entfernen soll?

In dem Moment, in dem ihr aber schweigt, akzeptiert ihr es, dass Nazis Seite an Seite mit euch marschieren. In dem Moment, in dem ihr sie akzeptiert, macht ihr euch mit ihnen gemein. In dem Moment, in dem ihr euch mit Nazis gemein macht, nimmt euch niemand mehr in der Welt ab, dass ihr tatsächlich für Frieden und Freiheit einsteht. Ihr Demonstranten müsst diejenigen sein, die diese faulen Äpfel aus der Menge aussortieren. Ihr müsst diejenigen sein, die sich nicht rechtfertigen, weil man angeblich keine Flagge gesehen hat, sondern die wütend darauf reagieren, dass es Leute mit diesen Flaggen in eure Reihen wagen.

Ihr seid nicht das Volk, auch nicht, wenn nächstes mal doppelt so viele kommen. Aber wenn ihr euch klar gegen die rechtsextreme Brut positioniert, könnt ihr zumindest gern ein Teil unseres Volkes sein, der von uns jederzeit anerkannt wird. Nicht in der Sache, weil ich nach wie vor glaube, dass ihr kolossal falsch liegt und die Fakten dramatisch gegen euch sprechen. Aber dennoch anerkannt, weil es einfach okay ist, im Rahmen der für uns alle geltenden Regeln für seine Meinung einzustehen und auf die Straße zu gehen. Daher macht das ruhig: Marschiert friedlich, unter Einhaltung der Hygieneregeln und achtet nicht nur auf die Abstands-, sondern auch die Anstandsregeln. Aber bitte, bitte: Marschiert nicht mit Nazis!

Ach, und eins noch: Da ihr von uns stets fordert, Dinge zu hinterfragen: Seid euch mit dieser Philosophie des Hinterfragens bitte auch selbst treu und hinterfragt alle Redner, die bei solchen Demos vor euch treten. Unterscheidet diejenigen, die lediglich gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung sind von denen, die die Regierung am liebsten in Haft sehen wollen und die davon sprechen, dass die deutsche Regierung nur noch die Schriftführer der Hochfinanz und Pharmaindustrie darstellen.

Abschließend zitiere ich nochmals Marina Weisband: “Ich bin müde. Es kann nicht die Aufgabe von marginalisierten Menschen in diesem Land sein, wieder und wieder den Alarm zu schlagen. Ihr alle seht es. Warum stehen so wenige dagegen?”

Sie ist müde und ich kann verstehen, wieso. Und sie hat recht: Es müssen jetzt nicht Minderheiten das Thema hochhalten, egal ob sie als Jüdin oder sonst wer. Wir, die wir in der Mehrheit sind, müssen aufmucken und laut erklären, dass das so nicht geht — nicht in Deutschland im Jahr 2020!

Ich mache das hier, indem ich unser Tech-Bog zum wiederholten Male zweckentfremde, jeder von euch kann das auf Twitter, Facebook und Instagram tun, indem ihr die entsprechenden Beiträge teilt, kommentiert und eure Meinungen formuliert. Die Demonstranten der Querdenken-Demos müssen es wie gesagt dann bei der nächsten Demo unter Beweis stellen, dass sie sich nicht mit Nazis gemein machen — ich werde es wieder gespannt verfolgen!