Kommentare

Werden wir schon bald alle virtuell verreisen? (Spoiler: Nein!)

Gerade bin ich mal wieder über einen Bericht gestolpert, in dem es ums virtuelle Reisen geht. Aber zeichnet sich hier bereits ein Trend ab? Wir glauben: Nein, (erst mal) nicht.

von Carsten Drees am 14. März 2019

Gerade letztes Wochenende war ich erst wieder in Berlin — eine meiner Lieblingsstädte in Deutschland, vermutlich sogar die Lieblingsstadt in diesem Land. Während ein guter Freund und ich übers Tempelhofer Feld liefen, unterhielten wir uns darüber, dass man sich manchmal einen Reiseort virtuell anschaut. Mal, weil man gern in Erinnerungen schwelgt und weil man nochmal die Straßen abklappern möchte, durch die man bereits gegangen ist oder den Strand nochmal sehen möchte, an dem man so viele Sonnenuntergänge bestaunt hat.

Hin und wieder greift man den Dingen aber auch voraus und schaut sich bei Google Earth einen Ort an, den man demnächst mal besuchen möchte, um sich bereits vorab einen Eindruck verschaffen zu können: Wie weit liegt das Hotel wirklich vom Strand weg, welchen Eindruck macht die Altstadt usw.

Ich habe beides schon getan und bin auch dank der HTC Vive auch schon virtuell durch London gelaufen. Ich kam mir vor wie Godzilla, wie ich da überlebensgroß durch die Themse gestiefelt bin und mir all die Sehenswürdigkeiten von schräg oben anschaute, die ich schon so oft in echt bestaunt habe.

An genau dieses Gespräch in Berlin musste ich eben wieder denken, als ich nämlich auf der Seite des World Economic Forums über einen Bericht stolperte, der sich mit virtuellem Reisen beschäftigt. Dazu sind wir uns vermutlich alle einig, dass der Gedanke kein komplett neuer ist, und es dafür verschiedene Ansätze gibt. In dem Bericht ist von Lovely Planet die Rede. Dabei handelt es sich um einen Verlag für Individualtourismus.

Dort ist den Mitarbeitern bereits 2001 mal aufgefallen, dass es einen Teil der Kundschaft gibt, die sich gerne die Bücher zu den schönen Orten bei Lovely Planet kaufen — aber überhaupt nicht die Idee verfolgen, jemals tatsächlich diese Orte zu besuchen. Schon da sprach das Unternehmen von virtuellen Touristen. 18 Jahre später gestaltet sich das aufgrund unserer technischen Möglichkeiten selbstverständlich komplett anders.

In den Reisebüros könnt ihr vielfach diese virtuellen Reisen antreten, indem ihr euch eine VR-Brille überstülpt. Auf diese Weise verschafft man sich dann einen Eindruck vom gewünschten Hotel, von den Gegebenheiten vor Ort und kann in der Folge zuverlässiger einschätzen, ob man das Reiseziel auch richtig gewählt hat. Das halte ich in der Tat für eine schöne Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Urlaubsort — aber selbstverständlich ersetzt es nicht im Ansatz die tatsächliche Reise.

In dem Artikel des WEF ist man aber optimistisch, dass sich der Urlaubswillige künftig tatsächlich lieber virtuell auf den Weg macht, anstatt tatsächlich das traute Heim zu verlassen. Das hängt damit zusammen, dass man virtuell eben auch andere Dinge als die exakte Realität abbilden kann. Im Bericht heißt es:

But VR tourism isn’t only about recreating a virtual version of reality that renders travel to the destination unnecessary. It can enhance tourism in other ways – by allowing tourists to handle precious historical artefacts in virtual form, or by retelling contested histories from previously unexplored perspectives.

Das bedeutet also, dass ihr an einen Ort reist, der nicht so aussieht, wie er real heute ist — sondern dem Ort vor hunderten oder tausenden Jahren entspricht. Stellt euch beispielsweise vor, virtuell bei wichtigen Schlachten dabei sein zu können, das New York vor hundert Jahren kennen lernen zu können, oder einfach Zeuge werdet, wie sich Gladiatoren im Kolosseum in Rom Kämpfe auf Leben und Tod liefern.

Das sind aber alles Dinge, die wir derzeit bereits mit VR-Brillen unternehmen können und die nun nicht wirklich den Anspruch haben, einen echten Urlaub auch nur im Ansatz ersetzen zu können. Weiter geht da schon das Unternehmen Royal Carribean: Bei Der Standard könnt ihr lesen, dass Royal Carribean seit einem Jahr zu “virtuellen Landgängen” einlädt. Dabei bekommen Gäste, die sich auf einem Kreuzfahrtschiff befinden, an Deck eine VR-Brille in die Hand gedrückt und können sich dann die Strände virtuell anschauen.

Das ist durchaus pfiffig, wenn man weiß, was für Umweltverschmutzer diese fetten Kähne zumeist sind — und wie hoch das durchschnittliche Alter der Kreuzfahrt-Teilnehmer ist. Auf diese Weise kann sich die Crew also ersparen, einen Hafen oder eine bestimmte Bucht anzusteuern und Menschen auf eine Location loszulassen, die vielleicht eh schon unter zu viel Touristen ächzt. Zudem ist ein solcher Landgang für ältere Menschen so manches mal sehr beschwerlich, so dass sich der virtuelle Landgang im Vergleich wie eine Wohltat anfühlen könnte.

Also ich verstehe den Gedanken und glaube auch, dass es für so manchen Touristen eine Option ist. Aber würdet ihr das wollen? Würdet ihr einen fetten Haufen Geld auf den Tisch blättern, damit ihr zwar mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs seid, die schönen Städte und Strände aber nur virtuell zu sehen bekommt? Ist dann der einzige Mehrwert nicht nur der, dass man zwei Wochen nicht selbst kochen muss und in seinem Liegestuhl an Deck eventuell besseres Wetter als zuhause genießen kann? Ich bin jedenfalls skeptisch und sehe diese Option lediglich als nettes Beiwerk für einen kleinen Teil der Kreuzfahrt-Touristen.

Das World Economic Forum denkt aber einen Schritt weiter, schließlich zielt man ja darauf ab, dass man tatsächlich komplett mit dem Hintern zuhause bleibt. Als Beispiel wird ein Museum genannt, welches man virtuell ganz anders erleben kann.

Das Natural History Museum bietet dieses Erlebnis, so dass ihr zum Beispiel längst ausgestorbene Tiere bestaunen könnt. Aber wenn ihr mich fragt, hat das nichts mit virtuellem Verreisen zu tun. Es ist unfassbar toll, was uns VR und AR heute schon ermöglicht und wie viel angenehmer man so Wissen in sich aufnehmen kann. Aber es hat eben mit Verreisen nichts zu tun für mein Empfinden.

Wenn ich ins Londoner Natural History Museum gehen möchte, dann will ich nicht auf meiner Couch sitzen mit VR-Brille, sondern möchte in einem Café ein opulentes Frühstück zu mir genommen haben, durch die Straßen Londons spaziert sein und nach dem Museumsbesuch möchte ich in Camden in einem Pub versumpfen. Aber vielleicht habe ich auch ein konservatives Bild davon, wie ein Urlaub aussehen sollte.

Im Bericht ist die Rede davon, dass virtuell die Wikinger wieder zum Leben erwachen im Rahmen eines dänischen Theme-Parks und dass es in China bereits einen Milliarden-teuren VR-Themenpark gibt.

Im Gegensatz zur reinen VR-Brillen-Experience zuhause müsstet ihr aber im Fall des chinesischen VR-Parks eben dennoch um die Erde nach China fliegen. Als zusätzlicher Kick für einen Tagesausflug im China-Urlaub ist es sicher eine coole Sache, dort die Attraktionen auszuprobieren. Aber meiner Meinung nach hat das dann auch nicht mehr viel mit virtuellem Tourismus zu tun.

Näher kommen wir der Sache, wenn man sich nicht nur auf eine VR-Brille verlässt, die ein entsprechendes Bild liefert, sondern auch andere Sinne anspricht. Konkret wird dort eine Brille von Bose erwähnt, die auf Augmented Reality setzt, in diesem Fall die Realität aber auf Audio-Basis erweitert und nicht visuell. Schaut ihr eine bestimmte Sehenswürdigkeit an, wird euch der richtige Sound dazu geliefert.

Noch authentischer wird es mit einem Prototypen, der auf Gerüche setzt. Je nachdem, an welchem Ort man sich befindet, wird ein bestimmter Duft freigesetzt. Stelle ich mir erst mal ziemlich skurril vor, aber wenn ich virtuell an einem Strand stehe, dazu auch authentischen Sound genießen kann und dann das Gefühl habe, dass mir ein lauer Wind die salzige Luft in die Nase weht, dann kommt man einem tatsächlichen virtuellen Urlaub schon etwas näher.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass die Technologien, die wir schon jetzt oder in Bälde nutzen können, uns ferne Orte tatsächlich näher bringen können. Aber für mich sind es komplett unterschiedliche Dinge, ob ich einen Ort virtuell erlebe, oder tatsächlich dort bin. Ich will den Sand unter meinen Füßen spüren, wenn ich an einem Strand bin und ich will mich mit anderen Touristen betrinken, durch die Shops einer Stadt stöbern und so weiter.

Virtuelles Reisen lässt all das vermissen, aber nichtsdestotrotz wird das irgendwann mal eine größere Geschichte. Ich denke da an ältere, weniger mobile Menschen, die beispielsweise im Altersheim ihr Dasein fristen und auf diese Weise zumindest virtuell um die Welt reisen könnten — oder an Menschen, denen für Reisen einfach das Geld fehlt.

Aber ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass virtuelles Reisen durch technischen Fortschritt in absehbarer Zeit so angenehm werden kann, dass jemand, der beispielsweise nach San Francisco reisen möchte, lieber auf den Flug verzichtet und seinen Trip virtuell genießt. Egal, wie nah eine VR-Brille an die Realität herankommt: Die gute, alte Realität fühlt sich eben noch echter an.

Da wir derzeit viel über das Klima sprechen, können wir natürlich auch ein dystopisches Bild zeichnen. Es wird teilweise darüber nachgedacht, aus Umweltschutzgründen die Urlaubsflüge zu sanktionieren. Wenn wir uns klimatisch also in eine wirklich unschöne Richtung entwickeln, erleben wir es vielleicht irgendwann, dass wir auf die Mauritius-Reise nicht verzichten, weil wir unser heimisches Sofa toller finden, sondern weil es uns schlicht nicht mehr erlaubt sein könnte, zum Vergnügen um die Welt zu fliegen.

Darauf möchte ich aber nicht hoffen und ihr sicher auch nicht. Alles in allem glaube ich nicht ,dass wir im Tourismusbereich in den nächsten Jahren erleben werden, dass Menschen darauf verzichten, sich auf Städtetrips zu begeben, Kreuzfahrten zu buchen und sich an fernen Stränden zu aalen, weil sie das lieber zuhause erleben. Aber es gibt eben trotzdem ein paar interessante Ansätze und Trends, die eine Reise vielleicht nicht ersetzen, aber dennoch einen schönen Zeitvertreib darstellen.

Was haltet ihr von der ganzen Nummer? Werden wir bald alle zu Couch-Touristen verkommen, die die Welt nur noch per Datenbrille erobern? Oder ist es wahrscheinlicher, dass wir in ein, zwei Jahrzehnten einfach in der Lage sind, die Welt mit nachhaltigeren und/oder schnelleren Transportmitteln zu erkunden? Und noch eine Frage: Wir haben hier viele verschiedene Dinge angesprochen: AR vor Ort oder VR, um einen Ort vorab zu erkunden. Sollen wir die verschiedenen Technologien, die sich ums Reisen drehen, noch mal ausführlich behandeln? Schreibt es uns in die Comments.

Quelle: World Economic Forum