Messenger-Woche
What’s up, Messenger? Die größten Flops unter den Messengern

Immer wieder stoßen wir auf sie - die "WhatsApp-Killer". Joyn, SIMSme und viele mehr wollten den großen Messengern das Leben schwer machen - und scheiterten kolossal. Wir haben ein paar üble Nummern zusammengestellt.

In dieser Woche haben wir mehrfach über Messenger geredet. Wir haben euch erklärt, wie ihr WhatsApp auf dem PC oder Mac nutzt, der SMS zum 25. Geburtstag gratuliert und euch ausführlich WeChat vorgestellt. Bevor wir für morgen unseren antiquierten Beitrag für WhatsApp-Alternativen endlich mal wieder aktualisieren, wollen wir heute einen ganz anderen Blick auf die Messenger-Welt werfen.

Dazu schauen wir uns nicht die größten, beliebtesten oder sichersten Messenger an, sondern erinnern uns stattdessen an Dienste, die teilweise richtig groß angelegt waren, gerne mal als „WhatsApp-Killer“ konzipiert oder zumindest bezeichnet wurden — und die heute entweder schon längst wieder Geschichte sind oder so ziemlich unter jedermanns Radar fliegen und ein Dasein weit unterhalb jeglicher kritischer Masse fristen. Dabei haben wir ganz bewusst die „Instant Messenger“ wie ICQ oder MSN außen vor gelassen.

Gerne sind und waren es Projekte der Telcos, die bis zum heutigen Tag versuchen, mit neuen Ideen das weggebrochene SMS-Geschäft zu kompensieren. Aber auch Tech-Riesen wie Samsung und Google haben sich immer wieder an Messenger-Ideen probiert, um dann irgendwann doch klein beizugeben. Hier sind sie – willkommen im Messenger-Kuriositäten-Museum (und ja, meldet euch ruhig, wenn ihr der Meinung seid, wir müssten noch einen relevanten und gescheiterten Messenger ergänzen):

Joyn

Ganz vorne dabei bei den Messenger-Leichen und auch immer noch gerne genommenes Beispiel, wenn es um gescheiterte WhatsApp-Konkurrenten geht: Joyn! Joyn sollte eigentlich die klassische SMS beerben, basierend auf dem Standard „Rich Communication Suite“, kurz RCS, welcher ab 2008 entwickelt wurde.

Damals war Nokia noch treibende Kraft bei der Entwicklung, seitdem wird es vom Branchenverband GSMA vorangetrieben. Ab 2011 nannte man das Kind dann „Rich Communications Suite enhanced“ und erdachte sich für sein Produkt den griffigeren Namen „Joyn“.

Eigentlich wollten sowohl die Telekom, O2 und Vodafone Ende 2011 durchstarten, aber der ganze Spaß stand unter keinem guten Stern. Vodafone war im April 2012 der erste Anbieter, die Telekom folgte knapp ein Jahr später erst. Eine kritische Masse wurde nie erreicht und irgendwie bekam auch kein Unternehmen kommuniziert, wieso man joyn nutzen sollte — und das selbst in Zeiten, in denen WhatsApp und Facebook Messenger den hiesigen Markt noch längst nicht so deutlich dominierten. Bei O2 startete der Service sogar erst im Sommer 2015 in einer Beta-Version.

Kurz danach wurde joyn dann auch eingestampft, RCS lebt aber weiter und wird weiterhin als der legitime SMS-Nachfolger mit aufgebohrtem Funktionsumfang von Telekom und Co abgefeiert. Immerhin haben einige große Hersteller wie Samsung, Sony, HTC und LG RCS bereits auf vielen Geräten vorinstalliert, wo es in der Tat die klassische SMS ersetzt.

Die Deutsche Telekom nennt die Geschichte Message+, ihr findet RCS aber auch als message+call oder call+, technisch ist es aber immer die gleiche RCS-Nummer. Hier könnt ihr nun auch Sticker und Standorte schicken, RCS hat also tatsächlich mehr auf der Pfanne als die SMS. Zudem könnt ihr, schon während es beim Gesprächspartner klingelt, einen Betreff oder ein Foto versenden — wie oft das in der Praxis genutzt wird, ist eine Frage, die wir hier zum Glück nicht mehr beantworten müssen. Lasst es uns in den Comments wissen, ob wir uns mit RCS noch mal ausführlich beschäftigen sollen.

Immmr

Während joyn seinerzeit in vielen Artikeln erwähnt wurde und somit sogar vor seinem Start medial recht ordentlich vertreten war, war das Interesse an Immmr von Anfang an deutlich überschaubarer. Wir berichteten — und hatten von Beginn an nicht das Gefühl, dass Immmr durchstarten würde. In unserem Kommentar schrieb ich 2016:

Der [Messenger] nennt sich immmr und will damit punkten, dass er immer und überall verfügbar ist. Auf diese Weise will man Konkurrenten wie Facebook, Apple und Microsoft attackieren, heißt es in einer Exklusiv-Story der Capital. „Ein neuer Messenger-Dienst der Deutschen Telekom soll Facebook und Apple Konkurrenz machen. Start ist in der Slowakei.“ heißt es dort in der Einleitung – „keine Pointe“ möchte man automatisch hintendran hängen.

Als Immmr startete, lag bereits eine zweijährige Entwicklungszeit hinter dem 70-köpfigen (!) Entwickler-Team, welches unter dem Telekom-Dach (bzw. T-Labs) an der Anwendung arbeitet. Mittlerweile neigt sich ein weiteres Jahr dem Ende und immer noch kennt keine Sau Immmr. Kein Wunder eigentlich, wenn der Service es immer noch nicht aus dem Test-Markt Slowakei herausgebracht hat.

Mittlerweile arbeitet man an einem Relaunch, der u.a. dafür sorgen soll, dass der Service besser der Telekom zugeordnet werden kann. Im Interview mit Gründerszene sagt Judit Andrasi, Immmr-CEO: „Immmr ist ein Voice- und Video-Calling-Service und kein Messenger!“ Der Schwerpunkt wird also auf eine verbesserte Experience beim Telefonieren gelegt, alle Messenger-Funktion sind aber zudem ebenfalls inklu.

Punkten möchte Immmr im Grunde damit, dass man immer und überall auf den Service zugreifen kann — egal, mit welchem Device. Ob man diesen Ansatz vermittelt bekommt und ich mich 2018 dafür schämen muss, dass ich Immmr in meinen Messenger-Flops-Artikel integriert habe? Wir werden sehen! Ich tippe immer noch so ein bisschen auf Totgeburt, lasse mich aber natürlich auch gerne eines Besseren belehren.

ChatON

ChatON war der Messenger von Samsung, welcher 2011 im Rahmen der IFA in Berlin vorgestellt wurde und bei dem wirklich sehr viel von Anfang an passte. Das Ding sah besser aus als WhatsApp, bot mehr Funktionen und war erfreulicherweise nicht lange exklusiv für Samsung-Nutzer. Es erschienen Versionen für Bada und Android, es folgten auch Portierungen für iOS, für Windows- und BlackBerry-Telefone und in einer Web-Ansicht konnte man ChatON nutzen, lange bevor das bei WhatsApp möglich war.

Leider war auch diesem Messenger das Glück nicht so hold, wie man es angesichts der Qualität hätte erwarten dürfen: 2015 wurde der Stecker gezogen. Im September 2013 konnte Samsung bereits über 100 Millionen registrierte Nutzer vorweisen — so erfolglos sah es also phasenweise für diesen Messenger beileibe nicht aus. Sei es drum – ChatON ist Geschichte und von den gescheiterten Existenzen, über die wir in diesem Beitrag reden, ist dieser Service wohl derjenige, dem ich am ehesten wünschen würde, dass er noch existent wäre.

SIMSme

 

Ach, SIMSme – wieder so ein vermeintlicher WhatsApp-Konkurrent, bei dem man sich von Anfang an die Frage stellt, ob sich die Leute, die sich App-Namen ausdenken, manchmal auch ganz gerne mit dem Hammer kämmen. Der Name erinnert mich ziemlich peinlich an Menschen, die so Sachen sagen wie „Ich schick Dir mal ’ne Simse“ und das möchte ich einfach nicht.

Der Volks-Messenger

Kennt ihr diese Kooperationen, mit denen die BILD gerne mal irgendwelche Produkte unters Volk jubelt, nachdem man mit dem Präfix „Volks-“ dafür sorgt, dass sich möglichst eine ganze Nation angesprochen fühlen soll? So wie das „Volks-Smartphone“, der „Volks-PC“ oder die „Volks-Zahnbürste“? SIMSme könnte eigentlich dort als „Volks-Messenger“ angepriesen werden — schlicht aus dem Grund, weil die Beschreibung so klingt, als wäre es genau das richtige für den deutschen Jedermann: Ein deutscher Messenger (der Post btw), der sicher Ende-zu-Ende-Verschlüsselt und dessen Daten zudem auch auf deutschen Servern liegen. Der deutsche Michel klatscht begeistert in die Hände!

Fakt ist jedenfalls, dass SIMSme nicht eingestampft wurde im Gegensatz zu vielen anderen Messengern. Der erfreut sich immer noch bester Gesundheit, wird fleißig weiter entwickelt — und ist in diesem Flop-Artikel lediglich deswegen gelandet, weil ihn einfach dennoch keine Sau nutzt. Bei Google Play steht, dass er dort zwischen 500.000 und 1.000.000 mal heruntergeladen wurde. Kein wirklich überzeugender Wert, nachdem SIMSme immerhin vor deutlich über drei Jahren vorgestellt wurde.

Mittlerweile hat sich die Post auf Geschäftskunden fixiert und bietet zum normalen Messenger auch noch SIMSme Business an. Dort will man die Enterprise-Kunden mit verbessertem Funktionsumfang ködern, lässt sie aber dafür auch drei Euro pro Monat löhnen. Ob dieses Konzept aufgehen wird, bleibt abzuwarten (auch hier gilt wieder: Lasst uns wissen, ob wir über SIMSme Business nochmal ausführlich berichten sollen).

In Zeiten, in denen sich durchaus viele Menschen für sichere Messenger interessieren, ist zu beobachten, dass auch hier der Messenger gewählt wird, auf dem man die meisten Kontakte vorfindet (Telegram, Threema, Signal zum Beispiel) und nicht etwa den, der mit dem vermeintlichen Standortvorteil „Deutschland“ punkten möchte.

SIMSme Business
SIMSme Business
Entwickler: DP IT Brief GmbH
Preis: Kostenlos+

Google Talk/Hangouts

Kommen wir jetzt zu einem ganz großen Player im Tech-Zirkus, der mit schöner Regelmäßigkeit im Social-Media-Bereich verklatscht, egal ob es um Social Networks oder um Messenger geht: Google! Wie viele Anläufe mit unterschiedlichen Ausrichtungen haben die Kalifornier schon genommen? Geklappt hat es irgendwie nie so richtig.

Vermutlich erinnern sich die meisten nicht einmal mehr an Google Talk, oder täusche ich mich? Google Talk war der Instant Messenger des Unternehmens und wurde bereits 2005 eingeführt. Der basierte auf dem XMPP-Protokoll und konnte daher zusammen mit anderen XMPP-Clients genutzt haben.

Eigentlich wollte ich die Instant Messenger hier ja außen vor lassen, aber ich erwähne Google Talk trotzdem, weil Google diesen Messenger nach einer Ankündigung im Jahre 2012 mit Google Hangouts zusammengeführt hat. Ein Jahr später wurde die XMPP-Unterstützung auf Eis gelegt. Und falls einer fragt: Joar, beim fragmentierten Anbieten von Software ist Google bei Messengern fast noch besser als bei Android!

Hangouts gibt es immer noch, aber auch Google sucht sein Glück bei den Business-Kunden. Ein Ergebnis dieser Entwicklung: Die Aufteilung in Hangouts Meet und Hangouts Chat. Eigentlich hat Google seinerzeit jede Menge Sachen richtig gemacht. Im Messenger konntet ihr chatten, SMS versenden, Telefonieren und Video-Calls machen — und dennoch hat kaum jemand Hangouts privat genutzt.

Dabei hat Google alles dran gesetzt, dem Nutzer wirklich was zu bieten: Der Funktionsumfang muss sich eh nicht hinter WhatsApp verstecken und man hat zudem die Möglichkeit, sowohl mehrere Google-Konten in der App zu nutzen, als auch Hangouts auf verschiedenen Devices gleichzeitig einzusetzen.

Hilft alles nicht: Der Messenger, der zwar auf sehr vielen Geräten zu finden ist, dort aber nicht wirklich immer genutzt wird, fristet im Jahr 2017 ein Nischendasein. Wenn ich spekulieren müsste, wie es dazu kam, dann würde ich zumindest eine Teilschuld dem Umstand in die Schuhe schieben, dass Google durch ein Überangebot an Messenger- und Chat-Diensten für zu viel Verwirrung gesorgt hat. Was meint ihr?

Hangouts
Hangouts
Entwickler: Google LLC
Preis: Kostenlos
Hangouts
Hangouts
Entwickler: Google, Inc.
Preis: Kostenlos

Allo

Okay, die Erwähnung von Allo seht bestenfalls als „Bonus“ zu den anderen hier aufgelisteten Messengern und auch ein wenig augenzwinkernd. Immerhin ist Allo erst im letzten Jahr zusammen mit dem Google Assistant gestartet und somit gerade erst einmal etwas mehr als ein Jahr alt. Allo ist ein weiterer Messenger von Google und ist letztes Jahr zeitgleich mit noch einer Chat-App — Google Duo für Video-Talks — ins Rennen geschickt worden.

Die schiere Maße an Messengern aus dem Hause Google entbehrt dabei nicht einer gewissen Tragikomik. Auch ein Grund, wieso ich hier auch ein wenig der Provokation halber Allo erwähne. Binnen Tagen konnte Google sich nach der Vorstellung über 5 Millionen Nutzer freuen, auch die 10-Millionen-Hürde wurde noch recht flott genommen. Seitdem stagniert die Nachfrage allerdings.

Der Grund dürfte u.a. sein, dass der Funktionsumfang — trotz Smart Response und Google Assistant generell — einige Funktionen vermissen lässt, die ihr überall woanders bekommt. Video Calls fehlen beispielsweise, weil Google die ja zu Duo ausgelagert hat. Ein anderer Grund ist aber der, der schon vielen anderen Messengern das Leben schwer gemacht hat. Wir Nutzer sind ein träger Haufen: Es muss schon eine Menge passieren, damit sich so ein Mob von einer App zur nächsten bewegt. Und solange alle scheinbar glücklich bei WhatsApp/Facebook Messenger/Snapchat(Signal oder sonst was sind, werden diese ganzen User also auch ihren Hintern nicht zu einem anderen Messenger bewegen, der zudem auch keine signifikanten Vorteile zu bieten hat.

Allo: Tipps und Tricks für den intelligenten Messenger

Ein wenig schade ist das natürlich schon, gerade weil Allo toll aussieht, eben besagten Google Assistant mit an Bord hat und alles in allem ein sehr moderner Messenger ist. Es ist aber wie es ist: Zumindest aktuell bekommt Google auch mit dem x-ten Anlauf und mit Allo kaum ein Rad an die Erde. Dennoch: Einen „Flop“ nennen wir es hier lediglich augenzwinkernd, immer in der Hoffnung, dass Allo noch Fahrt aufnimmt. Wie das gehen kann, könnt ihr ja zum Beispiel bei WeChat sehen: Ein Killer-Feature kann von quasi einem Tag auf den nächsten das ganze Game verändern. Wieso soll das nicht auch Google bei den Messengern endlich mal gelingen?


 

So: Ihr seid der Meinung, dass der ein oder andere Messenger hier zu unrecht als „Flop“ aufgelistet wird? Oder ihr wisst gar Messenger, die ob ihres Misserfolgs in dieser Aufzählung niemals fehlen dürften und von uns nicht berücksichtigt wurden? Dann schreibt es uns in die Comments – ebenso, wie eure Meinung zu den hier aufgelisteten Diensten und ihren „Erfolgs“-Geschichten.