Kommentar
What’s up, WhatsApp: Eine Lanze für die Sprachnachricht

Sprachnachrichten bei WhatsApp nerven, sagen sehr Viele. Ich finde das nicht und will hier mal eine Lanze für die Sprachnachricht brechen. 

Ist es eine Sucht? Oder Faulheit? Vielleicht einfach beides? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau. Wovon ich hier eigentlich rede? Von der Sprachnachricht, die ich gerne und exzessiv nutze. Ich will nicht sagen, dass ich ein Schwätzer bin, aber es gibt Leute, die sich schon mal flott ein paar Brote schmieren, wenn hinter meinem Namen das „Audio wird aufgenommen …“ aufblinkt.

Ich möchte euch gar nicht groß die Sprachnachricht als solche erklären, will auch nicht Sprachnachricht-Hasser bekehren — aber eine Lanze für dieses Medium möchte ich brechen, weil ich glaube, dass sie zu Unrecht so schlecht wegkommt. Mit „schlecht wegkommen“ meine ich in diesem Fall meine persönliche Wahrnehmung im Freundeskreis, aber auch, wie sie zum Beispiel in sozialen Medien diskutiert und zum Teil verteufelt wird.

Erst gestern schrieb der von mir sehr geschätzte André Vatter auf Facebook:

Ich hör die nicht ab. Sprachnachrichten im Messenger. Mach ich nicht. Wer als Gegenüber nicht die Zeit oder den Anstand zu hat, eine Nachricht zu tippen, aber gleichzeitig der Meinung ist, meine Zeit und Geduld nach freiem Belieben beanspruchen zu können, hat nichts Wichtiges zu sagen. André Vatter

Unabhängig davon, dass ich den Zusammenhang zwischen Anstand und dem Tippen einer Nachricht nicht sehen kann, ist das hier nun mal seine persönliche Ansicht — da kann ich ihm also schlecht reinreden. Aber er leitet daraus für mein Empfinden zu viel ab, was für die Allgemeinheit gültig sein soll, denn weiter heißt es in dem Post:

Dringend Relevantes geht telefonisch, alles andere läuft per Textmessage. Dazwischen gibt es nichts. Keine Grautöne, kein intermediales Zwischenreich, kein sowohl als auch. Nur Stille. Sprachnachrichten im Messenger existieren einzig für zwei Personenkreise: 13-jährige Teens, die sich kaugummikauend Strähnen aus der Stirn pusten, während sie sich auf der Couch lümmeln und über die Jungs/Mädels vom Pausenhof konferieren. Und vollends gestresste Mütter/Väter, die mitten im Supermarkt je ein kreischendes Kind unter den Armen haltend eine jetzt aber wirklich wichtige Information benötigen. André Vatter

Noch bevor ich jetzt einen einzigen weiteren Satz zum Thema schreibe, weiß ich schon, dass ganz viele von euch begeistert nicken und André zustimmen mit diesem erhebenden „Ja, genau so“-Gefühl. Ich finde mich da aber nun mal nicht wieder und kenne genügend andere Menschen, die die Sprachnachrichten schätzen und sich weder den 13-jährigen Teens noch den gestressten Eltern zuordnen lassen. Lasst mich daher erklären, wieso es durchaus Gründe gibt, die für diese Art der Kommunikation sprechen.

Screenshot WhatsApp von André Vatter

Zeitlich entkoppeltes Kommunizieren – eine Wohltat

Kommunikation hat sich in Zeiten des Internets ja zweifellos weit entwickelt. Angefangen vom Gebrauch der Smileys, dem Aufkommen von ICQ und anderen „Instant-Messaging“-Diensten, dem Verwenden von Wörtern innerhalb zweier Sternchen, um Tätigkeiten oder Emotionen (*jammer*) auszudrücken über die klassische Email bis zur Video-Telefonie gibt es vermutlich eine Million Facetten, die man jeweils mal in eigenen Artikeln beleuchten könnte.

Oft waren es einzelne Unternehmen oder Dienste, die die Kommunikation verändert haben, ICQ, Twitter und Skype seien hier mal als Beispiele genannt. Mit jedem dieser Tools hat sich da eben auch immer ein wenig was getan, wie wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren. Allein der Schritt von der Textnachricht im Rahmen der SMS zur Textnachricht im kostenlosen Messenger darf als Meilenstein gewertet werden.

Die Sprachnachricht ist aber eben nochmal etwas weiter gedacht, speziell in Zeiten, in denen wir uns daran gewöhnen, dass immer öfter Sprache als Eingabe-Tool fungiert und damit mal die Fernbedienung, mal das Touch-Display ersetzt oder zumindest ergänzt. Für mich hat diese Art des Kommunizierens einige Vorteile gegenüber der klassischen Textnachricht, aber auch gegenüber dem Telefonieren — hier möchte ich euch ein paar Punkte aufzählen.

Asynchrone Kommunikation – ich rede, wann es mir passt

Ich liebe Telefonieren! Ganz ehrlich — ich bin vermutlich einer von wenigen Männern, die da tatsächlich Spaß dran haben, stundenlang mit Menschen übers Telefon zu quatschen. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie viele Nächte ich durchgequatscht habe oder wie viele Male ich in der Schule oder später auf der Arbeit deswegen übermüdet aufgekreuzt bin.

Der größte Haken am Telefon: Je älter ich werde, desto weniger Leute telefonieren mit mir. Ich bin durchaus selbstkritisch, glaube aber in diesem Fall nicht daran, dass das was damit zu tun hat, dass die Menschen einfach nicht mit mir telefonieren wollen. Vielmehr ist es so, dass sich einfach nicht genügend Zeitfenster finden, in denen man sich so viel Zeit für ein Telefonat nehmen kann. Als Blogger stehe ich vielleicht ein wenig später auf als viele meiner Freunde, bin aber auch länger wach. Dummerweise möchte aber von den Menschen, die um sechs Uhr aufstehen, niemand um Mitternacht von mir angerufen werden. Schon gar nicht, wenn man weiß, dass so ein Gespräch eher über eine Stunde lang ist und nicht kurz und knackig.

Genau das ist der Vorteil der asynchronen Kommunikation, wie wir sie von Messengern kennen: Ich schreibe dann, wann es mir passt; ich bekomme eine Antwort, wann es dem anderen passt; ich lese seine Antwort, wann es mir passt usw. Genau so verhält es sich auch mit den Sprachnachrichten: Vielleicht hat meine Freundin keine Zeit, eine halbe Stunde oder eine Stunde mit mit zu quatschen. Aber stattdessen findet sie vielleicht fünf oder zehn Minuten Zeit, sich meine Sprachnachricht anzuhören. Sie kann es sich anhören, während sie sich schminkt, während sie kocht oder über Kopfhörer auf der langweiligen Fahrt mit dem Zug zur Arbeit.

Sie wiederum antwortet dann, wenn sie genau diese Zeit übrig hat für mich. Wenn es ein paar Stunden später klappt, ist es okay — wenn nicht, ist es das auch. In den seltensten Fällen sind es zeitkritische Dinge, die ich via Voice Message bespreche, also lebe ich damit sehr gut, dass eine Sprachnachricht erst Stunden oder manchmal sogar erst Tage später beantwortet wird.

Schicken wir uns auf diese Weise je drei Nachrichten hin und her innerhalb von zwei Tagen, bringt mir das entschieden mehr, als wenn wir feststellen würden, dass wir in diesen zwei Tagen keine Zeit finden werden, gemeinsam zu telefonieren.

Bequemlichkeit und Tempo

Gerade, wenn ich einen Sachverhalt ausführlicher erklären möchte, ist es sehr nervig, das im Messenger schriftlich zu erledigen. Per Sprachnachricht geht das deutlich schneller vonstatten. Trotz mittlerweile sehr toller verfügbarer Software-Tastaturen mit ihren umfangreichen Möglichkeiten, ist es immer noch ziemlich anstrengend und unschön, ellenlange Texte auf dem Smartphone zu verfassen.

Bei der Sprachnachricht hingegen plapper ich, wie mir der Schnabel gewachsen ist und erzähle in zwei Minuten ebenso viel, als wenn ich es in zehn Minuten aufgeschrieben hätte. Dazu ist es deutlich bequemer, auf dem Sofa liegend in ein Mikro zu quatschen, als seine Aufmerksamkeit der Tipperei zu widmen.

Emotionen und Gefühle werden besser transportiert

Es gibt Möglichkeiten, wie man in Textnachrichten durchsickern lässt, in welchem Gemütszustand man sich befindet oder dass das soeben Geschriebene ironisch gemeint war. Ärgerlicherweise geht das dennoch immer wieder in die Hose und es kommt zu Missverständlichen. Wenn mir ein Freund berichtet, dass er wieder Single ist und ich mit „Das ist ja großartig“ antworte, dann kann er an meinem entsetzten Tonfall entnehmen, dass ich es tatsächlich so gar nicht großartig finde. Geschrieben sähe es aber eben schon anders aus. Ich kenne sehr viele Menschen, die in ihrer schriftlichen Kommunikation auf Emojis verzichten und ohne diese wird es mitunter schon recht haarig, Ironie oder Sarkasmus zu erkennen.

Am Telefon und somit auch in einer Sprachnachricht verhält sich das anders, weil allein am Heben und Senken der Stimme viel mehr Kontext erzeugt wird als bei einer Diskussion in schriftlicher Form. Missverständnisse gibt es sicher dennoch, aber nicht annähernd in dem Maße wie beim geschriebenen Wort.


Ich hab die Vorteile jetzt auf drei größere Punkte eingedampft, wobei es sicher noch einige Punkte gäbe, die man ergänzen könnte. Ich kann beispielsweise aus Langweile eine Sprachnachricht verschicken, wenn ich auf mein öffentliches Verkehrsmittel warte. Ein Telefonat wäre um die Zeit vielleicht nicht möglich gewesen, aber ich hab auf diese Weise in drei Minuten etwas loswerden können, was ich dem anderen eh erzählen wollte.

Ein weiterer Punkt, der mir beim Telefonieren auffällt und den es bei der Sprachnachricht nicht gibt: Manchmal fällt man sich beim Telefonieren gegenseitig ins Wort. Man verlässt dann das eigentliche Thema und landet komplett woanders. Das ist oft okay und manchmal sogar witzig, aber es ist schade um das, was man eigentlich loswerden wollte. Wenn ich intensiv Sprachnachrichten mit jemandem austausche, gibt mir das die Möglichkeit, mich völlig seinen Gedanken zu widmen, ohne ihm reinzuquatschen. Glaubt mir, es ist nicht die schlechteste Möglichkeit, sein Gegenüber besser kennen zu lernen.

Statista hat kürzlich erst aufgelistet, welche Vorteile am Häufigsten genannt werden beim Verwenden von Sprachnachrichten. Die Schnelligkeit steht dabei ganz weit oben in der Beliebtheits-Skala, aber auch vieles andere von dem was ich euch genannt habe, findet sich hier wieder:

Es muss natürlich Regeln geben, die für jeden Kontakt anders aussehen können. Was mit Person A bestens klappt, muss nicht für Person B hinhauen — erst recht nicht, wenn sie mir vorab schon signalisiert, dass sie Sprachnachrichten hasst und sich die eh nie anhört. Meine Leute wissen beispielsweise, dass ich zeitkritische Dinge anders abfrage — per Anruf oder Textnachricht. Sie wissen auch, dass ich keine Eile habe, egal ob es darum geht, wann sie meine Nachricht abhören, oder wann sie mir eine Antwort schicken.

Genau diese Dinge solltet ihr auch berücksichtigen, dann ist das eine schöne Bereicherung der Kommunikationsmöglichkeiten und ganz sicher nichts, was man blind verteufeln müsste, weil man es persönlich nicht schätzt oder einfach nicht beurteilen kann.

Ach, und eins noch: Vielleicht sollten wir auch langsam mal aufhören, über Menschen zu witzeln, die sich ihr Smartphone wie eine Scheibe Brot vors Gesicht halten. Wer eine Sprachnachricht verschickt, nutzt schlicht das Mikro an der Smartphone-Unterseite und da man dabei nichts hören muss, wäre es doch krank, wenn man sich das Telefon dabei an die Wange hält, nur weil man es vom klassischen Telefon so gewöhnt ist, oder?

Und wie gesagt: Ich möchte hier niemanden bekehren oder gar dazu nötigen, diese Art des Kommunizierens gut zu finden. Aber für mein Empfinden könnte sich der ein oder andere langsam mal damit abfinden, dass es für sehr viele Nutzer ein wirklich praktischer Kanal für die eigene Kommunikation ist — auch, wenn es dem eigenen Kommunikationsverhalten aus verschiedenen Gründen nicht entspricht.

Was sagt ihr denn? Nutzt ihr die Sprachnachrichten auch? Oder gehört ihr eher ins Lager derjenigen, die diese Art des Kommunizierens nie begreifen werden? Schreibt es uns in die Kommentare :-)