Wie sehen die Soldaten der Zukunft aus?

Wie sehen die Super-Soldaten der nahen Zukunft aus? Exo-Skelette, Implantate, Smart Drugs - es wird in viele Richtungen geforscht, um den Kämpfern übermenschliche Fähigkeiten für die Schlachtfelder der Zukunft zu verleihen. Wir verschaffen uns einen Überblick über die kommenden Technologien.

Glücklicherweise haben die wenigsten von uns persönliche Erfahrungen gemacht, wie es ist, in einem Krieg dem Feind gegenüber zu stehen. Klar ist aber, dass sich auch in Sachen Kriegsführung die Welt entwickelt hat und heute logischerweise mit anderen Mitteln gekämpft wird als beispielsweise in den Weltkriegen. Besonders, wenn ich Filme wie Braveheart sehe, die lange vor unserer Zeit spielen, frage ich mich, wie diese Krieger empfunden haben müssen, wenn sie in so eine Schlacht gezogen sind: Tausende Menschen rennen mit Schwertern oder ähnlich primitiven Waffen aufeinander zu – wer da in den ersten Reihen mitläuft, dürfte Überlebenschancen haben, die so circa gen Null tendieren.

Heute sieht das komplett anders aus: Aus den Nachrichten kennen wir zum Beispiel Luftaufnahmen, die von den jeweiligen Militärs mit Attributen wie “chirurgische Präzision” kommentiert werden. Im Vorfeld wird eine feindliche Stellung ausgemacht und dann durch Jets oder Drohnen  bombardiert. Das hat – gerade, wenn man es in den Medien sieht – oftmals was von einem Computer-Spiel, Menschenleben kostet diese Art der Kriegsführung aber eben dennoch.

Wenn wir uns jetzt anschauen, wie sich die Robotik in den letzten Jahren entwickelt hat, könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Militärs vielleicht irgendwann hauptsächlich Maschinen in die Schlacht schicken könnten statt Menschen. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik und während die einen (ich inklusive) einfach darauf hoffen, dass die Menschheit diesen evolutionären Schritt schafft, Kriege als Mittel zum Lösen eines Konflikts zu überwinden, befassen sich gleichzeitig andere damit, Soldaten immer besser auszustatten und stärker zu machen.

Gerade, wenn wir den Blick auf aktuelle Krisenherde wie Syrien richten, wird klar, dass wir auch in den hochtechnologisch geführten Konflikten nicht drumherum kommen, irgendwann Bodentruppen einsetzen zu müssen. Trotz Aufklärungsflugzeugen, ferngesteuerter Waffensysteme usw stehen sich im Endeffekt an irgendeinem Punkt also Menschen gegenüber. Logisch also, dass die Militärindustrie versucht, diese Soldaten technologisch auf ein neues Level zu heben.

Geforscht wird dabei in alle denkbaren Richtungen: Waffensysteme werden verbessert, Exoskelette sollen gleichzeitig menschliche Fähigkeiten verbessern als auch vor Kugeln schützen und sogar im Bereich Smart Drugs und Neuro-Implantate wird geforscht. Aber wie sieht er dann aus, der Soldat der Zukunft? Wir schauen mal auf den (zumindest bekannten) Status Quo der Industrie:

Exoskelette – auf den Spuren von Tony Stark

Wenn wir über “Superkrieger” nachdenken, muss man zweifellos an Tony Stark denken – jenem Comic-Helden, dessen Alter Ego “Iron Man” mit einem besonderen Exoskelett ausgestattet ist. Nicht nur, dass es ihm übermenschliche Kräfte verleiht – sogar fliegen kann er damit. Die tatsächliche Entwicklung auf diesem Gebiet sieht natürlich wesentlich nüchterner aus, aber das hindert die Industrie und die Militärs natürlich nicht, dennoch an solchen Exoskeletten zu arbeiten.

Hardiman Exoskelett
Das Hardiman-Exoskelett. Bild: GE Reports

Erste Versuche gab es bereits in den Sechzigern, aber das 1965 präsentierte Hardiman-Exoskelett war nichts, was sich wirklich an der Front nutzen ließ. Man konnte zwar damit bis zu 700 Kilo stemmen, die ganze Nummer war aber so schwer und träge, dass ihr damit pro Sekunde nicht mal annähernd einen Meter hättet zurücklegen könnten.

Heute sieht sowas natürlich schon ganz anders aus – Iron Man-Skills verleihen euch aber auch moderne Exoskelette nicht. Das Raytheon XOS 2-Exoskelett verpasst einem Soldaten die Fähigkeit, bis zu 90 Kilo transportieren zu können, allerdings liegt hier auch der Schwerpunkt des Außenskeletts. Es geht also eher darum, hinter den Frontlinien schweres Gerät zu bewegen, beispielsweise schwere Waffen abzuladen und nicht etwa darum, damit selbst in die Schlacht zu ziehen.

Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) verfolgt einen etwas anderen Ansatz: Der Soldat soll auch mit Gepäck von 45 Kilo in der Lage sein, sich möglichst schnell und effizient fortbewegen zu können und mit der 20 Kilo schweren Rüstung binnen weniger Minuten eine Meile zurückzulegen. Dazu hat man das Warrior Web-Programm aufgelegt, welches mit ersten erfolgreichen Tests aufwarten kann, in denen es unbepackten Begleitern sichtlich schwer fiel, den voll beladenen und ausgerüsteten Soldaten über eine Distanz von drei Meilen zu folgen.

Von Ekso Bionics gibt es mit dem Ekso GT ein Exoskelett, welches nicht primär auf Soldaten abzielt, sondern vor allem zivil Menschen in die Lage versetzen soll, sich besser bewegen zu können. “Besser” ist in diesem Fall eine absolute Übertreibung, denn selbst Menschen mit Rückenmarksverletzungen oder Schlaganfällen werden durch diese Art Rüstung in die Lage versetzt, sich wieder auf den eigenen Beinen fortbewegen zu können. Das ist übrigens keine Zukunftsmusik, sondern jetzt bereits in den USA klinisch zugelassen:

Schließlich gibt es noch den Soft Robotic Exosuit vom Wyss Institute, welches zur Harvard University gehört. Seht euch den Clip an und ihr werdet erkennen, dass das schon einen ganz anderen optischen Eindruck macht:

Bei diesem “Exosuit” geht es im wesentlichen darum, die natürlichen Bewegungen zu verstärken und dadurch zu erleichtern. Dabei sieht das nicht nach Iron Man oder nach einer fetten Rüstung aus – vielmehr ist es eine Ausstattung, die sich an den menschlichen Körper anschmiegt und damit sogar unauffällig unter den Klamotten getragen werden kann.

Soft Robotic Exosuit
Bild: US ARMY RDECOM | Flickr | CC BY-2.0

Auch hier geht es zunächst einmal um zivile Einsatzmöglichkeiten, bei denen Menschen davon profitieren, dass Muskeln weniger belastet werden müssen, aber auch hier ist die DARPA mit einer fetten Summe investiert, so dass der militärische Einsatz ebenfalls so gut wie sicher sein dürfte.

Blicken wir also auf die Entwicklungen, auf die sich die DARPA fokussiert hat, dürfen wir davon ausgehen, dass wir auch in absehbarer Zeit in den Krisenherden der Welt keine “Iron Man”-Klone rumlaufen sehen, die aus ihrer Rüstung Laser verschießen oder ähnliche Scherze, sondern eher Soldaten, denen man die Modifikation durch ein Exoskelett nicht ansieht.

Smart Drugs

Ist es möglich, mit smarten Drogen oder Medikamenten einen Menschen so zu pushen, dass er als Soldat quasi von “Zero to Hero” mutiert? Jein! Wenn man einen IQ hat wie fünf Meter Hecke wird man auch nicht zur Intelligenzbestie durch irgendwelche Substanzen, die man sich einwirft. Aber allein der Blick auf die Doping-Schlagzeilen der letzten Tage sollten genügen um zu sehen, dass man dem Körper natürlich durch Mittelchen auf die Sprünge helfen kann.

Das wurde schon im zweiten Weltkrieg so praktiziert, als die Militärärzte Pervitin – ein Amphetamin – für sich entdeckten. Es ist dem körpereigenen Adrenalin recht ähnlich, hilft bei der Konzentration, erhöht die Ausdauer und ist ein Stimmungsaufheller. Im Grunde ein Vorläufer des heutigen Crystal Meth, wenn auch ungleich reiner als das, was sich die Junkies da heute reinziehen. Auf der Seite von 3sat, die übrigens auch eine sehr sehenswerte Dokumentation über Drogen im Krieg in ihrer Mediathek bereithalten, wird die Rolle des Pervitin im zweiten Weltkrieg erläutert:

Auch die Militärärzte werden auf das Mittel aufmerksam, denn Müdigkeit ist eines der größten wehrmedizinischen Probleme. Getestet wird das Präparat an Studenten, die nach der Einnahme in der Lage sind, nach zwei Tagen und einer Nacht ohne Schlaf noch mit Erfolg Aufgaben zu lösen.

Noch während diese Tests laufen, fällt Deutschland in Polen ein. Militärärzte kaufen ganze Apothekenbestände an Pervitin auf und verteilen sie an die Truppen. 35 Millionen Tabletten liefern die Temmlerwerke allein für den Frankreichfeldzug. Zehn Stunden hält die Wirkung von Pervitin, das auch gegen die Kälte und die Angst hilft. Als die Dosen erhöht werden, wird langsam klar, dass Metamphetamin Gewöhnungs- und Suchtgefahr birgt und sogar Wahnvorstellungen auslösen kann. Ernst Udet, ein berühmtes Fliegerass, wird prominentestes Opfer. Abhängig von Alkohol und Pervitin erschießt er sich.

Heute setzt man bei den “Smart Drugs” auf andere Präparate, während in der Medizin Metamphetamin nur noch gegen Narkolepsie eingesetzt wird. Dazu gehört Ritalin, welches wir als Anti-ADHS-Mittel kennen, aber auch Modafinil. Von der US Army gibt es sogar einen Leitfaden (PDF), in dem es um die Leistungssteigerung bei Soldaten geht, in denen diese Präparate explizit als “Wachmacher” deklariert werden.

Durch diese Stoffe wird beispielsweise die Ausschüttung von Dopamin erhöht, wodurch sich der Soldat besser fokussieren kann, zudem lernfähiger und aufmerksamer wird, als Folge des erhöhten kognitiven Denkvermögens. Allerdings kann auch Modafinil zur Suchtzuständen führen, hier könnt ihr mehr erfahren über die Nebenwirkungen.

Eingriffe in den menschlichen Körper

Ja, die Militärs machen natürlich auch nicht vor dem menschlichen Körper halt, um die Leistungsfähigkeit seiner Soldaten zu verbessern. Dabei geht es jetzt aber nicht um implantierte Klingen wie bei Wolverine oder andere Waffensysteme. Vielmehr versucht man, Hirnimplantate im Schädel unterzubringen, die für positive Impulse sorgen sollen.

Hirnimplantate für eine Deep Brain Stimulation (Tiefe Hirnstimulation) nach der Opertation bei einem Parkinson-Patienten. Bild: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0
Hirnimplantate für eine Deep Brain Stimulation – Bild: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Die US-Regierung hat vor wenigen Jahren die BRAIN-Initiative (Brain Research through Advancing Innovative Neurotechnologies) auf den Weg gebracht. In mehreren Projekten soll das Gehirn bzw. die elektrische Übertragung von Informationen im Hirn entschlüsselt werden, so dass wir feststellen können, wieso ein Mensch Depressionen hat, wo Traumata ausgelöst werden und wie man Erinnerungen zurückholen kann.

Man befindet sich hier noch ziemlich am Anfang eines langen Forschungs-Wegs aber im optimalen Fall wird es eben möglich sein, über Neuroimplantate direkt auf dem Hirn gezielte Stromstöße abzugeben, um bestimmte Partien des Gehirns zu stimulieren. Bei einem Experiment im Auftrag der – wieder einmal – DARPA sollen beispielsweise durch Stromstöße auf dem Frontallappen Anzeichen von Angst ausgeschaltet werden, nachlesen könnt ihr das hier.

Bei einem weiteren Projekt namens RAM (Restoring Active Memory) befasst man sich mit Gedächtnisstörungen. Laut DARPA sollen davon allein seit dem Jahr 2000 270.000 Soldaten betroffen sein. Auch hier wird mithilfe von Stromstößen durch ein autonom funktionierendes Implantat probiert, wieder an die Erinnerungen des Patienten heranzukommen.

Der nicht zu unterschätzende Haken an der Nummer: Eingriffe durch die Schädeldecke, Metallstifte direkt im Hirn – das ist zweifellos mit Risiken verbunden, so könnten beispielsweise Hirnblutungen oder Infektionen entstehen und den Patienten schädigen, schlimmstenfalls sogar töten. Daher geht eine andere von der DARPA finanzierte Studie im wahrsten Sinne des Wortes einen anderen Weg: Durch die Halsschlagader werden sogenannte Stentroden – dabei handelt es sich um kleine Gitter-Röhrchen, die mit Elektroden besetzt sind – ins Gehirn befördert und

Einsatz von mit Elektroden-besetzen Stents als Alternative zum invasiven Implantieren zeigt. Die „Stentrode“ ist ein mit Elektroden besetztes Gitter-Röhrchen, das über die Halsschlagader hoch ins Gehirn geschoben wird. Dort werden die Hirnaktivitäten getrackt und über ein Kabel wieder zurück zum Hals übertragen, wo sie dann kabellos an Ärzte geschickt werden könnten.

Noch weniger gefährlich ist es, wenn diese Stromimpulse von außerhalb kommen. Leichte Stromstöße von außen sollen bewirken, dass die Synapsen stimuliert werden bzw. deren Wachstum angeregt wird. Es werden mit dieser Methode bereits erste Patienten mit Depressionen behandelt, bei Motherboard wird zudem ein weiteres Experiment erwähnt:

Bereits 2013 haben die Luftstreitkräfte der Wright-Patterson Air Force Base in Ohio Mitarbeiter des Stützpunktes mit tDCS trainiert. Dafür zogen sich mehrere Airmen elektrodenbehaftete Hauben auf und drückten beim Erkennen eines Flugzeugs auf einem Monitor einen Knopf—je schneller, desto besser.

Mit leichten Stromstößen über die Haube stimulierten die Forscher während des Lernens die motorische Rinde, und danach noch das Zentrum für bewusstes Denken. Das Resultat: Die Airmen lernten die Abläufe schneller.

Angeblich ohne Nebeneffekte will man auf diese Weise die Lernfähigkeit der Probanden um bis zu 30 Prozent steigern binnen der nächsten vier Jahre. Ich glaube, dass man hinter dem Punkt “Nebeneffekte” da lieber noch ein Fragezeichen setzen sollte, weniger gefährlich als ein Eingriff ins Gehirn dürfte diese Methode aber allemal sein.

Und wie sieht der Super-Soldat nun aus?

Ich fürchte, dass man auch mit einem 2000 Wörter langen Artikel nur an der Oberfläche kratzen kann. Das liegt zum einen daran, dass es ein schrecklich komplexes Thema ist, bei dem es sehr viele unterschiedliche Ansätze gibt, wie ein Mensch – in diesem Fall eben ein Soldat – zu einem “übermenschlichen” Krieger gemacht werden soll.

Zum anderen liegt das aber auch daran, dass wir natürlich nicht hundertprozentig wissen, was hinter den verschlossenen Türen der Labors vor sich geht. Als langjähriger Akte X-Fan (und von artverwandten Serien und Filmen) mag man sich nun wahrlich nicht mehr vorstellen, dass die Militärindustrie und die beteiligten Forscher auch nur annähernd all das ausplaudern, was da aktuell in der Mache ist.

Bleibt zu hoffen, dass die Ideen nicht zu krank und zu menschenverachtend sind und die Soldaten der Zukunft tatsächlich die hier skizzierten sind: Normale Soldaten, die ein bisschen konzentrierter, ein bisschen belastbarer und ein bisschen schneller sind und nicht etwa Cyber-Krieger, die halb Mensch, halb Roboter sind.

Noch schöner wäre es natürlich, wenn wir irgendwann tatsächlich das Kriege-Führen und Morden hinter uns lassen könnten, aber daran wird sich die Menschheit wohl noch lange die Zähne ausbeißen.

Quelle: Motherboard