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Wird aus Facebook irgendwann der größte Friedhof der Welt?

Über zwei Milliarden Menschen tummeln sich bei Facebook. Darunter befinden sich aber auch immer mehr Seiten im Gedenkzustand. Schon in 50 Jahren könnten auf Facebook mehr Tote als lebendige Nutzer versammelt sein.

von Carsten Drees am 3. Mai 2019

Es gibt so Themen, mit denen befasst man sich einfach nicht gerne. Der Tod ist wohl das beste Beispiel für ein solches Thema, das man zu gerne verdrängt. Manchmal können wir diesen Dingen aber leider nicht entkommen, wie wir alle irgendwann im Laufe unseres Lebens feststellen müssen.

Auch digital wird unser Ableben ein immer größeres Thema, weil wir online unsere Spuren hinterlassen, unsere Freunde um uns versammeln und sie an unserem Leben teilhaben lassen. Zum Leben gehört der Tod zwangsläufig dazu und so wird es gerade bei einer Plattform wie Facebook mit seinen über zwei Milliarden Usern interessant, wie wir alle — und Facebook selbst — damit umgehen werden.

Carl Öhmann und David Watson haben sich für das Oxford Internet Institute im Rahmen einer Studie wissenschaftlich mit dem “Online-Tod” beschäftigt. Konkret sind sie dabei der Frage nachgegangen, wie sich die Anzahl der Facebook-Profile von toten Nutzern im Laufe des 21. Jahrhunderts entwickeln wird und wie sich das geografisch darstellen wird. Die Wissenschaftler nutzten dafür einen öffentlichen Datensatz der prognostizierten Todesraten von 2000 bis 2100, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen und Nationalitäten.

Wer Interesse an der Vorgehensweise und den kompletten Resultaten der Studie hat, sollte unbedingt einen Blick auf die oben verlinkte Seite werfen, auf der alles ausführlichst dargestellt wird. Ich möchte das für diesen Beitrag ein wenig abkürzen und mir nur eine Quintessenz herauspicken.

Ausgegangen ist man bei der Berechnung von zwei extremen Szenarien: Einmal hat man angenommen, dass Facebook ab sofort überhaupt keine neuen Nutzer mehr verzeichnet. Im zweiten Szenario hingegen hat man vorausgesetzt, dass Facebook weiter genau so stark wächst wie bisher (mit einem 13-prozentigen Wachstum jährlich), so lange, bis wirklich jeder Mensch ein Facebook-Profil hat. Beide Optionen sind natürlich denkbar unwahrscheinlich, grenzen aber die Ergebnisse ein, die wir erwarten dürfen.

Diese Ergebnisse sehen wie folgt aus: Gäbe es keine neuen Nutzer mehr, würden wir schon 2060 etwa 500 Millionen Facebook-Tote auf der Plattform vorfinden, etwa zehn Jahre später wäre der Zeitpunkt gekommen, an dem sich auf Facebook mehr tote als lebendige Nutzer befinden. Geht man vom anderen Szenario aus, wäre diese Schwelle erst im frühen 22. Jahrhundert erreicht, also etwa 80 Jahre von heute.

Das bedeutet, dass Facebook selbst mit Mitgliederschwund nicht in den nächsten Jahren einem Ort gleichen würde, auf dem sich mehr Tote als Lebende tummeln. Aber es gibt zumindest ein Zeitfenster in ein paar Jahrzehnten, wo dieser Punkt definitiv erreicht wird. Natürlich gehen wir in diesen Beispielen immer davon aus, dass die Plattform Facebook überhaupt die Jahrzehnte überleben wird.

Für all diejenigen, die sich jetzt schon hämisch ihre Worte für einen Kommentar zurechtlegen, weil Facebook ja sowieso bald aus irgendeinem Grund platt sein soll: Spart euch die Mühe, denn ich möchte hier nicht darüber sprechen, wie lange Facebook noch existiert, sondern darüber, wie wir mit unseren Online-Toten umgehen werden. Das ist nämlich ein Thema, welches nicht mit einem nicht mehr existenten Facebook verschwinden würde. Unsere Spuren wären immer noch irgendwo online und daraus ergeben sich sowohl technische als auch ethische Fragen.

Wie ihr vielleicht wisst, ermöglicht es uns Facebook, dass wir eine Person benennen, die unseren virtuellen Nachlass — also unser Profil — verwaltet. Diese Person kann sich nicht als der Verstorbene einloggen, keine Nachrichten lesen oder schreiben und auch keine neuen Freundschaftsanfragen stellen. Er kann aber eingehende Anfragen bestätigen und hat Einfluss auf das, was ihr auf dieser Seite im Gedenkzustand zu sehen bekommt, also die Bilder und auch ein einziges, fest fixiertes Posting.

Hier könnt ihr beantragen, dass ein Facebook-Profil in den Gedenkzustand versetzt wird und hier erfahrt ihr mehr darüber, was Nachlasskontakte sind und was sie mit dem Profil anstellen dürfen, für das sie verantwortlich sind. Vor Jahren haben wir das auch schon mal in einem Artikel für euch zusammengefasst:

Was passiert im Todesfall? Facebook regelt das Vererben eures Accounts

Wie soll unser virtuelles Vermächtnis aussehen?

Es stellen sich aber auch weitere Fragen, die mit diesem Tod eines Nutzers zusammenhängen. Gerade Facebook muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nachlässig mit Daten umgegangen zu sein in Vergangenheit und natürlich fragen sich da nicht wenige, ob ausgerechnet die Daten der Toten hier in sicheren Händen sein können. Damit befassen sich auch die Autoren der Studie, denen es nicht in erster Linie darauf ankommt, einen Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem mehr tote als lebendige Nutzer auf Facebook vertreten sein werden.

Interessanter ist für die beiden, dass wir uns bereits jetzt mit dem Thema auseinandersetzen und das auch möglichst breit diskutieren. Zu viele Dinge könnten passieren, die weder wir noch Facebook zum jetzigen Zeitpunkt absehen können. Facebook könnte beispielsweise zerschlagen werden oder aus irgendeinem anderen Grund von der virtuellen Landkarte verschwinden. Genau so gut könnte sich Facebook auf ein anderes Geschäftsmodell verlagern, welches mit einem pietätvollen Umgang mit Verstorbenen kollidiert. Denkbar wäre auch, dass es irgendwann einfach nicht mehr wirtschaftlich wäre, die vielen Millionen Gedenkseiten zu betreiben. Das ist heute vielleicht noch nicht spannend, aber wenn irgendwann einmal Gedenkseiten in dreistelligen Millionenhöhen existieren, verhält sich das vermutlich komplett anders.

Unlängst kündigte Mark Zuckerberg an, dass es einem Facebook-Nutzer mal möglich sein soll, seine kompletten Daten zu nehmen und zu einem anderen Social-Media-Angebot zu wechseln. Aktuell würde mir da kein Angebot einfallen, aber ich würde mir zumindest wünschen, dass es auch für Verstorbene und deren Daten einen solchen Weg geben wird. Vielleicht muss man einen solchen virtuellen Friedhof — egal, ob unter dem Dache Facebooks oder davon losgelöst — auch explizit anlegen. Also einen Ort anlegen, an dem sich nicht Profile der Lebenden munter mit denen der Toten abwechseln, sondern wo die pietätvolle Stille erwartet werden kann, die wir auch von tatsächlichen Friedhöfen kennen.

Persönlich glaube ich, dass dieses virtuelle Gedenken zunehmend eine wichtigere Rolle spielen wird. Auf dem Friedhof steht ein kalter Grabstein und darauf finden wir vielleicht noch ein Foto und mehr oder minder frische Blumen. Auf einer liebevoll gepflegten Gedenkseite könnten wir uns mithilfe von Fotos und Videos und vielleicht auch eigenen Texten des Verstorbenen viel intensiver an den Menschen erinnern, der er tatsächlich war, findet ihr nicht auch?

Carl Öhmann und David Watson haben sich auch dazu Gedanken gemacht — also zu dem, was online von uns übrig bleibt. Die Summe dieser Toten-Profile sehen sie sogar als ein gemeinsames kulturelles Erbe an, welches späteren Generationen mal sehr viel darüber verraten kann, wie wir gelebt haben, wie sich bestimmte politische Strömungen entwickeln konnten und vieles mehr.

Auch hier stellen sich aber wieder weitere Fragen: Sollen Historiker irgendwann Zugriff haben auf unsere Daten? Oder sollte das Gepostete, zumindest wenn es öffentlich war, sogar bis in alle Ewigkeit für die Allgemeinheit verfügbar bleiben? Öhmann und Watson jedenfalls halten es für wichtig, dass all diese Daten dezentral vorliegen müssen und nicht nur ein oder ein paar Unternehmen das verwalten, was digital von uns übrig bleibt. Sie begründen das mit einem Zitat von George Orwell:

Wer unseren Zugang zur Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert auch, wie wir die Gegenwart wahrnehmen.

Die Studie hält keine befriedigenden Antworten für uns bereit, das war aber auch nicht Sinn und Zweck. Vielmehr möchten die Verantwortlichen, dass wir uns mit dem Thema intensiv auseinandersetzen und dass eine Debatte angestoßen wird. Ich werde diese Thematik sowieso weiter verfolgen, weil es mich auch über meinen Beruf hinaus interessiert. Aber wie steht ihr dazu? Habt ihr euch jemals damit beschäftigt, was mit euren digitalen Überresten passieren wird? Möchtet ihr, dass aus eurem Profil einmal eine Gedenkseite wird, oder werdet ihr veranlassen, dass mit eurem Tod alles an Daten auf Facebook gelöscht wird? Schreibt es uns in die Comments.

via FAZ