Wird Telepath sowas wie ein freundliches Twitter?

Telepath heißt ein neues Social-Media-Projekt, welches grob mit Twitter vergleichbar ist, vor allem bei Themen wie Fake-News oder Hassrede alles anders machen möchte als Twitter.

von Carsten Drees am 25. September 2020

Hand aufs Herz: Wann habt ihr das letzte Mal wirklich so ganz ernsthaft daran geglaubt, dass ihr einen neuen Social-Media-Dienst gesehen habt, der ganz ernsthaft Twitter und/oder Facebook gefährlich werden kann? Vor etwa drei Jahren schickte sich beispielsweise Mastodon an, Twitter ein paar Nutzer abzugraben mit einem dezentralen Ansatz. Letzten Endes kam man aber über ein Nischendasein nicht hinaus, obwohl ich der Plattform mehr Erfolg gegönnt hätte.

Es ist also schwierig, Twitter mit einem ähnlichen Ansatz zu beerben. TikTok und Instagram haben zwar bewiesen, dass auch andere Plattformen riesig groß werden können, beide verfolgen aber auch komplett andere Ansätze als Twitter. Aber was müsste ein Service mitbringen, damit er die Chance hat, selbst dann zu wachsen, obwohl er Twitter sehr ähnlich ist?

Die Macher von Telepath haben jetzt eine ziemliche Weile an einer entsprechenden Formel gearbeitet und dabei mehrfach alles über den Haufen geworfen und neu angefangen. Jetzt ist man zumindest soweit, dass man diesen Dienst einer etwas größeren Menge Menschen zugänglich machen möchte — die Rede ist von zunächst einmal viertausend Personen, also ein immer noch sehr überschaubarer Kreis. Wer interessiert ist, kann sich übrigens hier jetzt auf eine Liste eintragen lassen. Aber ich warne euch schon mal vor: Telepath möchte eure Telefonnummer und eure richtigen Namen!

Was macht Telepath anders/besonders?

Das Interesse an Namen und Telefonnummer ist auch nicht zufällig und hängt mit der Konzeption von Telepath zusammen. Dabei ist es technisch gesehen wohl am ehesten als das uneheliche Kind von Twitter und Reddit zu verstehen. Soll heißen, ihr diskutiert dort ähnlich wie bei Twitter, allerdings immer innerhalb einer Gruppe zu einem bestimmten Thema. Diese Gruppen werden hier “Networks” genannt und sollen mehr Struktur in den ganzen Laden bringen. Mit Twitter gemein hat Telepath den Feed, in welchem ihr euch durch die Updates eurer Freunde und Themen scrollen könnt. Konversationen werden nach 30 Tagen per Default gelöscht, verbleiben aber im privaten Archiv.

In technischer Hinsicht gibt es also einen etwas veränderten Ansatz gegenüber Twitter, wirklich entscheidend unterscheidet man sich aber hinsichtlich der Art und Weise, wie man mit Fake-News und Hassrede umgeht. Das noch sehr kleine Team besteht aus Menschen, die schon bei Quora gearbeitet haben, teils auch bei Twitter. Man bringt also sowohl Erfahrung als auch Interesse und Leidenschaft fürs Thema Social Media mit. Daher möchte man Fehler vermeiden, die die großen Netzwerke gemacht haben. Das geht damit los, dass man schon vom ersten Tag eine Strategie mitentwickelt, die eben nicht nur auf den Wachstum der Plattform abzielt, sondern auch das Verhindern von Hass, Häme und Fakes von Anfang an im Blick hat.

Weil man eben gegrübelt hat, wie das gelingen kann, gibt es einige Einschränkungen bei Telepath: Wie oben schon erwähnt, setzt man auf Klarnamen und die Verknüpfung des Accounts mit der Telefonnummer des Nutzers. Außerdem wird Telepath keine Accounts von Organisationen zulassen, ebenso keine Bots und keine Publisher.

Telepath hat aber auch jetzt schon Benimm- und Verhaltensregeln, die deutlich über das hinausgehen, was wir von anderen Plattformen gesehen haben, die sich in einem so frühen Entwicklungsstadium befinden. In den Regeln heißt es zum Beispiel:

Stay on-topic and tone. Some networks have a very clear topic, tone, and intent, and others are more broad. Don’t bombard an obviously pro-x network with an anti-x agenda, or vice-versa.

und

Don’t circle the drain. If you are in a contentious debate where anyone is repeating the same points, seems focused on having the last word, and/or is badgering others, Telepath may lock the thread to end the conversation.

Befindet man sich also beispielsweise in einem Network zur Elektromobilität, bei dem man davon ausgeht, dass sich hier Anhänger dieser Technologie versammeln, sollte man sich tunlichst als E-Mobilitäts-Hater raushalten. Ebenso behält sich Telepath vor, Threads dichtzumachen, wenn hier keine konstruktiven Beiträge oder neue Argumente mehr zu erwarten sind. Beeindruckend ist aber auch die allererste Regel bei Telepath:

Be kind. Don’t be mean. Don’t attack people or insult what they post. Assume that other people have good intentions. If a reasonable person would think you’re being an asshole, that’s not okay. Persistent behavior that’s on the line is not okay.

Kurz zusammengefasst: Benehmt euch nicht wie ein Arschloch und geht nett miteinander um. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Jemand, der mit seiner Meinung falsch liegt und beschimpft wird, wird sicher weniger auf Argumente hören als jemand, der konstruktiv und freundlich angesprochen wird. Wer sich an diesen Grundsatz partout nicht halten möchte, wird einfach von Telepath gekickt.

Dieser Entwurf einer Art “Twitter in freundlich” ist natürlich ein frommer Wunsch, bei dem man sich fragen muss, wie Telepath gewährleisten will, dass sich auch daran gehalten wird. Gelingen soll das u.a. durch interne Moderation. Diese Überwachung wird also nicht ausgelagert, stattdessen will man von Tag 1 an auch die Zahl der Moderatoren stetig anwachsen lassen. Man ist sich auch dessen bewusst, dass das sehr kostenintensiv werden kann.

Ganz oben auf der Agenda steht auch, dass man ein Klima schaffen möchte, bei dem sich vor allem Frauen sehr sicher fühlen. Telepaths Kommunikations-Chefin Tatjana Estévez meldet sich zu dem Thema in einem ausführlichen Thread auf Twitter zu Wort, der gleich zweierlei bestätigt: Dass man sich a) sehr entschieden gegen vor allem männliche Trolle zur Wehr setzen will und b) tatsächlich sehr genau beobachtet und verstanden hat, wie Menschen in den sozialen Medien miteinander umgehen.

Sie sagt da u.a.:

Angesichts der Komplexität der Online-Frauenfeindlichkeit konzentriert sich unsere Moderationsphilosophie auf die Intention. Wir werden nicht zögern, aggressiv vorzugehen, wenn wir zu dem Schluss kommen, dass ein Mann schlechte Absichten hat. Wir werden es nicht zulassen, dass Trolle/Frauenfeinde damit durchkommen, wiederholt am Rande unserer Regeln zu trollen. Tatjana Estévez, Head of Communication bei Telepath

Das halte ich für einen super spannenden Ansatz: Wir alle kennen solche Typen, bei denen man die böse Absicht erkennt, auch wenn er eine Frau noch nicht mit deutlichen Worten beleidigt oder herabwürdigt hat. Mit diesem Ansatz räumt man sich selbst das Recht ein, bereits hier eingreifen zu können und somit auf lange Sicht den Ton mindestens gemäßigt und bestenfalls freundlich zu halten.

Verhaltensmuster wie Mansplaining oder das ebenfalls gerne von Trollen genutzte Sealioning (Erklärung hier) will man im Keim ersticken, außerdem möchte Telepath knallhart das Verbreiten von Hoaxes oder Fehlinformationen und Fake-News unterbinden. Bis das Konzept, so wie es jetzt steht, fertig war, haben die Macher insgesamt vier mal neu angefangen und starten erst jetzt in eine private Beta, weil sie eben jetzt erst das Gefühl haben, dass Telepath so aussieht, wie man sich das vorgestellt hat.

Wie oben bereits erwähnt: Es ist ein frommer Wunsch zu glauben, dass das alles so kinderleicht gelingt und mit Telepath sowas wie ein freundliches Twitter entsteht, bei dem sich auch schnell eine große Nutzerbasis einfindet.

Aber schlimmstenfalls funktioniert der Ansatz für Telepath nicht, was aber nichts daran ändern würde, dass die erdachten Regeln und neuen Ansätze für jedermann ersichtlich im Raum stehen. Vielleicht werden wir also nicht alle in absehbarer Zeit Telepath nutzen, aber mit ein bisschen Glück dennoch die Auswirkungen dieser erfrischend anderen Herangehensweise auf den etablierten Plattformen bemerken.

Wie gut das dann technisch alles funktioniert und ob neben den Ideen zum friedlichen Miteinander auch die technische Ausrichtung zündet, wird sich noch zeigen müssen. Ich warte jetzt erst mal ab, wie lange es braucht, bis man freigeschaltet wird und wie die Plattform sich dann im Einsatz bewährt — und dann erzähle ich euch mehr. Bis dahin könnt ihr euch ja auch schon mal in die Warteliste eintragen — ganz so wie damals in den Goldgräber-Zeiten des Social Media.

Quelle: The Verge