Kommentar
#Wirsindmehr – aber ich bin auch enttäuscht…

65.000 Menschen standen unter dem Motto #Wirsindmehr Montag in Chemnitz gegen Rechts, gegen Ausgrenzung und gegen Fremdenfeindlichkeit ein. Laut, aber friedlich. Feiernd, aber entschlossen. Dennoch bin ich ein wenig enttäuscht. Ein Kommentar.
von Carsten Drees am 5. September 2018

#Wirsindmehr — unter diesem Hashtag hat sich nach den rechten Aufmärschen in Chemnitz schnell der Protest gegen Rechts formiert. Montag fand dieser Protest seinen vorläufigen Höhepunkt, als nämlich das in wenigen Tagen organisierte Festival gegen rechte Hetze über die Bühne ging.

Die Lokalmatadoren von Kraftklub gaben sich selbstverständlich die Ehre, Casper und Marteria waren da und auch die alten Recken von den Toten Hosen durften bei dem Event nicht fehlen. Abgerundet wurde das Line-Up vom ebenfalls aus Chemnitz stammenden Trettmann, K.I.Z. und den nicht unumstrittenen Punk-Rockern von Feine Sahne Fischfilet.

Alles blieb friedlich, das ist sicher schon mal das Wichtigste. Weder kam es zu Ausschreitungen unter den Zuschauern, die vermutlich ein sehr breites Spektrum von der bürgerlichen Mitte bis zum äußerst linken Rand abdecken dürften, noch wurde die Veranstaltung durch rechte Aufmärsche gestört.

Alles in allem war es ein sehr wichtiges Zeichen der Solidarität, ein sehr deutliches Farbe bekennen einer ganzen Region, die immer wieder in die Schusslinie gerät. Nicht zuletzt war es auch ein bisschen Mathematik: “Wir sind mehr” ist nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern auch der Beweis, dass wir wirklich mehr sind: 65.000 vs 8.000 Rechte und -Sympathisanten, die am Montag vor einer Woche aufmarschierten.

Dennoch bleibt für mein Empfinden ein fader Beigeschmack. Das betrifft ganz sicher nicht nur das Event gestern, versteht mich da bitte nicht falsch. Es betrifft auch den Ton, den alle Seiten anschlagen und es betrifft die Schlüsse, die viele jetzt ziehen und es betrifft auch die Leute, die so verdächtig ruhig sind. Viele Gründe, die mich enttäuschen.

Auch zum Thema: Der Facebook-Algorithmus, Geflüchtete und der rechte Mob

Enttäuschung Nr.1: Wieso wieder “Links gegen Rechts” statt “Alle gegen Rechts”?

Die Stoßrichtung der Veranstaltung war schon klar, lange bevor mit Trettmann der erste Künstler auf die Bühne kam. Aktivisten sprachen klare Worte gegen Rechts, was ich natürlich auch absolut begrüße. Es muss zu jeder Sekunde klar sein, dass man die Straßen keinem rechten Mob überlässt.

Aber wieso verständigt man sich nicht auf einen Kurs der Mitte gegen Rechts? Oder auf ein “Alle gegen Rechts”? Wir reden so viel davon, dass man zuhören soll, den Dialog suchen, Gräben zuschütten usw. Wir versuchen klar zu machen, dass man nicht “Links” ist, wenn man gegen Nazis ist, sondern schlicht normal. Wieso ist dann das erste, was auf dem Festival passiert, dass man lautstark bestätigt, dass es sich hier um eine Links vs Rechts-Nummer handelt? Ich zitiere meinen Blogger-Kollegen Mika, der sich auf Facebook äußerte und mit dem ich da absolut einer Meinung bin:

Ich selbst würde mich politisch eher links als rechts verorten, also darum geht es mir nicht. Es geht darum, dass wir auf beiden Seiten kein besonders homogenes Bild haben. Auf der rechten Seite sind die wirklich strammen Nazis zu finden, daneben aber auch dumme Mitläufer und vermutlich auch viel zu viele Menschen, die es besser wissen könnten, dass man nicht mit Neonazis in der selben Demo laufen sollte, weil die nämlich ganz sicher nicht ihre tatsächlichen Probleme lösen wollen.

Aber auf der linken Seite gibt es auch einen kleinen, gewalttätigen Kern. Ich bin nicht so dämlich, beides miteinander gleichzusetzen, will aber darauf hinweisen, dass es auch links von Ausländerfeinden ein sehr, sehr breites und vielfältiges Feld gibt. Für mich deckt sich “die Antifa” vor allem in ihren radikalen Auswüchsen mit dem Begriff Antifaschismus im eigentlichen Wortsinn nicht, ebenso wie eine “Alternative für Deutschland” alles Mögliche ist, aber sicher keine Alternative für Deutschland.

Viele haben noch die Bilder aus Hamburg vom G20-Gipfel im Kopf. Dort waren es Linksradikale, die Autos abfackelten, plünderten, Polizisten angriffen. Ich weiß nicht, ob die Menge dieser linksradikalen Idioten innerhalb der Demos ebenso klein war wie auf der anderen Seite in Chemnitz die Menge derjenigen, die auf einem Trauermarsch den Hitlergruß zeigen. Das will ich auch nicht bewerten, nur eben festhalten, dass es auf beiden Seiten Backpfeifengesichter gibt, die man nicht ohne Aufsicht auf die Straße lassen sollte. Genau deswegen wäre es meines Erachtens wertvoll gewesen, den anderen nicht argumentativ in die Karten zu spielen, die auf jeden Vorwurf gegen Rechte mit “…aber die Linken” antworten. Hätte man sich drauf konzentriert, die große Zahl der Besucher als “normal” einzuordnen, statt sie als “links” zu instrumentalisieren, hätte man meiner Meinung nach den pfiffigeren Weg gewählt.

Enttäuschung Nr. 2: Zweierlei Maß

Wir sind uns ja irgendwie ohne große Absprache einig, dass “wir” die Guten sind. Wer gegen Nazis ist, liegt halt richtig — egal, was er tut. Das gefällt mir in seiner Schlichtheit nicht, ehrlich gesagt. Intelligente, eloquente und normalerweise reflektierte Menschen aus meinem Umfeld verlieren da zwischendurch ebenfalls das Maß. Der Zweck heiligt da plötzlich die Mittel und da wird dann auch belustigt gekichert, wenn man der von Storch eine Torte ins Gesicht wirft oder Gauland die Klamotten abzieht.

Wenn es gegen Rechte geht, ist plötzlich auch Gewalt geduldet. Ich erinnere mich noch an den Alt-Right-Kollegen aus den USA, der ein paar Fausthiebe einstecken musste — vor allem erinnere ich mich daran, dass das Video davon auch in den Reihen meiner Facebook-Freunde frenetisch bejubelt wurde. Wir kritisieren, dass die AfD und andere Rechte nur die ganz einfachen Lösungen für komplexe Probleme bieten (was bei denen auch in der Tat Methode hat) und begnügen uns dann ebenfalls mit den schlichtesten aller Lösungen, egal ob Torte ins Gesicht oder die Faust.

Vielleicht bin ich da behämmert, was sowas angeht, aber ich finde es falsch. Wie können wir uns über Rechte und “besorgte Bürger” lustig machen und echauffieren, wenn wir dann manchmal keinen Deut besser sind? Wenn ihr jemals bei einem AfD-Fan Witze über seine Rechtschreibung gemacht habt, bei einem Posting gegen Nazis aber beide Augen zudrückt, wenn es nur so Rechtschreibfehler hagelt, dann ist auch das Messen mit zweierlei Maß. Das können wir besser und ich würde mir wünschen, dass wir das auch alle mal wieder mehr vorleben.

Enttäuschung Nr. 3: Unnötiges Künstler-Bashing

Von mir aus lasst es jeden wissen, wenn ihr eine bestimmte Musik kacke findet. Mir haben bei Trettmann am Montagabend auch die Ohren geblutet, muss ich zugeben. Ich will hier aber nicht über genuschelten Autotune-Quatsch diskutieren, sondern eher darüber, dass ich heute so unzählige Beiträge auf Twitter und Facebook gesehen habe, die sich an Campino und Konsorten abarbeiten.

Ich schätze, die Toten Hosen haben davon das meiste abbekommen. Schließlich füllen die Alt-Punks seit vielen Jahren Stadien und haben in den Augen vieler vermutlich damit jedes Recht auf Protest und Meinung verwirkt. Verstehe ich nicht, ehrlich. Wenn ich morgen im Lotto gewinne, kann ich doch übermorgen zum Beispiel immer noch überteuerte Mieten Scheiße finden, oder nicht?

Und ich kann auch erfolgreicher Rockmusiker sein, der genug verdient hat, um nicht überlegen zu müssen, ob er sich statt Margarine diese Woche noch Butter leisten kann und dennoch immer noch laut gegen Nazis sein, oder nicht? Woher kommt die Wut auf eine Band, die so deutlich viel öfter den Arsch für die gute Sache hochbekommen hat als die meisten derjenigen, die jetzt große Fresse haben?

Da lese ich auch, dass das Event leider nur eine große Promo-Veranstaltung für Casper und Marteria war, weil die gerade ein (übrigens sehr gutes, chilliges) Album draußen haben. Ernsthaft? Glaubt bzw. unterstellt ihr den beiden allen Ernstes, dass sie bei der Zusage diese Intention hatten? Ja genau, weil es bei beiden ja so miserabel läuft, dass sie schnell noch auf den “Gegen Rechts”-Zug aufgesprungen sind, was? Junge, Junge…

Wenn wir schon über die Künstler sprechen, schließt sich die nächste Enttäuschung direkt an:

Enttäuschung Nr. 4: Wo sind all die anderen Stimmen?

Enttäuscht bin ich auch von der schweigenden Künstler-Mehrheit. Die Veranstaltung wurde in wenigen Tagen hochgezogen und ich weiß, dass dort nicht hundert Künstler auftreten können. Das geht oft einfach logistisch nicht, viele haben schlicht andere Verpflichtungen an diesem Tag gehabt und es finden sich sicher noch ein paar Gründe mehr, die erklären könnten, dass das Line-Up genau so aussah, wie es eben aussah.

Ich persönlich bin auch nicht glücklich mit so manchen sehr linken Aussagen von Feine Sahne Fischfilet. Aussagen, die eben nicht mehr nur links, sondern linksradikal sind. Ich mag auch die neueren Hosen-Stücke nicht mehr sonderlich und bei Trettmann hab ich ja oben schon geäußert, dass es musikalisch einfach nicht meine Welt ist. Aber die waren alle da! Im Moment geht es um genau das, was das Hashtag ausdrückt: Wir sind mehr!

Wir müssen — und das schließt uns alle mit ein — immer und immer wieder zeigen, was wir von Rechten halten. Müssen zeigen, dass wir ein offenes und modernes Land sind, in dem wir anständig mit Menschen umgehen, egal woher sie kommen, woran sie glauben, wie sie heißen oder aussehen.

Das ist mit einer der Gründe, wieso ich euch hier schon wieder mit so einem Artikel auf den Sack gehe, der einfach nichts mit Technik zu tun hat. Wir haben keine Reichweite, die man mit deutschen Prominenten vergleichen könnte, aber die paar Menschen, die wir hier erreichen können, will ich verdammt nochmal erreichen.

Wir müssen — und das schließt uns alle mit ein — immer und immer wieder zeigen, was wir von Rechten halten. Müssen zeigen, dass wir ein offenes und modernes Land sind, in dem wir anständig mit Menschen umgehen, egal woher sie kommen, woran sie glauben, wie sie heißen oder aussehen.

Daher hab ich mein Problem damit, dass die ganz lauten Solidaritätsbekundungen von vielen Prominenten bislang ausbleiben. Ein paar schnell formulierte Aussagen können da doch wirklich schon Wunder wirken, weil man einfach sekundenschnell Millionen Menschen erreichen kann. Ich weiß natürlich nicht, wie die Orga der Veranstaltung in Chemnitz gelaufen ist. Vielleicht fragen Bands wie die Hosen, K.I.Z., Kraftklub oder Feine Sahne Fischfilet einfach keine Helene Fischer oder einen Westernhagen an und schließen sich lieber mit ihresgleichen zusammen. In dem Fall könnte man auch hier mal anregen, nächstes Mal ein bisschen weiter über den Tellerrand zu blicken.

Persönlich könnte ich mir aber vorstellen, dass von den Organisatoren in Chemnitz sicher niemand Nein gesagt hätte, wenn eine Helene Fischer gefragt hätte, ob man ihr für die Sache auch 20-30 Minuten die Bühne überlässt, oder was meint ihr? Wie ihr oben seht, hat sie auf Instagram heute immerhin auch eine Stellungnahme rausgehauen. Ich bin gespannt, ob da beim Konzert oder generell noch was nachkommt, denn ansonsten wäre es mir für einen Star ihres Kalibers ein bisschen zu dünn.

Aber was ist mit den Onkelz (gerade mit deren Vita), was ist mit Rammstein? Wo sind die ganzen Volksmusik-Kapellen, die Schlager- und Popschlager-Fraktion? Wo sind die ganzen Recken, die (mit großem Autoren-Team) immer so wortgewandt daher kommen? Leute wie Max Giesinger, Tim Bendzko, Mark Forster und wie sie alle heißen?

Mag ich deren Musik? Nein! Mögen Hosen-Fans deren Songs? Vermutlich auch nicht! Aber was wäre es für ein Zeichen, wenn eine Helene Fischer, ein Gabalier oder ein Tim Bendzko von den Fans von K.I..Z. und Feine Sahne Fischfilet Applaus bekommen würden bei so einer Veranstaltung? Einfach nur, weil da alle an einem Strang ziehen?

Nochmal: Die Veranstaltung in Chemnitz war große Klasse, toll besetzt und ein richtiges, wichtiges und entschiedenes Zeichen. Ich verstehe, dass man da statt einer Handvoll Acts nun mal nicht eine Neuauflage von Live Aid auf die Beine stellt. Aber wenn die das hin bekommen, wieso gibt es dann nicht das “Schlager gegen Rechts”-Festival in einer anderen Stadt in Sachsen?

Könnt ihr euch noch an das Queen-Konzert erinnern, kurz nach dem Tod des unvergleichlichen Freddie Mercury? Da haben sich selbst so gegensätzliche Charaktere wie Elton John und Axl Rose zusammengerauft und ein Duett gesungen. Stellt euch einfach nur vor, was es für ein Zeichen ist, wenn Campino sich die Bühne mit den Onkelz teilt und man gemeinsam für eine bessere, offenere, freundlichere Welt antritt?

Von mir aus kann man auch zwischen den Musikern noch Schauspieler kurze Statements abgeben lassen. Meinetwegen sogar “Komiker” wie Mario Barth. Für mein Empfinden darf sich hier niemand zu schade sein und niemand sollte wegen seiner Kunst ausgegrenzt werden bei so etwas. Wie ich schon sagte: #Wirsindmehr bedeutet: “Wir alle sind mehr” – und nicht etwa “wir Linken sind mehr”.

Enttäuschung Nr. 5: Besorgte Bürger, AfD und Sympathisanten

Wenn ich sage, dass ausgerechnet Beatrix von Storch den Vogel abgeschossen hat, ist das sicher mehr als nur ein mittel-origineller Wortwitz.

Zu ihrem Tweet möchte ich eigentlich gar nicht mehr viel sagen, aber eine Frage habe ich eben doch und die richtet sich an sie und alle anderen, die ebenso argumentieren: Wie kann man angesichts dieses Festivals, welches ein Zeichen der Solidarität ist und nicht zufällig mit einer Schweigeminute für den Ermordeten begann, davon sprechen, dass auf Gräbern getanzt wird — aber vorher stumm bleiben, wenn auf dem selben Grab der Hitlergruß gezeigt wird?

Ich hab hier schon mehrere Artikel geschrieben, die klar zeigen, wie wenig ich von der AfD und deren Wählern halte. Das tue ich aber, ohne alle pauschal als Nazis zu bezeichnen. Diskutiere ich in diesen Tagen aber mit AfD-Anhängern, ist das wirklich jedes mal ihre erste Reaktion: Alle würden behaupten, dass in Sachsen bzw. in Chemnitz alles Nazis wären und alle Medien würden berichten, dass dort jeder ein Nazi wäre.

Ich bin doch nicht behämmert, Leute! Ich lese einen Berg Zeitungen, die sowohl eine linkere Sicht, als auch eine konservative Sicht abbilden. Nirgends wird dort so pauschalisiert, wie es von der AfD-Fan-Fraktion immer und immer wieder beklagt wird. Und ich frage die Unterstützer dieser Rechtspopulisten: Wieso seid ihr so fakten-resistent?  Wieso wehrt ihr euch sogar dagegen, dass man die Partei als “Rechtspopulisten” bezeichnet, obwohl man sie Schulter an Schulter mit “Menschenfreunden” wie Lutz Bachmann marschieren sieht?

Es ist kein leeres Gewäsch, wenn wir davon sprechen, dass wir wieder mehr aufeinander zugehen müssen. Dazu muss man sich die Argumente des jeweils anderen aber nicht nur anhören, sondern sie auch mal ein par Minuten durchdenken. Man muss erkennen, dass man als AfD-Hasser nicht automatisch linksgrün-versifft ist. Man muss auch erkennen, dass man sowohl für Flüchtlinge sein kann als auch gegen syrische und irakische Menschen, die andere Bürger abstechen.

Das ist kein Widerspruch, weil es in jeder großen Gruppierung zwangsläufig auch Arschlöcher gibt. Wieso kann man das nicht auch von der rechten Seite aus differenziert betrachten? Wieso äußern sich gerade diejenigen, die nach eigenen Aussagen keine Nazis sein wollen, so viel öfter mit Häme und Polemik zu politischen Themen, als ich es von der anderen Seite wahrnehme?

Für mich ist auch das ein Signal, dass man gar nicht wirklich diskutieren will und nicht wirklich Argumente abwägt. Weiter oben habe ich angesprochen, was mich auf “meiner” Seite enttäuscht. Aber dort werden eben nicht tonnenweise Fake-News geteilt, dort werden nicht mit erstaunlicher Akribie alle Nachrichten zu Gewalttaten von Einzelnen zusammengetragen und dort wird auch nicht der Fehler gemacht, für einen Mord automatisch ganze Völker in Sippenhaft zu nehmen.


Puh, ein langer Artikel und eine ganze Liste an Enttäuschungen, über die ich hier gesprochen habe. Ich hoffe, dass das in der Summe kein verzerrtes Bild zeichnet, denn gerade die Veranstaltung in Chemnitz halte ich für ein wirklich wichtiges und mehrheitlich auch positives Zeichen, auch wenn ich eben einzelne Punkte kritischer sehe.

Wie es aber auch die Künstler am Montag bereits vielfach bereits sagten: Ein Festival vor 65.000 Menschen ist eben auch nur ein Statement, ein Zeichen, ein Signal, darf aber nicht das Ende der Fahnenstange sein. Deswegen halte ich es für so eminent wichtig, dass wir weiter laut sind, uns weiter deutlich positionieren und aufzeigen, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. Dass wir weiter argumentieren, weiter aufklären und — ganz wichtig — dass wir der anderen Seite mit offenen Armen begegnen und nicht mit Stöckchen, von denen wir wissen, dass sie darüber springen werden.

Bei allen Punkten, die jemanden wie mich gerade desillusionieren habe ich immer noch die Hoffnung, dass “wir” nicht nur mehr sind, sondern auch intelligent, bemüht und besonnen genug sind, einige der anderen wieder zurück auf “unsere” Seite zu holen. Wir haben nämlich wirkliche Probleme, die es zu lösen gibt und wirkliche Gründe, weshalb wir unseren Politikern auf die Füße treten müssen. Deshalb sollten wir aufhören, uns von Populisten spalten zu lassen und Energie zu verschwenden, die wir an anderer Stelle so viel sinnvoller einsetzen können.