Ferarri 812 Superfast

WLTP / Euro 6: Keine Sportwagen mehr, hunderte weitere Modelle nicht bestellbar

von Robert Basic am 2. September 2018

Es ist soweit: Seit dem 01.09. können keine Fahrzeuge mehr bestellt werden, die mindestens den neuen Standard Euro 6c, Euro 6d-temp und Euro 6d nicht erfüllen. Wen die Details dazu interessieren, was die Standards bedeuten, der kann sich auf Heise umschauen: Abgasnormen im Überblick. Auch zu der „Lücke“ Euro 6c hat Heise etwas aktuell verfasst.

Der ADAC führt eine ständig aktualisierte Liste von Modellen, die Euro 6d und 6d-temp erfüllen. Die Liste habe ich nach Herstellern unterteilt sortiert. Zusätzlich habe ich die Baureihen (Quelle) durchgezählt. Hierbei gilt die Besonderheit zu beachten, dass bspw. ein Opel Karl nicht einfach nur eine Baureihe ist. Sondern aus vier zuzulassenden Modellen besteht: Opel Karl mit 55 PS Benziner und in einer Eco-Variante, zusätzlich der Opel Karl Rocks ebenfalls mit einem 55 PS Benziner und einer Eco-Variante. Sprich, ein Grundmodell, zwei Basisvarianten aka Baureihen und vier Varianten insgesamt. Bei Alfa Romeo sind es 8 Baureihen und mindestens 27 Varianten insgesamt (Mito: 6 Motoren, Giulietta: 7, Giulia: 5, G. Quadrifoglio: 1, 4C: 1, 4C Spider: 1, Stelvio: 5 und S. Quadrifoglio: 1). Prinzip verstanden? Ihr könnt daher die Baureihenzahl mindestens mit 2 oder einem größeren Faktor multiplizieren. Somit ergibt sich ein grob abgeschätzter Vergleich zwischen bereits zertifizierten Modellen nach 6d/6d-temp und der noch zu schließenden Lücke.

Soweit die Tabelle

WLTP Euro 6

Würden wir die Zahl der Baureihen mit 2 oder 5 multiplizieren, kommen wir auf eine noch zu zertifzierende Zahl von ungefähr 800 – 2.200 Modellen.

Was bedeutet das?

♦ Kein Neuwagen (nochmals der Hinweis oben auf Heise zu den Normenarien), der nicht mindestens der Norm Euro 6c entspricht, darf auf die Straße kommen.

♦ Sämtliche Sportwagenmodelle sind zur Zeit von Kunden nicht frei konfigurierbar und damit nicht bestellbar.

♦ Sportmodelle, die auf dem Händlerhof bereits herumstehen, könnt ihr euch natürlich kaufen. Da diese bereits zuvor für den Straßenverkehr zugelassen wurden. Das gilt im Prinzip für jeden Hersteller und jedes Modell. Was auf dem Hof steht, kann man fertig kaufen. Was nicht: warten!

♦ 15 Hersteller können überhaupt keine neuen, frei konfigurierbaren PKWs verkaufen. Nicht einmal Tesla.

Update: Da Fragen zu Tesla aufkamen, wieso der oben in der Liste auftaucht. Der Hersteller ist eigens ergänzt worden, um dediziert aufzuzeigen, dass die WLTP-Regelung ohne Ausnahme auch für Elektrofahrzeuge gilt. Selbstredend geht es nicht um Euro 6-Normen, die für Verbrenner gelten. Die Euro 6-Norm begrenzt die Schadstoffmengen bezogen auf CO2, Stickoxid und Feinstaub. Jedoch geht es beim WLTP-Testverfahren für E-Autos um die Reichweitenangabe, die unter dem alten NEFZ-Testverfahren deutlich höher ausgewiesen wurde. Mit WLTP werden sich die deklarierten Reichweitenangaben grob geschätzt um ein Drittel reduzieren. Das WLTP Verfahren ist ab dem 01.09.2018 für alle Neuwagen Pflicht. Die sogenannte Typenzulassung ist seit dem 01.09.2017 vorgeschrieben worden. Bis dato liegt keine offizielle Liste aller auf WLTP-getesteten Elektromodelle vor. Daher ist zunächst konservativ davon auszugehen, dass die Hersteller sich Zeit lassen. Logo: erst die Bestseller, dann die Nischenfahrzeuge. Nicht vergessen: Jede verbrauchsverändernde Sonderausstattung muss einzeln getestet werden. Es gibt nicht mehr einen WLTP-Wert für ein Modell. Sondern für eine Modellvariante X verschiedene Verbrauchsangaben in Abhängigkeit der Ausstattung. Zum Beispiel beim Tesla die diversen Akkugrößen und evtl. Sonderoptionen.

♦ Deutsche Hersteller mit einer Vielzahl an Baureihen – Mercedes alleine kommt auf 70 – hinken noch deutlich hinterher, was ihre jeweilige Gesamtpalette angeht.

♦ Volkswagen hat eine doppelt-dreifache Last bekanntlich: Deren Motorenvarianten sind dermaßen zahlreich, der Dieselskandal bindet immer noch große Ressourcen und das US-Justizministerium lässt mit 60 (!) abgestellten Überwachern VW auf die Finger schauen, ob die ja alles richtig machen, was der US-Richter VW an Hausaufgaben mitgegeben hat. Sonst droht zur bereits bezahlten 4 Milliarden USD Strafe eine Zusatzstrafe von bis zu 60 Milliarden US-Dollar. Kein Joke. VW hat sich ausgerechnet mit einem 400-Pfund Gorilla angelegt. Außerdem zwickt es VW gewaltig, da ab 2020 die neue EU-Norm gilt, dass die Fahrzeugflotte im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm CO2/km ausstoßen darf. VW liegt momentan bei 115. Auch andere Hersteller werden sich ebenso strecken müssen. Kein Wunder, dass der VW Konzernchef Diess Mitarbeiter dazu verdonnern will, auf Hybride und Elektroautos umzusteigen. Und, ganz dumm gerade: VW hat seine beiden Bestseller Golf und Tiguan noch nicht zertifizieren können. Die produzierten Varianten laufen natürlich derweil auf Halden auf. Der VW-Vertriebschef für Deutschland äußert sich dazu auf Kfz-Betrieb.

♦ Der ganz große Gewinner ist? Opel! Die haben erst kürzlich zurecht stolz vermeldet, dass sie sämtliche Varianten komplett zertifiziert haben. Update: Der PSA-Konzern meldet, dass nun alle Modelle durchzertifziert sind. Peugeot, Opel, Citroen und DS.

♦ Zur Zeit kehren alle Hersteller mit dem eisernen Besen durch sämtliche Fahrzeugvarianten, streichen komplette Baureihen, werfen Motoren aus dem Angebot (oder senken die PS Zahl deutlich) und reduzieren deutlichst die Optionsvielfalt bei der Sonderausstattung. Denn WLTP bedeutet für Hersteller auch, dass man sämtliche wesentlichen Ausstattungsvarianten – mit/ohne Klima, mit/ohne Dachreling, …- für ein Basismodell je Motor einmal komplett durchtesten muss. Was dem Kunden später im Konfigurator auffallen wird: Je nach Sonderausstattung werden andere Verbrauchswerte angezeigt. Damit auch eine andere KfZ-Steuer unter Umständen. Man kann sich vorstellen, dass selten bestellte Sonderausstattungen mit WLTP-Testzwang schlichtweg gestrichen werden.

Was ist das da oben für ein Modell eigentlich? Der Ferarri 812 Superfast. Knapp 300.000 Euro.