Elon Winterkorn
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Würde Winterkorn zu Tesla passen?

Berichten der NY Times zufolge sucht der Tesla-Vorstand seit einiger Zeit nach einem Alltags-Chef, der Elon Musk entlasten könnte. Seit den jüngsten Turbulenzen soll die Suchintensität vergrößert worden sein.

von Robert Basic am 17. August 2018

Die NY Times schreibt:
Tesla executives have been trying for years to recruit a chief operating officer or other No. 2 executive to assume some of Mr. Musk’s day-to-day responsibilities, according to people familiar with the matter. A couple of years ago, Mr. Musk said, the company approached Sheryl Sandberg, who is Facebook’s second-highest executive, about the job.

Mr. Musk said that “to the best of my knowledge,” there is “no active search right now.” But people familiar with the matter said a search is underway, and one person said it had intensified in the wake of Mr. Musk’s tweets.

Mit Sicherheit wäre ein Manager von der zugesprochenen Qualität einer Sheryl Sandberg als Chief Operating Officer und damit als Alltagsmanagerin eine goldrichtige Entscheidung, gewesen. Klar, es gibt Stimmen, die dies als zu früh empfinden würden. Ein echter Manager würde den Tesla-Boss nur ausbremsen, in der Suche nach Effizienz und damit die Innovations-Power ausbremsen. So das Hauptargument. Wäre dem so? Schauen wir uns zwei bekannte und berühmte Beispiel an.

Mama oder Papa als Umsetzer von Elon Musks Fantasien?

Wir wissen und erkennen schon längst an, dass der aus Südafrika stammende Gründer als Visionär in der Lage ist, Ideenimpulse zu erzeugen und genug Geldgeber zu überzeugen. Ohne Moos nix los. Als Verkäufer ist er wohl in der Tat ungeschlagen. Es ist hierbei nicht unser Problem, wenn sich die Geldgeber die Finger verbrennen oder noch reicher als zuvor werden. No risk no fun, so heißt es. So hatte auch das Projekt Tesla wiederholt bereits einige Beinahe-Totalunfälle erlitten und wurde stets in der letzten Sekunde gerettet. Wer die Story von Tesla kennt, kann sich vielleicht an das irre Smart-Ding erinnern? Die damaligen Daimler-Chefs wollten sich das unbekannte Klein-Tesla anschauen, flogen also nach Kalifornien. Und wurden mit einem Smart – der in Mexico beschafft wurde, da es in den USA keine zu kaufen gab – überrascht, den das Tesla-Team fieberhaft entkernt und einen E-Motor mitsamt Akku hineintransplantiert hatte. Die Chefs waren baff, das Geld floß, Daimler beteiligte sich an Tesla. Et voilá! Die Idee dazu kam Elon Musk, wem sonst. Die irre Story mit den vielen Auf und Abs Teslas hatte ich mal auf Facebook runtergeschrieben. Das gibt es auch als very long read auf Wired. Letztlich war stets der Faktor X Elon Musk. Nimmt man diesen einen Faktor heraus, war es das womöglich.

Dennoch wissen wir auch um die typische Schwäche eines Gründers: Gründer sind selten in der Lage als Pioniere und dann als Manager ihre Firma zu skalieren. Dafür werden andere Fähigkeiten benötigt. Insofern beobachten wir das in der Wirtschaft seit jeher. Die Gründer werden ausbezahlt oder man stellt ihnen einen Top-Manager zur Seite.

Sheryl Sandberg, COO Facebook

Das wohl berühmteste und jüngste Beispiel ist in den USA der kometenhafte Aufstieg Facebooks. Tatsächlich soll Sheryl Sandberg das Chaos bei Facebook aufgeräumt haben. Sheryl schloss ihr Harvard-Studium 1995 mit summa cum laude ab und war von 1997 – 2001 als Stabschefin des US-Finanzministeriums zuständig. Ab 2001 übernahm sie das junge, vier Personen schwache Google Sales-Team und jazzte es bis zu ihrem Abgang 2007 auf über 4.000 Mitarbeiter hoch. Ohne sie wäre Google heute vielleicht genauso mächtig und finanzstark, doch womöglich auch nicht. Immerhin hielt sie eine Schlüsselposition inne. Bei Marrisa Mayer, Mitarbeiterin Nr. 4 bei Google, hatte man mehr den Eindruck, Google sei froh, dass sie zu Yahoo als Chefin hinüberwechselte.

Sheryls Abgang zu Facebook war hingegen ein Schock für die Google-Chefs, da sie als Nachfolgerin von Eric Schmidt gehandelt wurde. Der selbst die zwei Kizz und Gründer – Larry Page und Sergey Brin – bei Google komplementierte und als eigentlicher Vater Googles gilt. Larry und Sergey waren die Visionäre, Eric ab 2001 der ausführende Manager. Google selbst sagt zu seiner Chefrolle: „…um den Aufbau der Firmeninfrastruktur, um das schnelle Wachstum von Google fortführen zu können, sowie um die Sicherstellung einer gleichbleibend hohen Qualität bei möglichst kurzen Produktentwicklungszyklen“.

Das Prinzip wird langsam deutlich. Warum Gründer und Visionäre Umsetzer benötigen. Ohne, dass der eine den anderen blockiert? Eric selbst – übrigens ein sehr angenehmer Gesprächspartner und null arrogant – zog sich Ende 2017 als oberster Konzernlenker von Alphabet zurück (Google-Mutter) und wird sich wohl philanthropishen Amüsements hingeben. Laut Forbes soll er um  die 15 Milliarden US-Dollar schwer sein. Damit kann mann durchaus ein bisschen Gutes tun.

 

Eric Schmidt
Eric Schmidt, Alphabet Ex-Chef

Als Sheryl dann 2008 zum Missfallen Googles bei Facebook loslegte, war ihre Rolle nicht einfach nur das Managing des jungen, wilden Ladens, der einfach nur ein cooles Social Network sein wollte. Ich erinnere mich gut an die diversen „Sagen“ rund um Mark Zuckerbergs Chaostage. Sheryl nahm sich allen wichtigen Säulen des Geschäftsbetriebs an: HR, Marketing, PR, Sales und Geschäftsentwicklung aka Business Development. Das Ergebnis sehen wir heute. Nicht unbedingt das allerbeste Ergebnis, aber geschäftlich ist aus Facebook von einer „aus-denen-wird-nie-was-Butze” ein Koloss geworden. Mark darf weiterhin Visionen haben und sie hält die Kiste auf der Rennpiste.

Sheryl wurde nebenbei zur Milliardärin. Nicht, dass sie bei Google arm war, aber das war ihr Meisterstück. Natürlich wird sie nicht bei Tesla ein neues Abenteuer eingehen. Wenn, dann bleiben die größten Konzerne – und mir fällt kein globaler Konzern ein, der sie nicht sofort mit Kusshand nehmen würde – oder der Weg in die Politik. Der schon übrigens sehr früh die Fähigkeit nachgesagt wurde, eine künftige US-Präsidentin zu werden. Halten wir fest: Eine exzellente Managerin nimmt sich eines jungen Betriebs an, ordnet das Chaos und erstickt dabei die Innovationsfähigkeiten auf dem Wachstumspfad nicht. Das gleiche Kunststück gelang Eric Schmidt.

Winterkorn: Und wenn er kommt, dann rennen wir?

Folgen wir dem Gedanken weiter, dass Visionäre und Gründer echte Manager brauchen.

Piëch habe die Visionen, und ich garantiere, dass die Autos dann auch funktionieren“, beschrieb Winterkorn die Rollenverteilung.

In Deutschland war und bleibt wohl bis auf lange Zeit das berühmteste und berüchtigste Gespann der deutschen Wirtschaftsgeschichte das Duett Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn.

Die Familien Piëch und Porsche sind mit einem 51%-Anteil der Stammaktien die Eigentümer eines Konzerns, der 2017 rund 231 Milliarden Euro Umsatz schrieb und knapp 650.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigte. Nein, ich kenne nicht die Höhe, was Piëchs und Porsches Vermögen angeht. Faktisch sind sie die reichsten und wohl auch mächtigsten Familienclans Deutschlands.

Die Piëchs/Porsches bekamen übrigens nach dem Weltkrieg eine Lizenz von 5 D-Mark für jeden verkauften VW Käfer per Gerichtsurteil zugeschrieben, was die Grundlage ihres Kapitalstocks bildete / nebst der Rückübereignung des Betriebs Porsche im Jahre 1950 an die Familie.

Ferdinand Piëch wird die Rolle als Macher und Erschaffer der Traummarke Porsche mit Weltruf zugeschrieben. Der mit seiner Vision und den – letztlich erfolgreichen – Porsche-Rennern alles auf eine Karte setzte. Das Kapital damals war doch recht knapp, für Spinnereien und Spielereien war wenig Luftraum. Und Porsche war bei Weitem nicht die Sportnummer vor der Schaffenszeit Ferdinands in Zuffenhausen von 1963- 1972. Zur globalen Glanzmarke wurde es erst mit Ferdinands Ideen. Der im Übrigen auch Audi dazu verholfen hat, das biedere Lehrerauto-Image abzustreifen und neben dem damaligen Duo aus Mercedes sowie BMW die Ingolstädter als ein drittes Premiumgestirn zu etablieren. Ferdinand war kein Glückskind, sondern ein visionärer Serientäter. Das erinnert an Elon? Soll es auch. Übrigens galt Ferdinand Zeit seines Lebens als ein extrem ruppiger, äußerst General-artiger Machtmensch, Widerspruch war zweckslos. Eine weitere Ähnlichkeit. Willkommen im „Steve Jobs“-Eliteclub.

Ferdinands Weg führte ihn von Porsche zunächst einmal weg in die Eigenselbständigkeit (wie immer Familienstreitereien unter Alphatierchen), in der er für den legendären Strich-Acht einen Dieselmotor im Auftrag von Daimler konstruierte.

Nach seinem anschließenden Einstieg bei Audi 1972 – seine Milestones dort waren der Quattro, der Fünfzylinder-Motor und der TDI-Motor, die er als technischer Entwicklungschef und später als Vorstandsvorsitzender von Audi durchboxte – landete er letztlich bei Volkswagen. Natürlich waren nicht nur seine Fähigkeiten als Ingenieur und seine visionäre Umsetzungskraft exzellent, sondern er war eben ein Sproß der Piëchs, dessen Bruder zudem mit der Tochter des legendären, ersten VW-Chefs Heinrich Nordhoff verheiratet war. Nordhoff gilt als eigentlicher Vater von Wolfsburg und VW selbst.

Allerdings, eine kleine Randbemerkung entlang der Pfade der Geschichte und milimeterdünner Verzweigungen: Hätte sich damals ein englischer Oberst namens Ivan Hirst – VW stand unter Aufsicht in der britischen Zone – nicht entgegen der Pläne der britischen Militärs für den Erhalt von VW eingesetzt, gäbe es heute weder VW noch Wolfsburg. Tatsächlich stand im Untersuchungsbericht der Briten, der Käfer sei keine nachahmungswürdige Konstruktion für die Anforderungen eines damaligen Kleinwagens. Hirst sah das jedoch unter sozialen (!) Aspekten anders. Das Werk könne den Deutschen doch Lohn und Brot sichern. Wohl ein Mensch mit Herz, trotz all der schrecklichen Verbrechen des Nazi-Regimes.

Fake? Nope. Liest es selbst nach. Zitat: „Hirst setzte sich für den Erhalt des Volkswagenwerkes ein, indem er anfangs half, dem Werk Aufträge der britischen Regierung zu sichern. Die Demontagepläne wurden mehrfach verschoben und die Zukunft des Werks wurde so schließlich gesichert. Hirst forcierte den Ausbau des Werkes und beseitigte insbesondere Versorgungs- und Verkehrsengpässe, um die Produktionsbedingungen zu verbessern. Er sorgte für den Beginn des Volkswagen-Exportes. Auf Empfehlung von Hirst wurde Heinrich Nordhoff am 1. Januar 1948 zum Generaldirektor des Volkswagenwerks ernannt. Ivan Hirst verließ im August 1949 das Volkswagenwerk.

Kommen wir zurück zu Ferdinand und Martin. Ferdinand Piëch war von 1972 bis 1992 bei Audi tätig, wo er 1985 oberster Chef von Audi wurde. Winterkorn selbst studierte bis 73 Metallphysik und Metallkunde, erlangte 77 seinen Doktor im Bereich Metallforschung und stieg im gleichen Jahr bei Bosch ein, wo er bis 1981 eine ordentliche Karriere hinlegte, die ihn dann als Assistent des Vorstands für Qualitätssicherung zu Audi führte. Und wer saß zu der Zeit bereits im Audi-Vorstand? Richtig, Piëch, und zwar seit 1975 bereits.

Piëch wurde 1993 zum Vorstandsvorsitzenden von VW und blieb es bis 2002. Von dort wechselte er anschließend in de Aufsichtsrat, bis er 2015 mit Feuer und Getöse geschasst wurde. Sein Erzfeind? Winterkorn, den er unbedingt loswerden wollte.

22 Jahre zurückgespult: Winterkorn wechselte 1993 zusammen mit seinem Ziehvater zu VW, wo er zunächst Leiter der „Konzern-Qualitätssicherung“ wurde. Bis er schließlich selbst zum obersten Konzernchef wurde, während sein „Papa“ im Aufsichtsrat über alle Geschicke wachte.

Es gibt eine Story, die die lange Freundschaft und Symbiose beider Automanager beschreibt:

Begonnen hat die gemeinsame Geschichte der beiden mit einem Auto, das im Konzern als “der cW-Weltmeister” bekannt ist. Kaum hat Piëch den Kühlschrankentwickler Winterkorn bei Bosch losgeeist, gibt er dem neuen Assistenten seines Qualitätschefs eine ganz spezielle Aufgabe: Piëch, damals noch Entwicklungsvorstand bei Audi, will die windschlüpfrigste Limousine aller Zeiten bauen. Der neue Audi 100 soll die Marke mit dem Wackeldackelimage näher an die Vorbilder Mercedes und BMW rücken lassen. Problem: Nach Einschätzung der Ingenieure funktioniert Piëchs Konstruktion nicht. Der Motor bekomme zu wenig Luft. Keine Chance! 

Piëch mag das nicht akzeptieren: „Herr Winterkorn, geht das oder geht das nicht?“

Es geht. Ein paar unkonventionelle Änderungen an den Ansaugstutzen, und der Audi 100 rollt als „der cW-Weltmeister“ auf die Straße. Ferdinand Piëch war ganz nach Winterkorns Geschmack. Da versuchte einer, Unmögliches möglich zu machen. Und Piëch hatte endlich einen gefunden, der ihm seine Visionen umsetzt.

Zu finden im Manager-Magazin: Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Fazit?

Nun, Winterkorn ist heute ein verbrannter Name. Aber ich denke, wir haben zu Genüge an Beispielen geschnuppert, dass Visionären, Traumtänzern und Gründern ein gewiefter Manager beim Ausführen im Alltag gut zu Gesicht stehen kann. Die Symbiosen funktionieren und dienen beiden. Ohne, dass sich zwei Typen blockieren, sondern exzellent ergänzen.

Die Frage war also nicht, ob ein Winterkorn zu Elon passt, obgleich beide als knallharte Manager bekannt sind. Ebenso wie Piëch. Gnade kannte keiner. Wenn Wiko in Sheriff-Position mit gespreizten Beinen und Armen vor dir stand, wusstest du, dass deine letzte Stunde geschlagen hatte. Oder wenn einfach nur ein Rückflug-Ticket im Hotelzimmer lag, weil dem Oberboss bei der Testfahrt des neuen Modells etwas nicht passte. Du durftest auf VW-Kosten nach Hause fliegen und anschließend die Sachen im Büro packen. So lief das. Ferdinand? Der versammelte mal die oberste Mannschaft, drohte lauthals mit der Kündigung für jeden Einzelnen, wenn das beschissene Spaltmaß bis Ende des Monats so bliebe.

Generäle aus einer vergangenen Ära der Personalführung eben. Die Maximalleistungen bedingungslos einforderten. Hart zu sich, noch härter zu den anderen. Dinos, die manchmal nicht aussterben wollen.

Die Frage mit Elon und Wiko war daher eher weniger eine Frage der Personalführung oder wieso Wiko nicht mehr in Frage kommt. Obgleich er einer der profundesten Automobil-Experten ever ist und war, der jede Schraube kennt. Sein Wissen vergammelt im Rechtsstreit und Image-Brand. Es ist bekannt, dass Wiko Ingenieuren bei kniffligen Problemen mit brillianten Ideen weiterhelfen konnte. Sprich, Wiko war nicht einfach nur irgendein guter Betriebsmanager, der die richtigen Leute herumschubbsen kann oder weiß, wie man einen Betrieb organisiert. Das können gut Manager. Die besten sind zudem extrem gute Fachleute. Visionäre sind ohne Manager, die über exzellentes Fachwissen und Umsetzungsfähigkeiten verfügen, aufgeschmissen.

Es geht demnach um eine gedankliche Betrachtung, wenn zwei extreme Typen – jeder auf seine Art und Weise mit weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten begnadet – zusammenkommen. Ein absoluter Spitzenexperte im automobilen Executing und ein Spitzenvisionär sowie Verkäufer.

Wer also könnte Elons Partner sein?