Yondr: Diese Handyhülle verhindert die Smartphone-Plage bei Konzerten

Alicia Keys nutzt Yondr, vor ihr auch schon Guns N' Roses: Eine Smartphone-Hülle, in die ein Smartphone während eines Konzertes eingeschlossen wird und die somit verhindert, dass ihr im Publikum Unmengen filmender und fotografierender Menschen vor euch habt.

Konzertgänger werden es kennen: Ihr werft euch in Schale (aka ein zum Event passendes Shirt), seid rechtzeitig an der Location, um Freunde zu treffen und ein erstes Bierchen zu trinken und dann groovt man sich mit dem Support-Act langsam auf den Künstler ein, wegen dem man eigentlich da ist. Irgendwann geht die Saalbeleuchtung aus, die Lichter auf der Bühne an und die ersehnten Protagonisten erstürmen die Stage.

War der Blick auf diese Bühne eben noch ebenso frei wie normalerweise der Platz neben mir in der Bahn, wenn ich da allein mit ein paar Flaschen Bier hocke, könnt ihr plötzlich nicht mehr viel sehen. Bzw. doch: Ihr seht eine Menge – eine Menge Smartphone-Displays nämlich. Die werden eifrig von unzähligen Nachwuchs-Fotografen und -Konzertfilmemachern in die Höhe gereckt, damit auch bloß jeder Song am Tag nach dem Konzert dutzendfach in mieser Bild- und noch schlechterer Audio-Qualität bei YouTube zu finden ist.

Seit geraumer Zeit ist das nun so und ich als großer (1,94 m) Typ führe seit der einsetzenden Evolution der Smartphone-Kameras einen Zweifrontenkrieg: Vorne nerven mich die Smartphone-Arme, die mir den Blick auf die Bühne vermiesen, von hinten klopfen die Leute an, die wissen wollen, ob ich denn „jetzt genau hier stehen müsse“. Ich stelle mir vor, wie es den kleineren Leuten gehen muss, die schon nur mit Mühe überhaupt was zu sehen kriegen und dann zusätzlich auch noch mit den Smartphone-Displays konfrontiert werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Smartphones nerven wirklich übelst bei Konzerten und selbst, wenn ich auch schon mal drauf gehalten habe bei Konzerten, werde ich nie verstehen, wieso Menschen in einer Tour jede Sekunde mitfilmen oder -fotografieren müssen und ich frage mich allen Ernstes, wie oft man sich solche Aufnahmen nachträglich noch anschaut.

Dass dieses Problem nicht nur die Fans kennen, sondern auch die Künstler selbst, ist dabei nichts Neues. Schließlich geht es hier nicht nur um die weniger gute Sicht für ein paar Menschen, sondern auch darum, dass man so ein Konzert gar nicht mehr wirklich so intensiv erleben und mitfeiern kann. Das ist eben auch für die Bands ein Ärgernis – der Mensch, der filmt, wird eben nicht mitklatschen und zumeist auch nicht mitsingen und tanzen.

Unversmartphoneter Blick auf die Bühne - Die gute alte Zeit

Yondr – eine Handyhülle soll’s richten.

Viele Menschen – und auch Unternehmen – machen sich dazu bereits seit Jahren ihre Gedanken. Weniger ernst gemeinte wie der Smartphone Swatter sind darunter, aber auch die (mittlerweile wieder verschwundene) App kimd, die dafür sorgen sollte, dass die Mitfilmerei wenigstens ein bisschen diskreter über die Bühne geht, indem sie das Display abdunkelt und den Blitz deaktiviert. Apple hingegen würde gern eine Technologie zum Einsatz bringen, die pauschal alle iPhone-Kameras außer Betrieb setzt, solange sich die Smartphones in einem bestimmten Radius – beispielsweise eben bei einem Konzert – befinden.

Yondr verfolgt nun einen ganz anderen Einsatz. Wir haben es dabei mit einer Smartphone-Hülle zu tun, in die die Konzertbesucher ihr Handset zu packen haben – und die dann schlicht verschlossen wird. Ihr habt also euer Smartphone dennoch am Mann, könnt es aber halt nicht mehr nutzen. Das ist insofern eine gute Idee, weil die Alternative – Smartphones am Eingang einkassieren – deutlich weniger beliebt ist bei den Musik-Fans.

Der Haken an der Geschichte: Ihr werdet eben nicht nur daran gehindert, Fotos oder Videos zu machen, ihr könnt eben auch nicht mal eben aufs Gerät schauen, ob eventuell eine wichtige Nachricht eingetrudelt ist, oder wenn ihr zum Beispiel über WhatsApp abklärt, wo euer Kumpel geblieben ist, der nur eben Bier holen wollte.

Graham Dugoni, der 29-jährige Gründer, der für Yondr verantwortlich ist, hatte das Aha-Erlebnis, als er selbst bei einem Konzert war. Er sah dabei zu, wie ein sichtlich betrunkener Mann ausgelassen tanzte und sich dabei augenscheinlich für die anderen Konzertbesucher um ihn herum ein wenig zum Löffel machte. Zwei andere Männer filmten ihn dabei und stellten den Clip direkt auf YouTube – und Dugoni fragte sich daraufhin, ob das wirklich so erstrebenswert ist, dass man sich eben nicht einfach mal gehen lassen kann, ohne dass jede Bewegung und jeder eventuelle Fauxpas festgehalten wird.

We think smartphones have incredible utility, but not in every setting. In some situations, they have become a distraction and a crutch — cutting people off from each other and their immediate surroundings. Graham Dugoni, Yondr

Die Hülle an sich ist dabei ziemlich simpel gehalten: Es verbirgt sich in dem Neopren-Case keinerlei Technik, nur besagtes Schloss. Egal, ob ihr euer kostbares Smartphone erst nach dem Event wieder befreien wollt, oder ob ihr zwischendurch mal dringend dran müsst: Im Bereich vor der eigentlichen Konzert-Location könnt ihr jederzeit euer Smartphone wieder aus der Hülle herausholen lassen.

Nachdem der junge Mann die Duke University mit seinem Abschluss in Politikwissenschaft verlassen hat, hat ihn dann doch seine Leidenschaft Musik gepackt – und eben die Idee, vor den Bühnen dafür zu sorgen, dass die Performance der Künstler wieder direkt verfolgt wird und nicht durch ein Smartphone-Display. Er hat all sein Geld zusammengekratzt, sogar seinen Jeep verhökert und alles in dieses Projekt gesteckt.

yondr 01

Das scheint sich jetzt so langsam auszuzahlen, denn Chris Rock hat bereits für seine Warm-Up-Shows vor seiner Oscar-Moderation auf Yondr gesetzt, ebenso die wieder vereinten Guns N‘ Roses und nun auch Alicia Keys. Auch die Lumineers sind begeistert, nachdem sie sich zur Problematik auch ihre Gedanken gemacht haben:

I tried all sorts of things – If you yell at the audience or treat them like kids, they’re going to act like kids. You want to give people the responsibility and put the onus on them, but how do you do that? Wesley Schultz, The Lumineers

Für Schultz‘ Geschmack ist es die bislang beste Lösung. Klar ist euer Smartphone dann klobiger, egal ob ihr es in der Hosen- oder Handtasche oder sonstwo aufbewahrt, aber es ist immer noch besser, als wenn man sein Smartphone abgeben muss, es im Auto deponiert oder gar nicht erst einsteckt auf dem Weg zum Konzert. Die Reaktionen der Besucher sollen auch durchaus wohlwollend auszufallen: Die Menschen begrüßen, dass man sein Smartphone immer noch bei sich trägt, auch wenn es gerade nicht benutzbar ist. Damit können sich wohl viele deutlich eher anfreunden als mit einem komplett einkassierten Smartphone.

Auch ich finde die Idee sehr interessant und kann mir gut vorstellen, dass neben den oben genannten Stars schnell weitere ebenfalls zu Yondr greifen werden. Allerdings bin ich auch immer noch ein wenig hin und her gerissen, was ich abschließend davon halten soll. Ich selbst benötige mein Smartphone oft gerade in großen Locations, um verlorene Freunde wiederzufinden oder mich generell zu verabreden an einem bestimmten Punkt in der Halle bzw. dem Stadion. Außerdem stelle ich mir die Frage, wie lange es dauert, bis nach einem Konzert in einem Fußballstadion 50.000 oder mehr Smartphones wieder befreit werden.

Persönlich wäre es mir immer noch am liebsten, dass wir alle selbst auf den Trichter kommen, das Smartphone nur in Maßen zu nutzen während eines Konzerts – wobei mir natürlich klar ist, dass das ein sehr frommer Wunsch ist. Von daher ist Yondr für mein Empfinden tatsächlich die beste bislang erdachte Lösung für dieses Problem und wir werden das mal im Auge behalten, ob und wie viele andere Stars hier auf den Zug aufspringen. Lasst uns doch bitte in den Kommentaren mal eure Meinung da – würde mich in der Tat interessieren, wie ihr selbst euch bei Konzerten benehmt und was euch gerade am exzessiven Smartphone-Einsatz anderer nervt.

Quelle: Washington Post via Übergizmo