Zeitungsverleger: Adblocker sind schuld an Trump und Brexit!

Wenn es um Adblocker geht, dann scheiden sich die Geister: Während die einen die Nutzung solcher Tools geradezu als Diebstahl sehen, halten andere die Nutzung von Adblockern für einen Akt der Notwehr. Und dann gibt es natürlich noch den Spezialfall AdBlock Plus. Der Verband der Zeitungsverleger in NRW geht noch weiter, denn nach deren Meinung sind Adblocker schuld an Trump, Brexit und allem schlechten in der Welt. Mindestens.

Man kann ja zu Adblockern stehen wie man mag, ich persönlich setze hin und wieder Adblocker ein, wenn ich mobil unterwegs bin und Datenvolumen sparen will, aber normalerweise bin ich dann doch ohne Adblocker unterwegs. Immerhin kommt es gelegentlich dann doch mal vor, dass ich Werbung sehe, die interessant ist und abgesehen davon ist Werbung nun mal eine, manchmal auch die einzige Einnahmequelle für Medienproduzenten. Da kann man unterschiedlicher Meinung sein und auch die Ansicht, dass die Nutzung eines Adblockers jedem selbst überlassen sein muss, würde ich sofort unterschreiben. Immerhin gibt es ja wirklich Gründe für die Nutzung von Adblockern.

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Wir müssen hoffentlich nicht darüber diskutieren, dass diese Freiheit aber nicht so ausgelegt und genutzt werden darf, dass sich Geschäftsmodelle wie das rund um AdBlock Plus etablieren, die man durchaus als eine Art moderner Wegelagerei sehen kann. Und mit Recht wird dieses Geschäftsmodell nun auch in mehreren Verfahren gerichtlich zerlegt und geprüft. 

Man sollte aber nicht den Fehler machen und die nachvollziehbare, juristische Auseinandersetzung rund um AdBlock Plus zu einem politischen Kampf gegen alle Adblocker machen und dabei absurdeste Vorwürfe in den Raum werfen, sonst könnte jemand mal ganz blöd fragen:

„Sag‘ mal, haben die Lack gesoffen?“

Zumindest stellte sich mir diese Frage, als ich lesen durfte, was der Zeitungsverleger Verband Nordrhein-Westfalen da vom Stapel gelassen hat.

Hintergrund ist ein Antrag der Piraten im Landtag NRW (PDF), der ein Verbot von Adblockern verhindern soll, über ein solches wird ja an verschiedenen Stellen mal laut, mal nicht ganz so laut nachgedacht. Mit dem Antrag möchten die Piraten erreichen, dass der Landtag die Landesregierung dazu auffordert,

  1. auf allen politischen Ebenen darauf hinzuwirken, dass die laufenden Prüfungen und Bemühungen, Ad-Blocker-Software zu verbieten, schnellstmöglich eingestellt werden.
  2. zu prüfen, inwieweit innovative Entwicklungen im Bereich Onlinewerbung gezielt gefördert und unterstützt werden können.

Mit diesem Antrag war der Zeitungsverleger Verband nicht einverstanden und hat nun für eine Anhörung im Ausschuss für Kultur und Medien im Landtag nicht einfach nur eine Stellungnahme vorgelegt, sondern auch gleich mal einen Vorschlag für ein Adblocker-Verbots-Gesetz formuliert.

Grauenhaft: Das Internet ist kaputt

Dabei liest sich die Stellungnahme so, als würden alle Anbieter von Adblockern das AdBlock Plus Geschäftsmodell verfolgen, was nun schon aus praktischen Gründen nicht der Realität entspricht. Schließlich ist die Voraussetzung für dieses Geschäftsmodell, dass man entsprechend viele Nutzer hat. Auch gibt es Adblocker, die eigentlich gar keine Adblocker sind, sondern Tools, mit denen Nutzer die Darstellung von Webseiten eben selbst beeinflussen können – das kann das Ausfiltern von Werbung sein, aber eben auch die Anpassung von Farben, um die Texte besser lesen zu können.

Auch wird in der Stellungnahme aus einer Webseite mal eben ein Computerprogramm, da kann man schon hören, wie an vielen Stellen laut aufgestöhnt wird „Verdammt, HTML ist keine Programmiersprache!“. Werbung wird auch direkt mit Nachrichten gleichgesetzt:

Anzeigen sind Nachrichten – es sind inhaltliche Informationen im Kernbereich der Pressefreiheit.

Eine Ansicht, die man nicht unbedingt teilen muss. Aber als Sahnehäubchen wird der Untergang des Abendlandes prophezeit, falls Adblocker nicht verboten würden:

Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Existenzfrage. Schon heute ist die redaktionelle Qualität von Online-Medien beeinträchtigt, weil Internet-Werbeblocker die Refinanzierung aufwendiger Medieninhalte erschweren oder sogar unmöglich machen. Wenn sich der eingeschlagene Weg fortsetzt, werden kleinere, für die Meinungsvielfalt wesentliche Anbieter mittelfristig vom Markt verdrängt und nur wenige meinungsbildende Qualitätsmedien können mittels einer hohen Bezahlschranke überleben. Dies hätte insbesondere für die lokale und regionale Berichterstattung und die lokale und regionale Medienvielfalt besonders schädliche Auswirkungen. Die Meinungsbildung für die breite Masse erfolgt dann durch Blogger ohne journalistische Standards und soziale Netzwerke. Erste Auswirkungen eines solchen Trends lassen sich in den letzten Wahlen in Großbritannien und den USA besichtigen. Ein barrierefreier Zugang zu Qualitätsmedien im Internet ist für die demokratische Meinungsbildung der Bevölkerung von grundlegender Bedeutung. Die Werbefinanzierung gewährleistet dies.

Wirklich, der Verband der Zeitungsverleger NRW erklärt hier also, dass am Brexit-Votum und der Präsidentschaft Trumps niemand anders schuld sein soll, als Adblocker. Nicht irgendwelche Kampagnen, keine Fake-News, nicht unglaublich ausgefuchste Algorithmen, die mit gewaltigen Datenmengen arbeiten oder gar die Wähler sind schuld, nein, die Adblocker waren es.

Aber auch vor Lügen oder aber der Demonstration umfassender Unkenntnis schreckt der Verband nicht zurück, denn beim speziellen Thema Tracking behauptet der Verband doch tatsächlich, dass Tracking „nahezu ausschließlich in die jeweiligen Websites selbst eingebunden“ sei und nicht „Teil der dort ausgespielten Werbung“ wäre. Ehrlich jetzt? Dann fragt man sich doch, warum die ganzen Werbenetzwerke wie blöde mit Cookies um sich schmeißen. Nur um zu zählen, wie oft eine Werbung angezeigt und geklickt wurde? Ehrlich jetzt? Wer soll denn das bitte glauben?

Die Unterdrückung von Werbung hat auf den Umfang des sog. Tracking auf einer Webseite so gut wie keine Auswirkungen. In allen marktführenden Programmen sind dementsprechend die Programmkomponenten zur Unterdrückung von Werbung und zum Trackingschutz getrennt voneinander aktivierbar. Zum Schutz vor Tracking gibt es eigenständige Programme, die die Anonymität des Nutzers sichern können.

Ja natürlich sind die Bereiche voneinander getrennt, aber eben nicht, weil Online-Werbung ohne Tracking daher käme, sondern weil es eben neben der Werbung noch einige andere Inhalte gibt, die Nutzer tracken. Bekanntestes Beispiel dürfte der Facebook-Like-Button sein, den man auch auf eigene Websites packen kann. Hier darf die Frage erlaubt sein, ob die vom Verband es nicht besser wissen oder ob sie bewusst lügen. Im ersten Fall dürfte der Stellungnahme wegen erwiesener Unkenntnis der Verfasser entsprechend wenig bis gar kein Gewicht eingeräumt werden, im zweiten Fall sollte die Stellungnahme bestenfalls weg geschmissen oder in Stein gemeisselt und den Urhebern an den Kopf geworfen werden (das ist natürlich nicht buchstäblich gemeint).

Übrigens möchten die Verleger von ihrem gewünschten Adblocker-Verbot Dienste und Services wie den Safari Reader ausdrücklich ausgenommen wissen. Zwar blendet auch der Reader-Modus in Safari Werbung aus, aber die wird wenigstens trotzdem geladen – und alleine darauf kommt es offenbar an: Die Werbung soll gefälligst geladen und damit gezählt und vergütet werden, ob sie dann jemand anschaut oder nicht, ist doch egal. Ob die Werbekunden das auch so sehen?

via Heise