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Zu viele Unfälle! – EU verordnet Assistenzsysteme

“90 Prozent der Verkehrsunfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen", sagte EU-Kommissarin Elzbieta Bienkowska. Um dem Fahrer zukünftig zu helfen, sollen bestimmte Assistenzsysteme zur Pflicht bei Neuwagen werden.

von Claus Ludewig am 11. April 2019
  • Ab dem Jahr 2022 sollen alle neu auf dem Markt erscheinenden PKW- und leichte Nutzfahrzeugmodelle verschiedene Assistenzsysteme ohne Aufpreis verbaut haben.
  • Kernpunkte sind Aufmerksamkeit, Unterstützung beim Spurhalten und bei Abstand und Geschwindigkeit.

 

Die EU hat Ende März Ihre Pläne offengelegt, um die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen. Laut einer – noch zu genehmigenden – Verordnung müssen ab dem Jahr 2022 neue Fahrzeugmodelle einige Assistenzsysteme serienmäßig verbaut haben. Nach aktuellem Stand sollen in allen neuen PKW und leichten Nutzfahrzeugen (z.B. Mercedes Sprinter, VW Crafter & Co.) die nachfolgenden Assistenten ohne Aufpreis eingebaut werden:

  • Müdigkeits- und Aufmerksamkeitserkennung. Hierbei wird das Lenkverhalten analysiert, um bei Auffälligkeiten eine Pause vorzuschlagen. Fährt man beispielsweise seit mehreren Stunden ununterbrochen das Fahrzeug und zeigt ein auffälliges Lenkverhalten, so wird eine Empfehlung zur Pause im Bordcomputer ausgesprochen. Denn das Assistenzsystem geht dann davon aus, dass man wohl übermüdet sein könnte. Auch die Nutzung eines Smartphones (oder eines anderen technischen Endgerätes) in der Hand, kann zu auffälligem Lenkverhalten führen. Tritt dieser Fall ein, so wird ebenfalls eine Pause empfohlen. Dies kann einerseits mit der Überwachung des Lenkverhaltens und andererseits mittels einer Kamera im Innenraum nachgewiesen werden. Die aktuellen Pläne der EU sehen vor, dass der Autohersteller selbst entscheiden kann, ob nur das Lenkverhalten oder zusätzlich eine Kamera im Innenraum die Aufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers feststellen soll.
  • Spurhalteassistent (auch andere Namen wie z.B. Spurverlassenswarnung zulässig). Der Kamera-basierte Assistent soll helfen, die Fahrspur zu halten. Dazu wird mittels Lenkradvibration dem Fahrer mitgeteilt, wenn das Auto droht, die Fahrspur zu verlassen. Wenn der Fahrzeuglenker hingegen einen Blinker setzt und somit anzeigt, dass er die Spur wechseln möchte, dann deaktiviert sich das System.
  • Notbremsassistent. Ebenfalls mit der gleichen Kamera hinter dem Innenspiegel werden andere Verkehrsteilnehmer erfasst, wenn der Abstand viel zu gering ist. Nähert man sich mit zu hohem Tempo einem anderen Verkehrsteilnehmer – sei es ein Fußgänger, ein Radfahrer, ein anderes Auto oder LKW – so ertönt nicht nur ein Warnton und eine Displaymeldung, sondern es wird auch eine Bremsung eingeleitet, so denn der Fahrer nicht selbst aktiv bremst. Bis zu einer gewissen Geschwindigkeit kann das System sogar eine Vollbremsung hinlegen.
  • Rückwährtsfahrsicherheit. Hierbei sollen Kameras oder Sensoren den Fahrer bei der rückwärtigen Fahrt unterstützen. Das kann beispielsweise das Ein- und Ausparken umfassen. Eine Kombination von Kamera und Ultraschallsensoren ist ebenfalls möglich, darf jedoch auch weiterhin extra kosten.
  • Intelligenter Geschwindigkeitsassistent (kurz ISA genannt; andere Bezeichnungen je Autohersteller sind erlaubt). Via Kamera, die beispielsweise hinter dem Innenspiegel untergebracht wird, werden aktuell gültige Tempolimits erkannt und daraufhin im Bordcomputer angezeigt. Das Auto lässt sich – zunächst – nur bis zu diesem Tempo beschleunigen. Möchte der Fahrzeuglenker schneller fahren, als es im Bordcomputer angezeigt wird und er gerade unterwegs ist, so muss der menschliche Fahrer das Gaspedal aktiv fester durchdrücken. So lässt sich der ISA jederzeit überstimmen. Als Warnung bleibt die zulässige Höchstgeschwindigkeit jedoch im Bordcomputer sichtbar. Verfügt das Fahrzeug zusätzlich über ein Festeinbau-Navigationssystem dann wird das von der Kameralinse erfasste Tempolimit mit den im Kartenmaterial hinterlegten Daten abgeglichen.
  • Crashtesterprobte Sicherheitsgurte.
  • Speicherung von Unfalldaten in einer Blackbox analog zu Flugzeugen. Der im Auto verbaute Datenspeicher soll immer dann aktiv werden, wenn ungewöhnlich starke Verzögerungen oder G-Kräfte – z.B. üblich bei einer Vollbremsung – von den Sensoren registriert werden. Daraufhin werden diese Fahrwerte zwischengespeichert. Wenn es dann doch nicht zu einem Unfall kommt, so sollen diese Daten automatisch vom System überschrieben werden. Alle Daten werden anonymisiert archiviert. Es ist ausdrücklich nur ein in sich geschlossenes System erlaubt, so dass keine Weitergabe der Fahrdaten an Dritte – wie z.B. Versicherungen – erfolgen darf. So etwas geht nur, wenn der Fahrzeughalter selbst sein Einverständnis abgegeben hat.

Alle genannten Assistenzsysteme müssen – so die EU-Vorgabe – standardmäßig beim Aktivieren der Zündung und Starten des Motors immer eingeschaltet sein. Erst, wenn der Motor läuft, kann der Fahrer auf Wunsch die Helferlein deaktivieren. Bis zum nächsten Start der Zündung bleiben die Systeme dann ausgeschaltet.

Die meisten der genannten Assistenzsysteme gibt es aktuell schon in Fahrzeugen. Oftmals jedoch noch gegen Aufpreis. Bald müssen diese Systeme serienmäßig verbaut werden.

Neben der Pflicht zum Einbau der Assistenten, beinhaltet die EU-Vorgabe auch eine Empfehlung für sogenannte “Alcolocks”. Diese müssen nicht zwingend in Verkehrsmitteln verbaut werden. Lediglich erleichtert und technisch vorbereitet werden soll der Einbau alkoholempfindlicher Wegfahrsperren.

 

Aktueller Stand bei ausgewählten Autobauern

Exemplarisch habe ich bei BMW recherchiert, was bereits alles in neu auf dem Markt erscheinenden Modellen serienmäßig verbaut ist. Beim Münchner Autobauer werden einige Modelle – wie z. B. der aktuelle X5 (intern G05 genannt) – schon mit dem “Active Guard Plusohne Aufpreis ausgeliefert. Dieser umfasst:

  • Speed Limit Assist. Kombiniert die Anzeige von Verkehrszeichen inklusive Überholverbotszeichen mit dem Limiter, sodass die aktuell erlaubte Geschwindigkeit – nach manueller Bestätigung – im Limiter übernommen wird. Der Fahrer kann den Limiter jederzeit mittels kräftigem Druck des Gaspedals überstimmen, um beispielsweise ein Überholmanöver zu starten. Um die neue EU-Vorgabe ab dem Jahr 2022 zu erfüllen, muss der Speed Limit Assist aber automatisch agieren und ohne manuelle Bestätigung auf die erkannte Geschwindigkeit beschleunigen. Natürlich nur, wenn es möglich ist und die Kamera keine Hindernisse erfasst hat.
  • Spurverlassenswarnung mit Fahrbahnrückführung. Ab etwa 70 km/h wird dieser Assistent automatisch aktiv. Die Kamera erkennt weiße Fahrbahnmarkierungen und warnt den Fahrer bei unbeabsichtigtem Verlassen der Fahrspur mittels Vibration am Lenkrad. Zudem kann es – auf Wunsch – auch eine kleine Lenkkorrektur vornehmen, sodass der BMW wieder in der Spur fährt. Bei aktiv gesetztem Fahrtrichtungsanzeiger (aka Blinker) erfolgt keine Warnung.
  • Frontkollisionswarnung mit Bremseingriff. Damit ist der Notbremsassistent gemeint. Erkennt die hinter dem Innenspiegel verbaute Kamera, dass sich der BMW zu schnell einem anderen Verkehrsteilnehmer nähert, erfolgt eine optische und akustische Warnung. Reagiert der Fahrer nicht mit einer Verminderung der Geschwindigkeit oder einem Ausweichmanöver, so bremst das Auto selbständig ab. Das System kann auch eine Vollbremsung einleiten und funktioniert im Geschwindigkeitsbereich zwischen 5 km/h und 250 km/h. Der Fahrer kann im iDrive-Infotainmentsystem nachdem Start des Motors einstellen, wie die Warnung – mit Ton oder ohne – erfolgen und wie frühzeitig die Warnmeldung angezeigt werden soll. Starker Niederschlag oder Nebel führen jedoch oft dazu, dass die Frontkollisionswarnung nichts mehr erkennen kann. Ist dies der Fall erscheint eine Meldung im Bordcomputer hinter dem Lenkrad.

Zudem ist ein sogenannter “Park Assistant” ebenso immer an Bord. Damit sind nicht nur Sensoren vorne und hinten gemeint, sondern auch eine automatische Lenkhilfe beim Einparken sowie eine Rückfahrkamera.

Ähnlich sieht die Serienausstattung bei manchen Audi- und Mercedes-Modellen aus.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Premium-Autobauer aus Deutschland schon relativ weit sind und die Umsetzung der EU-Vorgabe keine allzu großen Probleme bereiten sollte. Andere Autohersteller sind auch schon fortschrittlich: Ford bietet beispielsweise ebenfalls schon heute einen intelligenten Geschwindigkeitsassistenten an, der aber manuell aktiviert werden muss.

 

Auch LKW und Busse werden sicherer

  • Bei LKW und Bussen wird ein Abbiegeassistent zur Pflicht. Damit soll der Tote Winkel besser einsehbar werden.
  • Eine Reifendruckkontrolle muss ebenfalls ohne Aufpreis in LKW und Busse eingebaut werden.

 

Doch nicht nur bei den PKWs greift die neue Verordnung der EU. So sollen auch LKW und Busse sicherer werden. Folgende Assistenzsysteme werden zukünftig serienmäßig verbaut:

  • Abbiegeassistent mit Warnung vor Verkehrsteilnehmern im toten Winkel. Dabei muss das System dergestalt sein, dass hierbei Radfahrer und Fußgänger sichtbar werden und so der Lenker aktiv zum Beispiel beim Abbiegen unterstützt wird.
  • Reifendruckkontrolle. Diese muss standardmäßig bei jedem Aktivieren der Zündung eingeschaltet sein und permanent den Reifendruck überwachen.

Assistenzsysteme stoßen durchaus auf reges Interesse, wie die Nachfrage zum Förderprogramm der Bundesregierung aufzeigt. Ab dem 21. Januar 2019 konnte man für LKWs und Busse einen Antrag stellen zur Beteiligung an den Kosten bei der Nachrüstung eines Abbiegeassistenzsystems. Kaum vier Tage später waren alle Fördermittel restlos ausgeschöpft.

Der Abbiegeassistent kostet derzeit etwa 2.500 Euro Aufpreis.

 

Ab 2022 gehts los

 

Die EU-Vorgabe muss noch vom Parlament im Binnenmarktausschuss und im Plenum sowie vom Rat gebilligt werden. Das gilt aber als reine Formalia. Die EU-Mitgliedsstaaten dürfen dann, wenn die EU-Vorgabe zur Richtlinie und damit rechtlich bindend wird, nichts mehr daran verändern. Laut Planungen der EU soll die neue EU-Richtlinie zum serienmäßigen Einbau der genannten Fahrassistenzsysteme ab 2022 gelten. Das bedeutet, dass alle neu auf dem EU-Markt erscheinenden PKW, leichten Nutzfahrzeug-Modelle sowie LKWs und Busse ab dem Jahr 2022 die Richtlinie erfüllen müssen, sonst dürfen Sie nicht als Neuwagen verkauft werden, da Sie keine Typgenehmigung erhalten. Ab dem Jahr 2024 müssen alle neuen schweren Personen- oder Gütertransportwagen die genannten Fahrassistenzsysteme ohne Aufpreis verbaut haben.

Reparatur wird teurer

Wenn die Fahrerassistenzsysteme jedoch komplett ausfallen und die Hardware beschädigt ist, beispielsweise wenn es – wider erwarten – doch zu einem Unfall gekommen ist, wird die Reparatur teuer. Denn damit die Kamera hinter der Frontscheibe auch die Fahrspur sowie die Verkehrszeichen und andere Verkehrsteilnehmer möglichst gut erfassen kann, muss diese bei einem Austausch der Frontscheibe neu kalibriert werden. Und das zahlt der Kunde in Form einer teuren Reparatur. Auch die Ultraschallsensoren für die Einparkhilfe können bei einem Unfall beschädigt werden und müssen dann ersetzt werden. Doch was tut man nicht alles, damit es gar nicht erst soweit kommt?!

 

Zielsetzung – weniger Unfälle auf Europas Straßen

Im Jahr 2017 verstarben 25.300 Menschen auf den Straßen innerhalb Europas. Damit ist die Zahl seit 2010 relativ konstant geblieben. Die EU-Kommission hofft, mit der nun veröffentlichen Vorgabe zu serienmäßigen Assistenzsystemen diese Zahl senken zu können.

 

Wie seht Ihr das? Bedeuten viele Fahrerassistenzsysteme eher eine Bevormundung oder freut Ihr Euch über die technische Assistenz?

 

Quellen: