Smart City
Zwei Räder, elektrisch: Die Zukunft des Individualverkehrs?

Die bevölkerungsreichen Metropolen suchen händeringend nach Konzepten, mit denen sie den drohenden Verkehrskollaps verhindern können. Neben dem öffentlichen Nahverkehr rücken Strategien in den Fokus, die den Wunsch nach Individualverkehr berücksichtigen. Elektrische Zweiräder könnten den Straßenverkehr entlasten, wenn man ihnen den benötigten Raum gibt.

Die Urbanisierung führt dazu, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen, die konventionellen Mobilitätskonzepte und der öffentliche Nahverkehr stoßen dabei zunehmend an ihre Grenzen. Staus, eine hohe Luftbelastung und die damit verbundene Einschränkungen in der Lebensqualität sind die Folge. Ein drohender Kollaps, der sich bereits heute in Megacities wie Shanghai abzeichnet, wird in den kommenden Jahrzehnten zunehmend auch ein Problem für europäische Metropolen werden.

Mit dem Bereich „Forschung, Neue Technologien, Innovationen“ unterhält BMW in Shanghai ein Kompetenzzentrum, das sich solchen Herausforderungen annehmen soll. Wir haben das Büro auf Einladung von BMW besucht und uns angeschaut, an welchen Projekten dort momentan gearbeitet wird.

Eines der Projekte nennt sich „BMW Vision E³ Way“. Dabei handelt es sich um ein modulares Hochstraßenkonzept für elektrisch angetriebene Zweiräder in Ballungsräumen, mit dem wichtige Verkehrsknotenpunkte miteinander verbunden werden. Die drei „E“ stehen für „elevated“, „electric“ und „efficient“. Durch die Verwendung von Hochstraßen über bisherigen Straßen („elevated“) schafft das Projekt in ohnehin beengten Ballungsräumen die zusätzlich benötigte Raum- und damit Verkehrskapazität. Der BMW Vision E³ Way ist explizit für lokal emissionsfreie Einspurmobilitätskonzepte („electric“) wie E-Bikes, elektrische Scooter oder elektrische Motorräder gedacht. Die modular und deshalb kostengünstig zu bauende Hochstraße schafft eine schnelle direkte Verbindung zwischen wichtigen Verkehrsknotenpunkten und ist damit eine Alternative für z.B. Berufspendler auf einer Strecke von bis zu 15 km. Damit ist die Nutzung der Hochstraßen nicht nur hinsichtlich der Kosten, sondern auch hinsichtlich der Wegezeit sehr effizient („efficient“).

„Der BMW Vision E³ Way eröffnet eine völlig neue Dimension von Mobilität in überfüllten Ballungsräumen: effizient, komfortabel und sicher. Ganz einfach, in dem wir emissionsfreiem Verkehr auf zwei Rädern neuen Raum geben. In China werden im Jahr 2050 mehr als eine Milliarde Menschen in Städten leben. Das Land wird zum globalen Inkubator vieler Mobilitätsinnovationen wie dem BMW Vision E³ Way werden.“ Dr. Markus Seidel, Leiter BMW Group Technology Office China

Bei der Ausarbeitung des BMW Vision E³ Way kooperierte BMW mit der Tongji Universität in Shanghai, da sie über die entsprechende Expertise in mehreren relevanten Bereichen verfügt. Unter der Leitung von Professor Jun Ma waren verschiedene Bereiche der Universität an der Konzeption beteiligt, wie beispielsweise die „School of Automotive Studies“ sowie das „College of Design and Innovation“.

Über Rampen und Schleusensysteme soll der BMW Vision E³ Way über eine Anbindung an das normale Straßennetz, an U-Bahnstationen oder an andere Verkehrsknotenpunkte verfügen. Auch große Einkaufszentren oder Bürogebäude könnten auf diese Weise mit dem System verbunden werden. Durch die Verlagerung der Mobilität auf eine eigene räumliche Ebene soll der BMW Vision E³ Way das tägliche Pendeln nicht nur schneller, sondern auch sicherer für die Verkehrsteilnehmer machen. Die ausschließliche Nutzung durch elektrisch angetriebene Zweiräder schließt Kollisionen sowohl mit Autos als auch mit nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern aus. Eine automatische Geschwindigkeitsregulierung bis max. 25 km/h senkt das generelle Unfallrisiko weiter. Darüber hinaus würde ein ausgeklügeltes Spurensystem den einfädelnden und fließenden Verkehr voneinander trennen und ihn erst bei Erreichen der Reisegeschwindigkeit zusammenführen.

Für alle, die selbst kein geeignetes Fortbewegungsmittel besitzen, macht an jedem Zugang ein Sharing-Konzept mit Leihfahrzeugen die spontane Nutzung der Trasse möglich. Während der Fahrt bietet die weitgehend überdachte Hochstraße Schutz vor Regen und Hitze. Für angenehme Temperaturen sorgt ein Kühlsystem mit gereinigtem Regenwasser, das nachts auch zur Reinigung der Fahrbahn verwendet werden kann.

Das Besondere ist die Kombination bereits bestehender, emissionsfreier Mobilitätslösungen mit einer neuen Verkehrsebene, so dass das Konzept ohne zusätzlichen Flächenbedarf schnell realisiert werden könnte. Erste Machbarkeitsstudien zeigen auf, dass ein solches Konzept Staus, Emissionen, Unfallrisiken und Reisezeiten reduzieren würde. Durch den Einsatz automatisierter Videoüberwachungssysteme, künstlicher Intelligenz und die Integration in Smart City Ecosysteme würde der Verkehrsfluss permanent optimiert, was wiederum große Auswirkungen auf den reduzierten Verkehr mit Automobilen hätte.

Die Modularität und die freie Skalierbarkeit machen das Konzept grundsätzlich für jede Megacity oder vergleichbare Ballungsräume anwendbar. So wäre es z.B. grundsätzlich denkbar, dass man die nah beieinander liegenden Städte im Ruhrgebiet mit einer solchen Trasse verbindet.