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Zum Tag der Deutschen Einheit: Am selben Strang ziehen

Wieder einmal jährt sich der Tag der Deutschen Einheit und wieder einmal grüble ich über den Status Quo der Nation an sich und über den der Gesellschaft, in der wir leben.

von Carsten Drees am 3. Oktober 2019

Puh, es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, einen Artikel zum Tag der Deutschen Einheit zu schreiben. Wieder einmal verzichten wir heute auf andere Beiträge und so schaue ich heute nicht nach Themen aus der Tech-Welt, die euch interessieren könnten, sondern fokussiere mich darauf, was ich euch zur Deutschen Einheit erzählen könnte.

Schwieriger wird es gleich aus mehreren Gründen. Einmal, weil uns unsere Regierung das Leben nicht immer leicht macht. Wir haben auch in den letzten 365 Tagen seit dem letzten Nationalfeiertag wieder so oft erstaunt die Köpfe geschüttelt, wenn wir in die Hauptstadt geblickt haben. Bei der Digitalisierung sind wir manchmal nicht ganz sicher, ob es da tatsächlich einfach nur Stillstand in der Regierung gibt — oder ob da nicht eventuell sogar jemand den Rückwärtsgang reingekloppt hat. Es sieht zumindest manches mal tatsächlich so aus, als wäre es letzteres.

Dazu das Thema Klimawandel, welches uns so sehr beschäftigt wie vielleicht noch nie, oder zumindest so sehr, wie seit den frühen Achtzigern nicht mehr. Damals redeten wir über sauren Regen, über Tschernobyl und die Älteren gingen auch mehr auf die Straße, als es in den letzten Jahrzehnten üblich war. Der Umweltschutz trieb die Menschen zu den Demos, aber auch der Protest gegen die Startbahn West oder der Zorn über Pershing-Raketen und NATO-Doppelbeschluss.

Aber ich schweife ab: Heute ist das Volk augenscheinlich wieder eher dazu bereit, sich sowohl für Politik zu interessieren, als auch auf die Straße zu gehen. Die Regierung gibt vor, sich tatsächlich für die Einhaltung der Klimaziele ins Zeug zu werfen, legt tatsächlich aber an merkwürdiges, unzureichendes Klimapaket vor. Es ist also zumindest aus diesem Blickwinkel schwierig, fröhlich gelaunt einen Nationalfeiertag (oder einen Artikel über selbigen) anzugehen, wenn die Nation politisch gerade einen durchwachsenen Eindruck macht.

Schwierig sind diese Beiträge aber auch, weil wir Jahr für Jahr auf diesem Blog einen solchen schreiben und ich mich dabei ertappe, dass ich das Geschriebene aus den Vorjahren einfach nur nochmal auffrischen muss. Das liegt daran, dass die Hoffnungen und Ideen, die man äußert, sowie die Hinweise, die man gibt, immer wieder ins Leere laufen.

Nicht nur am Tag der Deutschen Einheit fordere ich hier in meinen Opinion Pieces schließlich wieder und wieder dazu auf, dass wir unser eigenes Handeln stets reflektieren sollen. Es ist die eine Sache, den Keil nicht zu sehen, der die Nation spaltet und deshalb nichts dagegen zu unternehmen. Aber es ist eben nochmal was anderes, wenn wir selbst noch massiv dazu beitragen, dass dieser Keil die Gesellschaft mehr und mehr in zwei unappetitliche Stücke reißt.

Und ja, eines unserer Probleme in diesen Tagen ist es, dass es zwei Stücke sind und nicht viele, viele mehr. Wir sind zu einer binären Gesellschaft verkommen: Eins oder Null, Strom fließt oder fließt nicht, Schwarz oder Weiß, Reich oder Arm, Greta-Jünger oder Greta-Basher, “Haha”- oder “Sad”-Emoji, einfache oder komplexe Problemlösungen — und ja: Auch Ost oder West.

Vermutlich bringt es (wieder) nicht viel, hier das ganz große gesellschaftliche Rad zu drehen, aber über die Ost-West-Nummer müssen wir natürlich heute reden an diesem besonderen Tag. Im November 1989, vor mittlerweile fast 30 Jahren, fiel die Mauer. Mir steht die Pisse auch heute noch in den Augen, wenn ich Bilder von damals sehe und ich würde mir auch heute noch am liebsten dafür selbst ins Maul boxen, dass ich damals nicht einfach als 18-Jähriger nach Berlin gefahren bin, um diese besondere Stimmung zu atmen und zu erleben.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wild, denn egal, wo im Land man sich befand: Wir merkten ja alle, dass hier gerade eine ganz neue Ära beginnt — und mit ihr eine scheußliche Ära des kalten Kriegs endet. Übrigens mag ich mir nicht vorstellen, wie der Mauerfall oder die darauf folgende, vollzogene Einheit im Oktober 1990 von der Bevölkerung kommentiert worden wären, hätten wir damals schon Twitter und Facebook gehabt.

Jetzt sind 30 Jahre vergangen seit dem Mauerfall, 29 Jahre seit der Deutschen Einheit. Vieles haben wir anscheinend immer noch nicht hinter uns gelassen, was uns voneinander trennt. Aber ganz ehrlich: Ich glaube, dass diese Gräben zwischen Ost und West nicht so groß sind, wie sie gemacht werden.  Es sind für mich eher gesellschaftliche Gräben, die uns trennen und keine regionalen.

“Aber in Sachsen sind die Rechten …” — ja, ich weiß, was ihr meint. Wir können uns in der Tat viele Karten anschauen, die uns aufzeigen, dass die Grenze zwischen Ost und West immer noch deutlich erkennbar ist, zum Beispiel beim Zuspruch der AfD. Dennoch sind Ossis nicht pauschal Rechts und Wessis pauschal Links. Das wäre wieder diese Schwarz-Weiß-Nummer, von der ich eben sprach.

Für mich gibt es keine Gründe, der AfD hinterher zu rennen, egal wo in diesem tollen Land man wohnt. Aber es gibt zweifellos Regionen in Deutschland, in denen über viele Jahre so viel schief gelaufen ist, dass sie den perfekten Nährboden bieten für Hoffnungslosigkeit, für Radikalismus und Extremismus, für den Wunsch, dass diejenigen mit den ganz einfachen Lösungen das eigene Leben tatsächlich verbessern könnten.

Worauf ich hinaus will: Der Westen hat der ehemaligen DDR tatsächlich übel mitgespielt. Sicher wurden politisch einige falsche Entscheidungen getroffen, aber vor allem war man wohl nicht darauf vorbereitet, wie sich die Heuschrecken auf dieses neue Territorium stürzten und den Osten nachhaltig beschädigten. Egal, ob in Industrie, beim Sport oder sonst wo: Überall bekam man in den damals wirklich noch neuen Ländern (wann hören wir eigentlich mal auf, Bundesländer in alt und neu zu unterteilen?) ganz bitter zu spüren, was es heißt, wenn kapitalistisch ausgerichtete Unternehmen sich händereibend auf neues Gebiet wagen.

Aber — und das ist ein ganz fettes “aber”: Das ist in meinen Augen keine Frage der grundsätzlichen Mentalität, die Deutsche im Osten von Deutschen im Westen unterscheidet. Der Osten leidet heute unter den Folgen dessen, was ich gerade beschrieben habe und nicht darunter, dass der Mensch in Ostdeutschland grundsätzlich anders ist als in Westdeutschland. Ich halte es für schlicht absurd, so zu tun, als hätten wir je nach Himmelsrichtung andere Gene, die uns menschlich anders ticken lassen.

Ich bin froh, dass ich in einem wiedervereinigten Deutschland leben darf und dass es für meine Freunde und mich überhaupt keine Rolle spielt, ob man aus Dortmund stammt oder aus Weißenfels, oder ob man in Bremerhaven, Rodgau oder Leipzig lebt. Egal, ob es meine besten Freunde sind, oder “nur” gute Bekannte oder gar nur Kontakte in den sozialen Medien: Nirgends spielt es in meinem Bekanntenkreis eine Rolle, woher man stammt. Da ist es egal, ob man Deutsch-Türke ist, der in der dritten Generation hier lebt, ob man vor einem Krieg nach Deutschland geflüchtet ist, ob man Spätaussiedler aus Osteuropa ist und erst recht ist es egal, aus welcher Ecke Deutschlands jemand stammt.

So stellt sich meine Filterblase dar und das verwundert mich auch nicht. Schließlich sucht man sich ja die Menschen aus, mit denen man sich umgibt, also lebe ich in meiner lustigen, plüschigen Bubble voller Menschen, die allesamt open-minded sind. In diesem Mikrokosmos erlebe ich also tagtäglich, dass es egal ist, an welchen Gott man glaubt oder ob man Atheist ist, ob man aus West oder Ost stammt, welche Hautfarbe man hat oder welche Menschen man liebt. Also kann es nichts Grundsätzliches sein, was uns voneinander unterscheidet, schon gar nicht Menschen im Osten von Menschen im Westen.

Die Unterschiede zwischen den beiden Teilen des Landes sind aber dennoch da. Das hängt mit so vielen Altlasten zusammen, mit einer — meiner Meinung nach — immer noch zu inkonsequenten Politik und leider auch mit vielen gerissenen Arschlöchern, die darin ihren Profit sehen, die Gräben zwischen Ost und West weiter zu vergrößern statt zuzuschütten.

Die Unterschiede zwischen Ost und West überwinden wir aber nicht, indem wir auf den jeweils anderen zeigen. Vielmehr müssen wir an einem Strang ziehen, egal bei welchem Thema. Wenn wir für uns akzeptiert haben, dass jeder Mensch den selben Wert hat, egal woher er stammt, wird es eigentlich ganz simpel und dann sind wir wieder bei unserem binären System: Entweder bin ich ein Arschloch, oder ich bin keins. Null oder Eins.

Hier sollte eigentlich Konsens herrschen, dass wir das Arschloch-Lager nicht benötigen. Dummerweise werden wir aber nicht verhindern können, dass sie immer existieren werden unter uns. Was wir aber können: Aktiv verhindern, dass wir uns selbst wie welche aufführen. Dabei geht es dann nicht um Ost oder West, um politische Gesinnung, um irgendwelche Ansichten zu irgendwelchen Themen. Dabei geht es nur darum, ungeachtet all dieser Dinge ein paar Grundregeln einzuhalten:

  • Nehmt Rücksicht und behaltet die Menschen im Auge, die euch umgeben. Scheißegal, ob es der beste Freund ist, der Nachbar, den man kaum kennt oder die fremde Person neben einem an der Ampel.
  • Hört anderen zu und das mit der Prämisse, dass das Gesagte jederzeit dazu führen können muss, dass ihr eure eigene Ansicht zu einem Thema überdenkt. Nur, wenn wir ergebnisoffen unsere jeweiligen Argumente in die Waagschale werfen, können wir hinterher erkennen, was wirklich richtig ist. Niemand profitiert davon, wenn wir einfach nur versuchen, möglichst laut den eigenen Standpunkt darzustellen, ohne auch nur einen flüchtigen Blick auf den anderen Standpunkt zu werfen.
  • Zeigt Empathie und versucht die Probleme, Nöte und Ängste des anderen nachzuvollziehen und nehmt sie ernst. Sind diese Probleme real, kann man sie gemeinsam angehen. Sind es nur gefühlte Probleme, muss man das besonnen vermitteln, wo wir wieder beim ergebnisoffenen Diskutieren wären.

Wenn wir so verfahren, sollten wir insgesamt allesamt besser durchs Leben kommen und vielleicht auch ganz schnell erkennen, dass sich Arschlöcher von Nicht-Arschlöchern unterscheiden und nicht Ostdeutsche von Westdeutschen.

Die Welt, in der wir leben, ist eine sehr schwierige und komplexe und ja, wir werden in den nächsten Jahren vor so manche Prüfung gestellt. Der Klimawandel wird uns weiter beschäftigen, ebenso die Folgen der Digitalisierung, die vielen Menschen den Job kosten wird. Genau deswegen ist es so unglaublich wichtig, dass wir erkennen, in was für einem Land wir hier leben und wie gut es uns hier eigentlich geht.

Schaut mal nach Jemen, nach Venezuela oder in hundert andere Länder und ihr werdet sehen, dass die kommenden Jahre zwar knifflig werden, wir aber das unverschämte Glück haben, als in Deutschland Lebende aus einer äußerst günstigen Position starten zu dürfen. Bei allem Hadern auf die Politik leben wir in einem Staat, dessen soziales Netz uns besser abfedert, als es in den größten Teilen der Welt geschieht. Die Umwelt-Themen geht man in der Regierung vielleicht zu schüchtern und inkonsequent an, aber man geht sie an.

Und entgegen den Stimmen, die sagen, dass für die Politik in Deutschland nur noch die Elektromobilität eine Rolle spielt, haben wir auch noch andere Technologien im Blick — kaum ein Land ist beim Thema Wasserstoff/Brennstoffzelle so weit wie wir. Da kommt dann neben der Politik die Industrie ins Spiel: Wir hadern zu recht, dass Vermögen ungerecht verteilt werden, dass Tausende Jobs gekillt werden, während gescheiterte Manager mit Millionensummen vom Hof gejagt werden. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass die deutschen Unternehmen mehr reißen können, als man ihnen derzeit zutraut. Egal, ob aus dem Blickwinkel der Innovationen oder dem des Klimaschutzes betrachtet: Viele Konzerne sind schon viel weiter als das, was die Regierung ihnen derzeit zutraut und man muss sie nur von der Leine lassen.

Lange Rede, kurzer Sinn meines Abschluss-Appells: Das Land ist lange nicht so übel, wie es uns viele einreden möchten. Versucht mal, Deutschland aus der Sicht zu betrachten, wie es von anderen Ländern wahrgenommen wird und ihr müsstet erkennen, dass man überall mit viel Respekt und Hochachtung von uns spricht. Die Geschichte hat uns mit der Wiedervereinigung ein unglaublich großes Geschenk gemacht. Halten wir dieses Geschenk in Ehren und arbeiten wir alle jeden Tag daran, uns gegenseitig besser zu verstehen und uns zuzuhören — lasst uns am selben Strang ziehen, dann kommen wir auch dahin, dass man diesen Nationalfeiertag entspannter angehen kann.