Kommentar
Zur Deutschen Einheit: Ein bisschen mehr Demut wäre gut

Es ist der dritte Oktober - Tag der Deutschen Einheit. Auch in diesem Jahr ehren wir diesen Tag mit einem eigenen Artikel. Gerade in schwierigeren Zeiten eine schöne und wichtige Tradition.

Als Sascha Pallenberg erstmals am 03. Oktober 2014 einen Artikel zur Deutschen Einheit auf unserem Blog veröffentlichte, beschloss er, dass wir künftig jedes Jahr an diesem Tag auf Tech-News verzichten werden und stattdessen einen Blick auf unser Land werfen. Diese Tradition setze ich hier sehr gerne fort, auch wenn uns allen klar ist, dass nicht jedem in diesem Land unbedingt zum Feiern zumute ist.

Warum feiert man einen solchen Tag überhaupt? Weil an diesem Tag im Jahr 1990 die deutsche Einheit vollzogen wurde. Als Folge des zweiten Weltkriegs sind zwei Länder, viele Familien, ja ein ganzes Volk auseinander gerissen worden. Mittlerweile sind wir seit fast drei Jahrzehnten wiedervereint und ja, natürlich ist das auch in diesen Zeiten ein Grund zu feiern.

Ich sage das deswegen, weil sich der Trend fortsetzt, der Ton in der Gesellschaft weiterhin immer ruppiger und unverschämter wird. Weil immer noch von viel zu vielen die Hauptschuld an allem Übel auf Menschen geschoben wird, die weder Schuld daran waren, dass Deutschland zerrissen wurde, noch Schuld daran, wie nach der Wiedervereinigung mit den Menschen im Osten umgegangen wurde.

Noch immer sind wir zwar ein wiedervereinigtes, aber dennoch nicht ganz gleiches Volk. Wir werden noch eine ganze Weile daran zu knabbern haben, bis man weder bei Renten, bei Gehältern usw. einen Unterschied zwischen Ost und West feststellen kann. Dennoch ist der 03. Oktober völlig zu recht unser Nationalfeiertag und es macht mich wütend, wenn heute der meistgelesene Artikel in der Zeit den Namen “Schafft doch endlich diesen Feiertag ab” trägt.

Es gibt massive Probleme — das gilt im Speziellen für den Osten, aber auch generell für die Nation. Es gilt erst recht für Europa und im Grunde unseren Planeten, aber wir wollen uns heute nur auf die Lage im eigenen Land beschränken. Diese Probleme will auch niemand klein- oder gar wegreden. Aber wir müssen sie auch im richtigen Verhältnis sehen. Unsere Welt ist komplex und schwierig, aber das wäre sie auch ohne Wiedervereinigung.

Habt ihr euch mal vorgestellt, wie der Nachfolgestaat der DDR heute aussehen würde, wenn es keine Wiedervereinigung gegeben hätte? Der Warschauer Pakt wäre dennoch auseinandergefallen und ohne die schützende Hand Russlands und ohne Wiedervereinigung mag ich mir nicht vorstellen, wie Ostdeutschland heute existieren würde.

Ein wiedervereinigtes Deutschland mit Problemen ist zweifellos das geringere Übel. Ein geringeres Übel als zwei deutsche Nationen mit Problemen.

Bei all der Schimpferei vieler Menschen im Osten über den Westen, über Ausländer und über Politiker und ebenso bei der Schimpferei vieler Wessis über den Osten und über das Reduzieren des Rassismus ausschließlich auf den Osten bzw auf Sachsen, sollten wir nicht vergessen, dass wir nach wie vor auf sehr hohem Niveau Jammern. Ein wiedervereinigtes Deutschland mit Problemen ist zweifellos das geringere Übel. Ein geringeres Übel als zwei deutsche Nationen mit Problemen.

Ein wiedervereinigtes Deutschland mit Problemen ist zweifellos das geringere Übel. Ein geringeres Übel als zwei deutsche Nationen mit Problemen.

Der Bergsteiger

Mir kommt ein Bild in den Kopf von einem Bergsteiger, der auf dem Weg zum Gipfel in eine Felsspalte stürzt und schwer verletzt liegen bleibt. Nach zwei Tagen schwinden die Hoffnungen, dass man ihn noch lebendig finden kann, aber das Wunder passiert dennoch: Er wird gefunden und geborgen. Er überlebt das Unglück, trägt aber vielleicht eine schwere Verletzung davon. Vielleicht muss er monatelang im Krankenhaus bleiben, vielleicht wirkt sich der Sturz aber sogar negativ auf sein ganzes weiteres Leben aus.

Jetzt stelle ich mir vor, wie die Ärzte von ihm beschimpft werden, die ihn monatelang behandeln handeln. Außerdem pöbelt er noch andere Patienten an, die lange nach ihm ins Krankenhaus eingewiesen wurden und macht sie für seine Misere verantwortlich.

Worauf ich hinaus will: Dieser Mann hat allen Grund der Welt, über seine aktuelle Situation zu hadern. Vielleicht war er leichtsinnig — dann sollte er sich selbst die Vorwürfe für sein Desaster machen. Vielleicht war aber auch ein Weg nicht ordnungsgemäß gesichert, oder es wurde auf eine Gefahr nicht richtig hingewiesen. Dann gilt es, die Verantwortlichen zu finden und zu benennen. Aber es geht nicht, dass er Ärzte, Pfleger und andere Patienten für seine Misere verantwortlich macht.

Ich gebe zu, dass der Vergleich ein wenig hinkt, weil ein solcher Unfall ein Unglück ist, eine  Wiedervereinigung hingegen nicht. In beiden Fällen wird aber eine neue Situation erschaffen. Egal, wen man verantwortlich macht, egal wer wirklich Schuld an einer Lage ist und egal, wie die Dinge vorher gewesen sind: Ab diesem Punkt muss man sich den neuen Gegebenheiten stellen und darf nicht verzweifelt versuchen, eine Welt zu schaffen, wie sie früher einmal war. Es mag ein steiniger Weg sein, seinen Weg zurück ins Leben wiederzufinden. Aber er ist ohne Alternative! Die Welt hat sich schon immer verändert– auch, wenn der Wandel heute hektischer vonstatten geht.

Deutschland sucht den Superstaat

Es kommen noch so viel mehr Veränderungen auf uns zu. Gesellschaftlich, politisch, technologisch. Die Digitalisierung ist für viele Menschen — auch unter den Politikern — so eine Art Schreckgespenst, dem es davon zu rennen gilt. Wir müssen uns den Aufgaben aber stellen, statt abzuhauen. Das gilt für die Industrie, die neue Ertragsmodelle, neue Produkte, neue Technologien auf den Weg bringen müssen. Das gilt auch für die Politik, die der Industrie den nötigen Feuerschutz geben muss, gleichzeitig aber auch mit den Unternehmen den Weg in die Zukunft wagt und dabei auch nicht die Bevölkerung hilflos zurücklassen darf. In einer globalisierten Welt muss jeder Staat zu einem Superstaat werden, der auf jeder Ebene jederzeit mit allen anderen Staaten der Welt konkurriert.

Es ist ein schwieriger Spagat, den Deutschland da bewältigen muss. In Zeiten, in denen unsere Kanzlerin längst als angeschossen gilt und ihre Kanzlerschaft dem Ende entgegengeht, müssen wir Gesellschaft und Industrie zusammenhalten, müssen uns gegen isolationistische Tendenzen in den USA und anderen Ländern behaupten und auch eine neue, starke Idee von Europa entwickeln.

Wir können darüber diskutieren, wie bestimmte Probleme anzugehen sind und die Schuldigen müssen ebenso wie die möglichen Auswege präzise benannt werden. Aber wir sollten als Volk doch längst intelligent genug sein, dass wir auf komplexe Probleme keine einfachen Lösungen erwarten und für lange gewachsene Probleme auch nicht kürzlich erst angekommene Menschen verantwortlich machen.

Es sieht schwierig aus in unserem Land. Ein Land, in dem sich eine CSU im Wahlkampf eher der AfD als dem eigenen Volk annähert. Ein Land, in dem eine technische Entwicklung nach der nächsten von der Regierung verschlafen wird. Ein Land, in dem sich ein Jens Spahn schon mal vorsichtig als Kanzler in Stellung bringt.

Aber es ist immer noch das Land, welches aus zweien zu Unrecht zerrissenen Staaten zusammengesetzt wurde.Es ist ein wunderschönes und ein modernes Land und es ist ein Land, in welchem meine besten Freunde weit verstreut leben und viele davon eben aus den “neuen” Ländern stammen oder immer noch dort leben. Für mich bedeutet gelebte Einheit auch, dass mir bei manchen Menschen überhaupt nicht klar ist, ob sie aus Ost oder West stammen. Weil ich über sowas nicht nachdenke und es mir schlicht egal ist.

Wir sollten alle ein bisschen mehr Demut an den Tag legen, bevor wir zu hart ins Gericht gehen mit diesem wiedervereinigten Land. Es ist beileibe nicht alles Gold, was glänzt, aber wir sind auf dem Weg — und es ist das beste Deutschland, was wir haben.