Der Handelskrieg zwischen China und den USA dreht sich um die Zukunft der Innovation

Der Erfolg von Chinas autoritär gelenkter Innovation stellt die Theorien der freien Marktwirtschaft in Frage.

Im Jahr 2017 haben insgesamt fünfzehn chinesische Startup-Unternehmen den so genannten „Unicorn“-Status erreicht. Somit stammen nun ganze 30 Prozent aller Milliardenunternehmen aus China. Letzten Monat haben wir einen Artikel zum wertvollsten Startup der Welt veröffentlicht – dem Carsharing-Anbieter und Uber-Konkurrenten Didi.

Wenn von chinesischer Innovation die Rede ist, wird sie häufig mit der Innovation im Westen verglichen. Die Schlussfolgerung ist oft, dass der Erfolg Chinas lediglich auf Nachahmung sowie der Abschottung des Landes basiert. Westliche Unternehmen wetteifern dagegen im demokratischen Silicon Valley um den Erfolg und streben dort nach „echter“ Innovation. Wirft man jedoch einen genaueren Blick auf die Unterschiede zwischen China und dem Westen, lässt sich erkennen wie sich die Zukunft der Technologie und das Konzept der Innovation dort für immer verändert haben.

Die Anfänge von Uber liegen im Herzen des Kapitalismus. Silicon Valley ist gnadenlos und selbst heute hat Uber noch mit der örtlichen Gesetzgebung zu kämpfen. Auch der chinesische Konkurrent Didi ist ein privates Unternehmen und musste sich zunächst auf dem freien Markt beweisen, das Unternehmen erhielt jedoch einiges an Unterstützung von der chinesischen Regierung.

Diese zögerte nicht lange und änderte die Gesetzgebung zu Gunsten des Startups, und zwar ganz ohne Debatte. Ihr könnt sagen, was ihr wollt, aber das Einparteiensystem Chinas hat in diesem Fall durchaus seine Vorteile.

Die Zukunft der Technologie basiert nicht länger nur auf Venture-Kapital-Finanzierungen, sondern auch auf den Langzeitplänen der chinesischen Regierung.

China will weder seine Politik noch seine Ideologie in den Westen exportieren. Stattdessen dürfen wir den Aufstieg einer Supermacht beobachten, deren enormer Erfolg auf leistungsstarken Produktionsunternehmen und technologischem Fortschritt basiert.

Im September letzten Jahres hat das Foreign Policy Magazine einen Artikel veröffentlicht, der davon handelte, wie China mithilfe von Amerikas Plänen die Zukunft der KI-Technologie dominieren möchte.

Ende 2016 veröffentlichte die US-Regierung unter Obama drei Berichte, die alle zu einem Fazit gelangten: Fortschritte in Sachen „Machine Learning“, einer Technologie mit deren Hilfe Computersysteme ohne expliziten Programmieraufwand verbessert werden können, werden eine Revolution auf dem Gebiet der KI-Technologie ermöglichen.

Wie wichtig diese Technologie ist, lässt sich schon jetzt anhand von selbstfahrenden Autos feststellen. Sie hat aber auch das Potential, die Wirtschaft und die nationale Sicherheit eines Landes zu verändern.

Die Berichte wurden von der chinesischen Regierung gefeiert und im Juli 2017 veröffentlichte China eine neue Reihe von Plänen bezüglich dieses Themas, die auf denen der US-Regierung basierten. China konzentriert sich dabei auf das transformative Potential der Technologie. Ziel ist es, die Wirtschaft und das Militär zu unterstützen. China hat sich die Vorschläge der Vereinigten Staaten sehr zu Herzen genommen und eine äußerst ambitionierte Checkliste erstellt, mit der das Land bis zum Jahr 2030 eine globale Führungsrolle in Sachen KI einnehmen möchte.

China investiert intensiv in die Forschung und Entwicklung dieser Technologie, während die Trump-Regierung beschließt, Kürzungen für staatlich finanzierte Forschungsprogramme durchzuführen.

Aktuell möchte die US-Regierung die KI-Forschung durch die National Science Foundation um ganze 10 Prozent und damit auf 175 Millionen US-Dollar kürzen. China scheut dagegen keine Kosten und Mühen. Im Jahr 2014 kündigte die chinesische Regierung an, einen 1 Trillionen RMB (150 Milliarden US-Dollar) teuren Investmentfonds ins Leben zu rufen, um die chinesische Halbleiterindustrie zum globalen Marktführer zu machen. Bis 2017 konnte die Regierung bereits ein Drittel dieser Summe zur Verfügung stellen.

Im Jahr 2018 lassen sich bereits die Ergebnisse dieser Entwicklung erkennen. Das Huawei P20 Pro ist eines der besten Smartphones auf dem Markt. Huawei hat gezeigt, dass der eigens entwickelte Kirin 970 und die Neural Network Processing Unit (NPU, zur Beschleunigung der KI-Features) anderen Prozessoren in nichts nachsteht.

Der Hersteller hat sich aber nicht nur in Sachen Hardware bewiesen – das komplette Paket stimmt. Von der Hardware und dem Smartphone an sich, bis hin zur eigens optimierten Software. Die KI-Features des P20 Pro lassen sich sogar mit denen des Google Pixel 2 vergleichen.

China agiert mit solcher Flexibilität, dass wir unsere Einstellung zur chinesischen Politik neu überdenken müssen

Die Demokratie ist die weltweit am weitesten verbreitete und erfolgreichste Regierungsform. Stephan Heilmann, Autor von „Red Swan: How Unorthodox Policy-Making Facilitated China’s Rise“, merkte auf Nikkei an, dass China es geschafft habe, auf lokaler Ebene ausreichend Raum für politische Experimente zu lassen ohne dabei an Macht zu verlieren – von der Marktliberalisierung bis hin zur Modernisierung der Verwaltung und der Innovation in Sachen Technologie. Die Regierung habe es Bottom-up-Initiativen erlaubt, die zentrale Politik zu beeinflussen, was wiederum zu einem Anstieg der Produktivität des Landes geführt habe.

Solange die Wachstumsraten weiter anstiegen, war es für China möglich dieses empfindliche Gleichgewicht zu halten. Aktuell gerät China jedoch an seine Grenzen, was das quantitative Wachstum und die Bekämpfung der Armut durch eine produktionsorientierte Wirtschaft angeht. Der Übergang zu einem qualitativen Wachstum und einer Wirtschaft, die eine größere Wertschöpfung liefern kann, erfordert echte Innovation. Stephan Heilmann

Mit seinen geschlossenen Grenzen, einem streng kontrollierten Internet und 1,3 Milliarden Bürgern hat sich China dazu entschieden, zu einer Hightech-Supermacht zu werden, in der Hierarchie und Disziplin im Mittelpunkt stehen.

Internationale Märkte haben verstärkt mit Ablenkungen und Problemen wie der Trump-Regierung oder dem Brexit zu kämpfen. China hat dabei nur ein Ziel vor Augen. Man vergisst schnell, dass die Zeiten von „Copycat China“ schon seit einigen Jahren vorüber sind.

Liberale Demokratien werden sich erst jetzt bewusst, wie weitreichend der wirtschaftliche, technologische und schließlich auch der systematische Wettkampf mit China tatsächlich ist. ZTE und Huawei sind erst der Anfang. China auf globaler Ebene auszuschließen, wird nur noch für mehr Innovation sorgen.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass Huawei schon seit 2012 an einem eigenen Betriebssystem arbeitet – dies ist eine direkte Folge von staatlicher Finanzierung. Zwischen 2010 und 2012 waren Smartphones mit modifizierten Android-Versionen der letzte Schrei. Grund dafür war eine Initiative zur Entwicklung von Android-Alternativen. Dell lieferte sogar Laptops aus, auf denen NeoKylin installiert war – ein Betriebssystem, das von der chinesischen Regierung und dem Finanzsektor verwendet wird. Die Liste der lokalen Alternativen zu amerikanischen Produkten ist lang.

Während sich die meisten Leute die Frage stellen, wie China gegen die Sanktionen der USA vorgehen wird, sollten wir uns vor Augen halten, dass es in diesem Handelskrieg in Wirklichkeit um die Zukunft der Innovation geht. Sollte China am Ende auf sich allein gestellt sein, sollte es niemanden überraschen, wenn die staatlich geführte Technologierevolution Chinas dieser Herausforderung gewachsen ist.