Vermeintliche Bombe war nur eine Uhr:
14-Jähriger wird für selbstgebaute Uhr erst verhaftet, jetzt vom ganzen Internet gefeiert

Der 14-jährige Ahmed Mohamed wurde in seiner Schule verhaftet und verhört - Grund: Eine vermeintlich von ihm gebaute Bombe. Tatsächlich hat er nur eine Uhr gebaut! Die Story ging in der Folge wie ein Lauffeuer durchs Internet und es hagelt Lob und Anerkennung für den Jungen - von großen Tech-Unternehmen wie Google und Facebook bis US-Präsident Barack Obama reicht die Liste derjenigen, die sich auf die Seite des Jungen schlagen.
von Carsten Drees am 17. September 2015

Stellt euch vor, ihr bastelt etwas für die Schule: Etwas, was vielleicht nicht wirklich das anspruchsvollste Stück Technik ist und in weniger als einer halben Stunde zusammengeschraubt wurde, aber euren Lehrern zeigen soll, dass ihr technisch interessiert und auf diesem Gebiet durchaus begabt seid. Und jetzt stellt euch vor, was die schlimmstmögliche Reaktion der Lehrer sein könnte: Eine schlechte Note vielleicht oder ein dummer Spruch, dass man da nichts besonders Tolles abgeliefert habe? Wird man diese Frage dem gerade einmal 14 Jahre alten, in Texas lebenden Ahmed Mohamed stellen, werdet ihr eine ebenso außergewöhnliche wie schockierende Antwort bekommen:

Was hat er getan? Der Junge ist technisch interessiert, hat bereits in der Middle School einen Roboter-Kurs belegt und bastelt für sein Leben gern in seiner Freizeit. Nun wollte er auch auf der High School seine Lehrer von seinem Talent überzeugen und bastelte in gerade einmal 20 Minuten vor dem Schlafengehen eine Uhr zusammen. Nichts Wildes, erklärt der begabte Junge – lediglich eine Platine mit Stromversorgung und einem digitalen Display, alles in einer Box untergebracht und mit einem Tiger-Hologramm versehen.

Selbstgebastelte Uhr in einer Box

Er brachte die Uhr also mit zur Schule, sein Lehrer war aber nicht wirklich so begeistert, wie sich der muslimische Junge das vorgestellt hatte. Das Ding wäre zwar „sehr nett“, aber er sollte es besser keinem anderen Lehrer zeigen. Wieso, das sollte Ahmed schon kurze Zeit später erfahren, als nämlich im Unterricht der Alarm der Uhr losging und seine Lehrerin wenig zufrieden war mit seiner Erklärung, dass es sich dabei lediglich um eine Uhr handele.

Es kam, wie es niemals hätte kommen dürfen: Die Lehrerin rief die Sicherheitskräfte, die Uhr wurde beschlagnahmt, Ahmed Mohamed wurde verhaftet, in Handschellen abgeführt und verhört. Die Begründung: Er habe eine Bombe oder zumindest eine Bomben-Attrappe bauen wollen. Die Polizei bestätigt zwar, dass er zu keinem Zeitpunkt so etwas erwähnt habe, aber der fehlende Grund, wieso man einfach so eine Uhr baut ohne speziellen Auftrag, reichte scheinbar schon aus, dass sich der 14-jährige Nerd und Muslim verdächtig machte.

Die Geschichte zog schnell größere Kreise: Die Dallas Morning News berichtete über den wissbegierigen Jungen, der nichts mehr liebt, als sich seinen elektronischen Spielereien zu widmen. Dort schilderte Ahmed auch selbst nochmal, was sich da in seiner texanischen High School ereignet hatte.

Unterdessen wandte sich Daniel Cummings, der Schulleiter des Irving ISD, mit einem Brief an die Eltern und Schüler und erklärte anhand Ahmeds Beispiel, wie wichtig es wäre, a) keine verdächtig aussehenden Gegenstände mit in die Schule zu bringen und b) als Schüler sofort eine Lehrkraft zu informieren, sollte man einen solchen Gegenstand bemerken! Cummings kommt also nicht etwa im Büßergewand, sondern sieht sich in seiner Politik durch den Vorfall sogar noch bestätigt.

MacArthur Principal Letter to Parents by Robert Wilonsky

Damit hätte die Geschichte im Grunde enden können: Ein Vorfall, der eigentlich überhaupt keiner war, eine daraus entstehende Schlagzeile und eventuell dann ein paar empörte Menschen im Internet, die sich bei Twitter darüber auslassen, wie weit es mit den USA gekommen ist, dass man noch nicht einmal mit einer selbstgebastelten Uhr im Unterricht auftauchen darf.

Mark Zuckerberg, Barack Obama, Google und Co reagieren auf den Jungen

Erfreulicherweise ist die Geschichte aber an diesem Punkt eben noch nicht zu Ende erzählt. Spoiler-Alarm: Jetzt kommt der Teil mit dem Happy-End! Zunächst mal waren es nicht ein paar wenige Menschen, die angesichts dieses Vorgehens empört waren. Gleich tausendfach schimpften sie über Schule und Polizei und selbst, wenn die Beamten erklärten, dass das Vorgehen exakt das selbe gewesen wäre, hätte es sich nicht um einen Muslim gehandelt: Sehr viele Reaktionen befassten sich exakt damit, dass ein muslimisch aussehender Mensch scheinbar direkt verdächtig erscheint. Folgender Tweet reagiert recht witzig auf diese Geschichte und zeigt gleichzeitig, dass sich die Zeiten zum einen geändert haben in den USA – und man nicht immer dem ersten Eindruck glauben soll:

Ich denke, ich muss hier keinem Leser erklären, dass wir auf dem Bild Steve Jobs und Steve Wozniak sehen, die in der Folge aus Apple das reichste Tech-Imperium der Welt machen sollten. Auch andere sarkastische Reaktionen wie folgendes Bild machten alsbald die Runde:

Dangerous Items

Glücklicherweise sind die United States of America nicht nur für erstaunliche und erschreckende Polizei-Maßnahmen und Angst vor fremden Kulturen bekannt, sondern auch für Menschen, die – siehe Jobs und Wozniak oben – mit ihren Ideen die komplette Technik-Welt auf den Kopf gestellt haben und zudem wird das Land derzeit von einem Mann angeführt, dem ich hier mal das Prädikat „open minded“ verpassen möchte. Dieser Präsident – die Rede ist natürlich von Barack Obama – bekam auch Wind  von der Geschichte und ließ es sich nicht nehmen, sich an den Jungen zu wenden und ihn kurzerhand ins weiße Haus einzuladen:

Auch eine Reaktion von Hillary Clinton ließ nicht lange auf sich warten:

Das sind genau die Art prominenter Schulterklopfer, die so ein Junge verdient hat. Menschen, die ihn bestärken, genau so weiterzumachen und die daran glauben, dass solche Kids als Vorbild für viele andere Kinder dienen können. Aber es gab noch viel mehr Reaktionen – um einen Job wird sich dieser junge Mann zumindest keine Sorgen machen müssen. Eine erste Einladung in ein Tech-Unternehmen flatterte ihm aus Kalifornien ins Haus, genauer gesagt von Facebook:

You’ve probably seen the story about Ahmed, the 14 year old student in Texas who built a clock and was arrested when he took it to school. Having the skill and ambition to build something cool should lead to applause, not arrest. The future belongs to people like Ahmed. Ahmed, if you ever want to come by Facebook, I’d love to meet you. Keep building. Mark Zuckerberg, Facebook

Doch nicht nur Facebook klopfte an: In dem Land, in welchem es wie keinem zweiten möglich ist, mit Willen und Pioniergeist das komplette Internet umzukrempeln, drückten sich in der Folge Unternehmen wie Google und Twitter, aber auch Foursquare, Megabots, Box und viele mehr die Klinke in die Hand, um den Jungen einzuladen und ihn in seinem Tun zu bestärken und im Internet etablierte sich #IStandWithAhmed als Hashtag, der natürlich zum Top-Trend wurde:

Chris Hadfield, Astronaut:

Google:

Foursquare:

Twitter:

MegaBots:

Der Junge, der bei seiner „Festnahme“ ein Nasa-T-Shirt trug, wurde sogar eingeladen, sich den Mars Rover anzuschauen:

Unfassbar schöne Wendung für eine Geschichte, die echt gruselig angefangen hat und die – wieder einmal – zeigt, dass wir dank Internet nicht nur Hass und Häme in Windeseile verbreiten können, sondern auch jederzeit wieder für die Aufmerksamkeit sorgen können, die eine ungerechte Behandlung in aller Welt dokumentiert. Klar, dass auch Ahmed Mohamed selbst ergriffen war von so viel Zuspruch:

Wenn ihr euch heute schon wieder über den ignoranten Populisten Kai Diekmann aufgeregt habt oder über andere üble Hetzer im Internet: Hier habt ihr die Story für den heutigen Tag, die euch zumindest für einen Augenblick lächeln lässt und vielleicht den Glauben daran zurückgibt, dass es eben doch keine so schlechte Welt ist, in der wir leben – bei mir hat es jedenfalls diesen Effekt gehabt!

Quellen: VentureBeat, The Guardian, heise, Dallas Morning News, BBC