Kommentar
Ändern verboten! Das neuste Beispiel: Instagram

Kurz war Alarm im Instagram-Land: Der Feed wurde radikal umgestellt von Scrollen auf Wischen. Instagram hat das Update mittlerweile wieder zurückgezogen und spricht von einem Versehen.
von Carsten Drees am 27. Dezember 2018

Albert Einstein, dieser geniale Wissenschaftler und theoretische Physiker, soll einst gesagt haben: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

Unabhängig davon, dass er das augenscheinlich nie wirklich selbst gesagt hat, würde er es heute vermutlich anders formulieren und sagen: Drei Dinge sind unendlich, das Universum, die menschliche Dummheit und der Hass auf Änderungen in Social-Media-Apps. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

Ob ein Albert Einstein, in heutigen Zeiten lebend, Instagram nutzen würde, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber bei einer Sache bin ich mir dafür äußerst sicher: Wir werden nie-nie-niemals ein Update einer App wie Twitter, Facebook oder eben Instagram erleben, bei dem sich nicht viele Menschen echauffieren und die alte Version herbeisehnen. Es gehört bei Veränderungen einfach dazu, dass es die Masse der Nutzer erst mal pauschal daneben findet.

Das macht die Arbeit für die Programmierer natürlich nicht wirklich leichter. Auf der einen Seite ist Stillstand bekanntlich der Tod. Neue technische Möglichkeiten, veränderte Bedingungen am Markt, anderes Nutzer-Klientel, andere Ausrichtung der App — es gibt mannigfaltige Gründe, wieso eine Anwendung oder eine Plattform über die Jahre ihr Gesicht verändert. Facebook wäre sicher niemals auf mehr als zwei Milliarden Nutzer angewachsen, wenn ein pfiffiges Kerlchen sich nicht irgendwann die Likes und den News Feed mit all seinen Möglichkeiten erdacht hätte. Fragt mal bei den Jungs von studiVZ nach, was passiert, wenn man sich nicht flott genug wandelt. studiwas? Ja eben, ganz genau.

Wieso ich euch das alles gerade erzähle? Weil Instagram just heute wieder die Erfahrung machen musste, was für einen Zorn man auf sich zieht, wenn man eine Änderung in einer erfolgreichen App vornimmt. Dazu müsst ihr auch wissen, dass wir in diesem Fall nicht über eine marginale, sondern eine durchaus einschneidende Veränderung sprechen: Ist der News-Feed normalerweise bekanntlich so angeordnet, dass ihr runterscrollen könnt, haben viele Nutzer plötzlich nur noch einen einzigen Beitrag gesehen, mittels seitlichem Wischen konnte man sich zum nächsten Beitrag durcharbeiten. Wer Instagram selbst nutzt, kennt diese Darstellung bereits von den Stories.

Was das bedeutet, könnt ihr euch denken: Statt flott durch den Feed zu scrollen, müht man sich jetzt von Beitrag zu Beitrag, was besonders bei eingeblendeter (und sich auf Instagram oft wiederholender) Werbung äußerst mühselig und nervig ist. Gleichzeitig offenbart das aber auch, was sich die Facebook-Tochter Instagram dabei gedacht haben könnte: Durch diese Methode bekommt jedes einzelne Posting — eben auch die Werbung — deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Das offenbart auch einen Teil des generellen Update-Dilemmas bei Social-Media-Anwendungen: Wir Nutzer wollen generell einfach was anderes als die Unternehmen, die die App anbieten. Für die Programmierer gilt es, hier das richtige Gleichgewicht zu finden, bei dem man zwar seine Einnahmen optimieren kann, dem Nutzer aber nicht die komplette Experience zerschießt.

Allerdings war der Spuk in diesem Fall nur von kurzer Dauer: Wie aus Instagram-Kreisen zu hören ist, ist dem Dienst einfach eine Panne unterlaufen. Man wollte eigentlich eine solch veränderte Darstellung im kleinen Nutzer-Kreis testen, stattdessen wurde der Spaß global an sehr viele User ausgerollt. Das alles komplett ohne große Ankündigung, Vorwarnung — oder auch der Option, manuell wieder auf die andere Sicht umzustellen.

Wie gesagt: Angeblich wollte Instagram das im kleineren Rahmen testen und hat schleunigst das Update wieder zurückgezogen. Falls ihr immer noch die neue Ansicht habt: Ein Neustart der Anwendung sollte ausreichen, um diesen Fauxpas auszumerzen. Falls sich Instagram von seinem Test nicht nur funktionale Erkenntnisse erwartet hat, sondern vor allem sehen wollte, wie die Community drauf anspricht, haben die Macher heute eine sehr deutliche Ansage bekommen.

Meine ganz persönliche Meinung als jemand, der nun nicht gerade als Heavy User bei Instagram gilt: Ich hätte die Änderung auch nicht sehr schön gefunden, weil ich das Scroll-Prinzip mit Feed einfach übersichtlicher finde. Es nervt mich auch bei den Stories, dass mir da die Übersicht fehlt, während ich mich so von Story zu Story wische.

Das Problem der Branche: Ändern verboten!

Ich möchte jetzt auch gar nicht darüber streiten, ob es eine sinnige oder eher eben unsinnige Veränderung ist, die heute auf Instagram getestet wurde. Was ich aber festhalten möchte und was mich zunehmend mehr stört: Es ist für eine solche Plattform mittlerweile unmöglich geworden, überhaupt irgendwas zu verändern.

Dabei ist es wohl egal, ob es sich um eine kleine kosmetische Veränderung handelt, um eine funktionelle — oder gar um einen umfangreichen Relaunch mit komplett neuem Design. Facebook hat über zwei Milliarden Nutzer, auch Instagram liegt mittlerweile bei etwa einer Milliarde. Das bedeutet: Selbst, wenn nur jeder Zehnte auf Instagram eine Änderung nicht mag, sind es 100 Millionen Menschen, die von jetzt auf gleich ziemlich angepisst sind und sich von “ihrer” Plattform verraten fühlen.

In der Sache muss man da ganz sicher jeden Fall einzeln betrachten, aber feststehen dürfte auch, dass ein Service wie Instagram heute von so vielen Menschen geliebt wird, obwohl er sich über die Jahre stark gewandelt hat. Vielleicht sogar, weil er sich über die Jahre gewandelt hat. Erfahrungsgemäß wird also viel geschimpft, ganz unabhängig davon, ob sich auch die Motzköpfe sehr schnell an das neue Design gewöhnen und es vielleicht sogar deutlich mehr zu schätzen wissen, als anfangs vermutet.

Was ich da wie so oft generell stört: Der Ton, der sofort angeschlagen wird. Gerade, wenn sich elementare Dinge in einer Anwendung ändern, braucht es vielleicht ein wenig Zeit, bis ich als Nutzer wirklich abschließend bewerten kann, ob sich was zu meinem Nachteil verändert hat, oder ob die Änderung doch ganz nützlich ist. Geschimpft wird aber immer sofort. Ich habe keinen Schimmer, ob man einfach nur ungeduldig ist, der Erste im Netz sein will, der sich über etwas echauffiert, oder was sonst dahinter steckt.

Kann man seinen Groll nicht für sich behalten bzw. Kritik sachlicher und konstruktiver formulieren, wenn man sich äußern mag? Bekomme ich nicht in die Birne und das zählt auch zu den Dingen, die ich meine, wenn ich beispielsweise in meinem Weihnachts-Text dazu auffordere, dass wir einfach aufhören sollten, uns wie Ärsche zu benehmen. Niemandem ist geholfen, wenn man wild rumschreit — mir selbst als Nutzer nicht, aber auch einem Unternehmen wie Instagram bringt es nichts, wenn man nur meckert, ohne seine Kritik sachlich und fundiert zu untermauern.

Okay, vielleicht ist es auch wieder einmal nur meine naive Sicht auf die Dinge, denn möglicherweise haben wir heute ja gesehen, dass schneller und lauter Protest doch funktioniert, so flott wie Instagram das Update zurückgezogen hat. Vielleicht war es aber wirklich so, dass den Kaliforniern lediglich ein Fehler unterlaufen ist und man deswegen so schnell reagiert hat.

Wir werden es in den nächsten Tagen und Wochen ja vermutlich herausfinden, ob die “Wischen statt scrollen”-Nummer nur ein Testlauf war, oder ob Instagram seinen klassischen Feed tatsächlich aufgeben möchte. Unabhängig davon würde ich mir aber wünschen, dass wir nicht wegen jeder kleinen Veränderung in einer Software sofort auf die Barrikaden gehen und jedem Programmierer oder zumindest jeder Plattform das kommende Ende voraussagen.

via Independent