Vorschlag: Amazon Bookstores statt Bibliotheken?

Das Wirtschaftsmagazin Forbes stellt eine starke These auf: Die USA sollen öffentliche Bibliotheken gegen Amazon Bookstores ersetzen. So sollen Steuergelder gespart werden. Die Begeisterung für den Vorschlag hält sich in Grenzen.
von Jan Gruber am 24. Juli 2018

Der Ökonom Panos Mourdoukoutas stellte eine gewagte These im Rahmen eines Forbes Artikels auf: Öffentliche Bibliotheken sind ein Relikt. Sie sind veraltet, teuer und sollten eigentlich durch Amazon Books ersetzt werden. Dabei preist er zugleich die von ihm vorgeschlagene Alternative.

“Im Kern hat Amazon etwas besseres zur Verfügung gestellt als eine lokale Bibliothek, ohne Steuern dafür zu nutzen” schreibt Panos Mourdoukoutas, seines Zeichens Professor für Wirtschaftswissenschaften an der LIU Post in New York. “Deshalb sollte Amazon die lokalen Bibliotheken ersetzen. Das würde den Steuerzahlern Geld sparen und den Wert von Amazon auf einen Schlag steigern.”

Früher sollten Bibliotheken gemütliche Orte zum Lesen sein, das ist mittlerweile aber nicht mehr zeitgemäß. Die Menschen nehmen ihre Bücher überall mit hin, zudem sind physische Bücher durch den technologischen Fortschritt nur noch “Sammlerstücke”. Laut Mourdoukoutas sei das Ausleihen damit nicht mehr notwendig.

Die öffentliche Reaktion erfolgte prompt und vehement. Neben betroffenen Berufsgruppen meldeten sich auch Steuerzahler zu Wort – die Gruppe, die Mourdoukoutas eigentlich schützen wollte. Überall gab es massiven Aufschrei gegen den Artikel bei Forbes.

Meiner Meinung nach greift die Argumentation von Mourdoukoutas an sehr vielen Stellen deutlich zu kurz. Bibliotheken stellen nicht nur Bücher zur Verfügung, in den USA werden so auch viele (andere) Arten von Medien verfügbar gemacht. Zudem argumentiert der Analyst permanent mit der Steuersumme an sich, vernachlässigt aber den sozialen Effekt, den progressive Steuersysteme haben. Insofern ist es eine klare Umverteilung und die Versorgung mit kostenlosen Medien und letztlich auch Wissen wird so vor allem für die ärmere Bevölkerung gesichert – die Bevölkerung, die sich vielleicht nicht bedenkenlos (alle) Medien kaufen kann wie sie möchte.

Bigthink bringt hier eine gute Vergleichsrechnung. Staatliche Bibliotheken sind in den USA nicht kostenlos, es werden 4,50 US-Dollar je Monat fällig. Dafür gibt es Bücher, Magazine, Musik und Filme – bei Amazon werden hier ungefähr 150 US-Dollar im Vergleich fällig. Zudem bieten Bibliotheken viele Services, die Amazon nicht hat, beispielsweise Beratungen, Internetzugang, Hilfe für Freiwillige, Zugriff auf Wissensdatenbanken oder Services für spezielle Bevölkerungsgruppen wie Senioren oder Veteranen.

Obendrein ist es mehr als bedenklich, sich ausschließlich von einem Anbieter abhängig zu machen. Das Angebot von Amazon, sowohl an Services als auch Hardware, ist ohne Frage umfangreich, aber letzten Endes hängen sowohl der Preis als auch die Verfügbarkeit immer vom guten Willen und den wirtschaftlichen Interessen des Konzerns ab. Das Verfügbar-machen von Wissen ist meiner Meinung nach eine grundlegende Aufgabe, die ein Staat aus eigener Kraft zu bewältigen hat. Zudem sollte dieses Engagement eher die Verbreitung von Wissen in den Fokus nehmen, nicht die Erzielung von Gewinn.

Ich erwähnte bereits den Aufschrei gegen den Artikel – offenbar hielt Forbes diesem nicht stand. Leider ist der Artikel, der über den Webauftritt veröffentlicht wurde, mittlerweile nicht mehr verfügbar. Eines hat der Artikel dennoch erreicht: Eine große öffentliche Debatte. Was für Gründe es für das Zurückziehen des Artikels gab, ist nicht bekannt.

Via Fast Company