WWDC 18
Apple stellt iOS 12 vor: Mehr Features, weniger Ablenkung durchs Smartphone

Wie erwartet hat uns Apple bei der WWDC einen Einblick in iOS 12 erlaubt. Die Software wurde weiter aufgebohrt, aber Apple möchte auch, dass wir uns nicht mehr so oft durchs Smartphone ablenken lassen und es bewusster nutzen. 

Entwickler und Journalisten haben sich auf den Weg nach San José gemacht. Der Grund: Die WWDC, Apples Entwicklerkonferenz, ist heute gestartet. Erfahrungsgemäß erfahren wir dort immer zuerst, welche neuen Gimmicks und Features sich das Unternehmen für seine Software-Plattformen ausgedacht hat, wir lauschen der eifrigen Selbstbeweihräucherung Apples und den Seitenhieben auf die Konkurrenz.

Wenn uns Apple erzählt, dass das aktuellste iOS auf 81 Prozent der kompatiblen Geräte installiert ist und das aktuellste Android lediglich auf sechs Prozent, dann muss man dem Unternehmen beides zugestehen: Dass man einen Seitenhieb verteilt und sich selbst auf die Schultern klopft.

Mit so einer Einleitung bei der Keynote holt man natürlich die eh bei diesen Events immer übermäßig begeisterten Entwickler im Publikum sofort ab und das ist vielleicht auch wichtig, wenn man weiß, dass man in der Folge jetzt nicht all zu Revolutionäres vorstellen wird. Das klingt vielleicht jetzt ein bisschen negativer als es gedacht ist, denn unterm Strich wussten wir, dass wir keine Fantastilliarde an neuen Funktionen zu erwarten hatten.

Großes Thema bei iOS 12: Digital Wellness

Im Vorfeld hieß es bereits, dass Apple sich darauf konzentrieren wollte, iOS 12 so stabil und performant wie möglich zu machen, außerdem war “Digital Wellness” ein Begriff, der schon vor der Keynote mit iOS 12 in Verbindung gebracht wurde. Damit setzt man den Trend vor, den kürzlich auch schon Google bei seiner eigenen Entwicklerkonferenz aufgegriffen hat.

Es geht darum, dass wir unsere Smartphones bewusster nutzen sollen. Viel zu oft zücken wir das Handset, selbst dann, wenn nur eine denkbar unwichtige Benachrichtigung aufpoppt. Auch Apple gibt dem Nutzer nun einige neue Möglichkeiten an die Hand, sich diesbezüglich ein wenig besser selbst zu disziplinieren.

Screen Time

Mit “Screen Time” erhaltet ihr detaillierte Aktivitätsberichte, die die gesamte Zeit anzeigen, die ihr in jeder Anwendung verbracht habt. Ihr habt im Blick, wie intensiv ihr das Smartphone über verschiedene App-Kategorien hinweg genutzt habt, wie viele Benachrichtigungen ihr erhalten habt und auch, wie oft ihr das Device am Tag in die Hand genommen habt.

Dazu gibt es einen deutlich granular einstellbareren “Do not disturb”-Modus, der sicherstellen soll, dass ihr eben nachts nicht durch unwichtige Benachrichtigungen aus dem Schlaf gerissen werdet. Natürlich bestimmt ihr, welche Apps dennoch nach einer bestimmten Uhrzeit durchkommen dürfen und ihr habt auch die Wahl, ob die Benachrichtigung einer App komplett ausgestellt werden soll, oder ob sie euch lautlos erreichen darf.

Neu ist auch, dass ihr euch Zeit-Limits setzen könnt. So könnt ihr beispielsweise einstellen, dass ihr eine App wie Instagram nur eine Stunde pro Tag nutzen wollt. Kurz vor Ablauf bekommt ihr dann eine Erinnerung, dass die Zeit gleich abgelaufen ist und auch nach Erreichen dieser einen Stunde bekommt ihr den Hinweis, dass ihr euer selbst gesetztes Limit erreicht habt. Ihr könnt auch App-Kategorien auf diese Weise limitieren — perfekt, um auf dem Smartphone der Kids vorzugeben, wie lange die Kleinen pro Tag zocken dürfen.

Im Weitesten Sinne kann man es vielleicht auch noch dem Komplex “Digital Wellness” zuordnen, dass Benachrichtigungen jetzt auch gruppiert werden können. Wie bei Android könnt ihr durch einen Fingertipp dann die zusammengefassten Benachrichtungen ausklappen und auf Wunsch auch mit einem Wisch komplett entsorgen. Es war übrigens nicht der einzige Moment bei dieser Keynote, bei dem man erkennen musste, dass Apple einige Funktionen nachrüstet, die die Android-Fraktion bereits längst kennt.

Alles in allem hat uns Apple aber sehr anschaulich klar gemacht im Rahmen der Keynote, dass man uns durch mehr Kontrolle über das eigene Nutzungsverhalten wirklich sanft in diese Richtung stoßen möchte, das Smartphone angemessener und bewusster einzusetzen.

Augmented Reality

Dass Augmented Reality eine Rolle spielen würde bei iOS 12, war auch vorab vermutet worden. ARKit 2.0 wurde vorgestellt und demonstriert, zudem wurde mit USDZ ein offenes Format präsentiert, mit dessen Hilfe sich Inhalte denkbar leicht in AR-Umgebungen unterbringen lassen sollen. Adobe ist eines der ersten Unternehmen, das USDZ unterstützt.

Dank ARKit 2.0 können nun auch mehrere iOS-Nutzer gleichzeitig in der selben AR-Umgebung gegeneinander spielen. Das, was eine Person in dieser erweiterten Realität anstellt, bekommt auch der andere Spieler in Echtzeit zu sehen. Außerdem kann man auch im Zuschauer-Modus diesen Spielen als Dritter beiwohnen.

Lego war bei der Keynote zu Gast und präsentierte dann auch direkt mal, wie man erst mal die Lego-Experience an sich auf ein neues Level hievt durch die Interaktion von Offline-Klötzen und Augmented Reality, demonstrierte aber auch den “Shared Experiences”-Mode.

Mit “Measure” hat Apple auch noch eine feine neue App vorgestellt, die genau das macht, was der Name verspricht: Sie misst! Gebt einfach auf dem Display eine Strecke an, indem ihr die Enden auf dem Display markiert und ihr bekommt unmittelbar die Länge angezeigt. Im Beispiel auf dem Bild wurde die Länge eines Koffers abgemessen. Ihr könnt aber direkt auch die kompletten Maße erfassen, also inklusive Breite und Tiefe.

Siri

Aktualisierte News- und Börsen-Apps, bessere und persönlichere Sharing-Möglichkeiten für Fotos , aus iBooks wird Books und ein Gruppen-Video-Chat für bis zu 32 Personen. Die meisten dieser angekündigten Neuigkeiten pendeln für mich irgendwo zwischen “naja” und “nice to have”, aus den Socken hat mich da jetzt nichts gehauen.

Was ich aber zugegebenermaßen sehr stark fand, waren die neuen Siri Shortcuts. Hier könnt ihr bestimmte Aktionen bündeln, die dann mit einem einzigen Sprachkommando initiiert werden. Bei der Keynote gezeigtes Beispiel: Die Apple-Mitarbeiterin will Feierabend machen. Dazu soll eine Notiz an ihren Partner rausgehen, zuhause soll das Thermostat auf eine bestimmte Temperatur gestellt und der Ventilator eingeschaltet werden, außerdem möchte sie einen bestimmten Sender hören. Siri bekommt lediglich das Kommando “Heading Home” und weiß Bescheid, was zu tun ist — logischerweise, nachdem vorher jede Aktion so festgelegt wurde. Sehr praktisches Feature jedenfalls — bleibt zu hoffen, dass Siri gegenüber den Sprachassistenten der Konkurrenz auch von der Intelligenz ein wenig aufgeholt hat, denn da hinkt Siri hinter Alexa usw doch ziemlich hinterher.

… und natürlich Animojis

So ein iOS-Event kann natürlich nicht über die Bühne gehen, ohne dass Apple noch was Neues in Sachen Animojis präsentiert. Vier neue Vertreter dieser Spezies gibt es: Einen T-Rex, einen Geist, einen Koala und einen Tiger. Ebenfalls neu ist, dass jetzt auch eure Zunge erkannt wird und ihr eurem Gegenüber bei iMessage halt eure schöne Tiger-, T-Rex- oder sonst-was-Zunge präsentieren könnt.

Komplett neu hingegen sind die “Memojis”. Die erinnern an die AR Emojis von Samsung, wobei man damit Apple eigentlich Unrecht tut. Während die Samsung-Emojis nämlich im Einsatz häufiger wie Schlaganfallkandidaten aussehen, funktionieren die Memojis bei der Wiedergabe eurer Mimik genau so schön wie die Animojis.

Auch hier könnt ihr euch euren eigenen Charakter zurechtschnitzen, der mehr oder weniger euch entspricht, wählt dabei Hautfarbe, Frisur etc aus und könnt diesen Avatar dann auch bei iMessage verwenden. Darüber hinaus gibt es für Messages und Face Time neue Filter, Sticker und ähnliche Spielereien sorgen dafür, dass auch die Chat-Freunde einiges Neues in iOS 12 ausfindig machen können.

Unterm Strich war es ein etwas sparsames Update der Software, aber für mein Empfinden kein enttäuschendes. Mit Blick darauf, dass man iOS stabiler und performanter machen wollte, bevor man eifrig neue Funktionen implementiert, haben wir es sogar mit einer sehr ordentlichen neuen Ausführung des mobilen Betriebssystems zu tun.

Generell glaube ich, dass die Zeiten der im 5-Minuten-Takt herunterklappenden Kinnladen bei solchen Keynotes eh vorbei sind. Insofern hat Apple mit iOS 12 auf den ersten Blick nicht enttäuscht. Die Developer Preview von iOS 12 gibt es für Entwickler ab heute, die öffentliche Beta wird später im Monat kommen. Sehr lobenswert: Alle Geräte, die mit iOS 11 laufen (ab iPhone 5s von 2013), sind auch kompatibel mit iOS 12!