Recherche-Netzwerk „Correctiv“ soll Fake News bei Facebook kennzeichnen

Das Essener Recherchenetzwerk "Correctiv" soll in Zukunft für die Kennzeichnung von "Fake News" bei Facebook (mit)verantwortlich sein. Das von Mark Zuckerberg & Co. erdachte System bezieht die Benutzer ein und klingt schlüssig, könnte aber auch ein Missbrauchspotential bergen.

Das gemeinnützige Essener Recherchezentrum Correctiv wird Facebook bei der Identifizierung von sogenannten “Fake News” unterstützen. Die 2014 gegründete Einrichtung ist ein Zusammenschluss aus professionellen Journalisten, die zukünftig Falschmeldungen, Diffamierungen oder bewusst verbreitete Lügen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen sollen. Facebook reagiert mit der ungewöhnlichen Kooperation auf Bedenken der Politik und vieler Medien, die im anstehenden Wahlkampf eine gezielte Beeinflussung der Berichterstattung befürchten.

Die Plattform hatte am Wochenende bekannt gegeben, dass man an einer technischen Lösung arbeite, bei der die Benutzer eine zentrale Rolle spielen. Erscheint eine bestimmte Nachricht unglaubwürdig, können Benutzer diese zur Überprüfung einreichen. Dazu soll das Dropdown in der oberen rechten Ecke um einen entsprechenden Punkt erweitert werden.

Ein besonders häufig als “Fake News” gemeldeter und zugleich überproportional oft geteilter Beitrag soll dann möglichst zeitnah von einer unabhängigen Instanz geprüft werden. Kommen die Profis zu dem Schluss, dass es sich tatsächlich um eine “Räuberpistole” handelt, wird der Beitrag mit einem deutlichen, öffentlich sichtbaren Warnhinweis versehen.

Deutschland ist damit das zweite Land, in dem Facebook eine solche Faktenüberprüfung durch externe Institutionen integriert. Wie in den Vereinigten Staaten arbeitet man ausschließlich mit Unternehmen und Institutionen zusammen, die sich dem Verhaltenskodex des International Fact-Checking Network (IFCN) verpflichtet haben. Neben Correctiv könnten mittelfristig noch weitere Organisationen und Medien als Partner hinzukommen.

Der eingeblendete Warnhinweis soll sowohl einen Link auf den als unglaubwürdig eingestuften Artikel als auch eine Begründung für die Klassifizierung enthalten. Facebook betont, dass es keine kommentarlose Löschung der Beiträge gebe und dass man diese weiterhin auf der Plattform weiter verbreiten könne. Allerdings können mit einem Warnhinweis versehene Posts nicht mehr über Werbeanzeigen hervorgehoben und dementsprechend gepusht werden.

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Missbrauchspotential und Skepsis

Der Ansatz klingt schlüssig, bietet aber auch Raum für Missbrauch und Spekulationen. Ein gut organisierter und größerer Kreis von Nutzern könnte beispielsweise gezielt dazu übergehen, die unliebigen Beiträge bestimmter Medien ungerechtfertigt als “Fake News” zu melden, um den zugrundeliegenden Algorithmus zu triggern. Eine kleine Organisation wie Correctiv käme dann sicherlich recht zügig an ihre Kapazitätsgrenzen und wäre bereits mit der ersten Sichtung völlig überfordert.

In einem falschen Umkehrschluss könnten weniger medienaffine Benutzer auch auf die Idee kommen, dass (noch) nicht als “Fake News” gekennzeichnete Beiträge zwangsläufig “wahr” sind. Unabsehbar sind zudem die Konsequenzen für ein normalerweise gewissenhaft arbeitendes Medium, sobald der erste Beitrag gerechtfertigt als “Fake News” gekennzeichnet wird. Getreu dem Motto “Das Internet vergisst nichts” wären die Redaktion oder der jeweilige Autor danach u.U. einem Generalverdacht oder andauernden hämischen Hinweisen auf diese einmalige Verfehlung ausgesetzt.

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Auf der anderen Seite gibt es eine Grauzone, in der die “Stigmatisierung” eines Beitrags mit dem ohnehin bereits überstrapazierten Begriff “Fake News” nicht gerechtfertigt wäre. Viele Meldungen enthalten neben völligem Unsinn vielleicht das berühmte Quäntchen Wahrheit, womit sie wiederum in einer durch Medienvielfalt geprägten Demokratie durchaus eine Existenz- bzw. “Präsenz”-Berechtigung haben. Andere Beiträge sind vielleicht schlicht eine nach Artikel 5 GG geschützte Meinungsäußerung, die zwar objektiv betrachtet “falsch”, aber damit noch längst nicht weniger “relevant” ist.

Bei Correctiv scheint man sich der daraus resultierenden Verantwortung durchaus bewusst zu sein und backt dementsprechend erst einmal kleine Brötchen. Es handele sich in der ersten Phase um einen “Betatest”, der dann weitere Erkenntnisse liefern werde. Dennoch müssen sich die Essener in den Kommentaren zu ihrer Stellungnahme bereits z.T. wirre Vorwürfe gefallen lassen, sie seien Teil einer politisch motivierten Zensurmaschinerie, die langsam an Fahrt aufnehme.

(von David Schraven)FakeNews – gerade bei Facebook – sind schon jetzt eine der großen Bedrohungen unserer…

Posted by Correctiv on Sonntag, 15. Januar 2017

 

Randnotiz: das beste Mittel gegen Fake News wäre u.M.n. übrigens Medienkompetenz – aber dazu müsste man wesentlich früher ansetzen.