Der olympische Maulkorb #Rio2016

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) legt viel Wert auf den Schutz der eigenen Marke, so viel Wert, dass man sich sehr gut überlegen sollte, ob und was man zu dem Thema in sozialen Netzwerken postet oder auch nur teilt.

Es klingt eigentlich wie ein dummer Witz, aber das IOC und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sind tatsächlich der festen Überzeugung, dass sie aufgrund der Markenrechte an den olympischen Spielen und sehr vieler Begriffe in diesem Zusammenhang verbieten könnten, dass zum Beispiel der Hashtag #Rio2016 von anderen Unternehmen als den Sponsoren der Spiele verwendet werden. Oder auch nur ein Tweet zu einem Gewinner des DOSB von einem Unternehmen retweetet wird.

Bei Netzpolitik.org hat Markus Reuter ein paar Beispiele zusammen gestellt von Tweets, die nach den Regeln des IOC verboten wären und wohl eine Abmahnung zur Folge hätten. Zum Beispiel wenn nun der Bürgermeister einer kleinen Gemeinde einer dort geborenen Sportlerin zum Gewinn einer Goldmedaille gratulieren möchte. In diesem Fall sollte er es tunlichst vermeiden, dies mit folgendem Tweet zu tun:

Wir sind so stolz auf Sportlerin XY, die gerade in #Rio2016 die Goldmedaille geholt hat. Eine wahre Tochter unserer Gemeinde.

Um vor einer Abmahnung sicher zu sein, sollte er wohl folgenden Tweet absetzen:

Wir sind so stolz auf Sportlerin XY, die gerade in #ihrwisstschonwo die #ihrwisstschonwas geholt hat. Eine wahre Tochter unserer Gemeinde.

Klingt doof, ist aber so. Denn das IOC sieht eine solche Gratulation nicht als einfach Gratulation, sondern als Werbung für den Gratulanten. So sieht es nämlich aus.

Na dann retweetet man vielleicht nur eine Bekanntgabe des Gewinns? Womöglich noch vom offiziellen Account des DOSB? Dann sollte man doch auf der richtigen Seite sein, oder? Nicht, wenn es nach dem IOC geht, denn die möchten bitte nicht, dass da jeder anfängt deren Inhalte zu teilen:

Nicht-olympische Sponsoren dürfen keinesfalls Social-Media-Inhalte mit olympischen Bezug von IOC/ OCOG RIO2016/DOSB/Deutsche Olympiamannschaft „retweeten“ oder „teilen“. IOC, „Spielregeln zum Umgang mit Medien, Werbung und Social Media“

Jetzt werden wahrscheinlich so einige Social Media Menschen aufstöhnen, ist es doch so, dass man eigentlich ein Interesse daran hat, dass die eigenen Inhalte per Social Media verteilt werden – deswegen postet man sie doch. Man fühlt sich an Fälle von „Sie dürfen unsere Website nur nach ausdrücklicher Genehmigung verlinken“ erinnert. Aber es geht ja nicht nur um #Rio2016 – nein, die Liste der Begriffe, die man tunlichst vermeiden sollte, ist natürlich länger:

  • Olympische Spiele/Spiele/Sommer
  • Rio 2016/2016/Rio/Rio de Janeiro
  • Gold/Silber/Bronze/Medaille/Podest
  • Deutsche Olympiamannschaft
  • olympisch/Olympiade
  • „citius, altius, fortius“
  • „faster, higher, stronger

Markus Reuter fühlt sich an das Spiel „Tabu“ erinnert und liegt damit gar nicht so falsch. Wer also mit einem nicht ausschließlich privat genutztem Account (und wir müssen uns nicht noch einmal darüber unterhalten, dass die Grenzen hier fliessend sein können) über diesen sportlichen Wettbewerb mit den Ringen, in diesem Bundesstaat in Brasilien, dessen Hauptstadt so heißt, wie der Bundesstaat,  der in den eher wärmeren Monaten des Jahres stattfindet, twittern will, der muss verdammt aufpassen.

Übrigens dürfte ein netter Nebeneffekt sein, dass man damit auch prima Kritiker mundtot machen kann. Denn es scheint ja einiges nicht so gut zu laufen rund um diesen Wettbewerb, da bietet es sich doch an, dass man sicherlich etwas finden wird, um jeden abzumahnen, der Kritik mit „#Rio2016“ tagt. Mir persönlich geht das ja am Allerwertesten vorbei, mein Interesse an solchen Veranstaltungen ist praktisch nicht vorhanden und selbst theoretisch nicht sonderlich hoch, aber die Art und Weise, wie sich die Veranstalter hier im Sinne der Gewinnmaximierung das Recht heraus nehmen wollen, zu kontrollieren, wer über dieses Ereignis in den sozialen Netzwerken sprechen darf und wer nicht, ist schon sehr dreist.

Ging es nicht mal bei dieser Veranstaltung um so Dinge wie Völkerverständigung, friedlicher Wettstreit, dabei sein ist alles und so? Inzwischen geht es nur noch um Geld. Und Doping. Und um noch mehr Geld. Und ich bin mir gerade nicht sicher, was man diesen Herren (und es sind ja hauptsächlich Herren soweit ich informiert bin, ich lasse mich hier aber gerne korrigieren) in den Führungsetagen der Verbände wünschen mag, die sich so einen Mist ausdenken.

Eine Möglichkeit wäre, dass eben niemand über diese Veranstaltung in den sozialen Netzwerken spricht oder wenn überhaupt, dann unter einem anderen Hashtag, zum Beispiel „#Ca$h2016“ oder etwas anderes, das sofort verdeutlicht, um was es dort eigentlich nur geht. Oder aber möglicherweise kommt jemand auf die Idee, am 20. August diesen Jahres den 20. Todestag von Rio Reiser mit einem schönen Fest zu feiern, dem „#Rio2016“? Aber ob das nun so passiert oder nicht, wir werden uns auch in den sozialen Netzwerken diesem Ereignis nicht entziehen können, wenn schon sonst keiner, werden uns doch die offiziellen Sponsoren und akkreditierten Medien das Thema ohne Unterlass um die Ohren schlagen, bis wir sprichwörtlich bunte Ringe erbrechen.

Ich gebe offen zu, dass meine Verachtung für die Veranstalter dieses Events eine beeindruckende Größe angenommen hat.

Artikelbild von bykst via pixabay, Lizenz: CC0 Public Domain