DRUCK / SKAM: Muss eine moderne TV-Serie genau so aussehen?

"DRUCK" heißt eine neue ZDF-Serie über junge Menschen in Berlin, die ihr u.a. auf YouTube verfolgen könnt. Zudem werden die Geschichten über Snapchat und Instagram weiter erzählt - auf den Social-Media-Kanälen der Darsteller.

Im Mittelpunkt von “DRUCK” steht die 16-jährige Hanna. Bis vor Kurzem gehörte sie noch zu den beliebtesten Mädchen der Schule und stand im Mittelpunkt ihrer Clique. Doch seitdem sie ihrer besten Freundin Leonie den Freund ausgespannt hat, steht sie recht alleine da: Nur ihr Freund Jonas und dessen bester Freund Matteo halten noch zu ihr. Nach und nach lernt Hanna allerdings Mia, Kiki, Amira Thalia und Sam aus ihrem Jahrgang kennen. Obwohl die Mädchen grundverschieden sind und unterschiedliche Wertvorstellungen haben, freunden sie sich langsam an. Doch dann steht Hannas Beziehung zu Jonas plötzlich auf der Kippe: Sie erfährt, dass er immer noch heimlich Kontakt zu Leonie hat.

Wenn ich die Beschreibung einer neuen TV-Serie wie die da oben lese, werde ich zum Start sicher eine ganze Menge Dinge tun, aber eins ganz sicher nicht: Einschalten! Dafür hört sich die Story für meinen Geschmack einfach zu sehr nach irgendeinem unspannenden Daily-Soap-Quatsch an in bester “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”-Manier.

Wenn ich aber auf dem Blog davon berichte, muss das ja irgendeinen Grund haben, der über eine zumindest dem Anschein nach lahme Story hinausgeht. Sehr schön beobachtet, ihr Sherlocks und Watsons ;) Der Grund, dass ich mich damit befasse, ist folgender: DRUCK — so heißt die Serie — basiert auf dem norwegischen Original SKAM und zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur in herkömmlichen Folgen erzählt wird.

Stattdessen bekommt ihr auf der DRUCK-Seite und auch auf YouTube unterschiedlichste Häppchen präsentiert. Die werden in Video-Form genau dann veröffentlicht, wenn sie auch tatsächlich passieren könnten. Soll heißen, dass ihr das Pausenhof-Geschehen zum Beispiel an einem Montagvormittag online findet, den Dialog in einem Club aber erst mitten in der Nacht.

Diese Häppchen werden dann einmal in der Woche — jeweils für freitags — in einer Web-Episode zusammengetragen und um weitere Szenen erweitert. Zum Gesamtkonzept gehören auch nicht nur die Clips, die über die Woche zu sehen waren, denn ihr findet auf der DRUCK-Seite auch fiktive Chats, außerdem wird die Serie auch auf Snapchat und Instagram ausgedehnt. Jeder der Protagonisten hat dort seine eigene Präsenz und behandelt sie eben auch nicht wie einen privaten Kanal, sondern aus Sicht der jeweiligen Rolle. Hier habt ihr alle Instagram-Profile in der Übersicht:

https://www.instagram.com/ha.nnanananana

https://www.instagram.com/amira.da.queen

https://www.instagram.com/sampagner

https://www.instagram.com/kikirekiii

https://www.instagram.com/mia_hollycaulfield

https://www.instagram.com/matteohno

https://www.instagram.com/sam_el.fischer

#mitarbeiterdesmonats

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Ihr müsst also auf verschiedenen Kanälen die Augen offen halten, um tatsächlich jede Facette der Story mitzubekommen und nichts zu verpassen. Und wie es sich gehört, gibt es passend zum modernen Konzept auch eine offizielle Playlist auf Spotify.

 

Euer Ernst, ZDF?

Ja, diese Frage, ob das ZDF (es handelt sich um eine im Auftrag des ZDF für funk produzierte Serie) das tatsächlich ernst meint, habe ich mir nach den ersten Häppchen, die ich über die Serie gelesen habe, tatsächlich gestellt. Während das norwegische Original, welches hier adaptiert wurde, sehr authentisch daher kommt, wirkt schon der erste Monolog zu Beginn der ersten Folge ziemlich gestelzt.

Aber es gibt zumindest dafür flott Entwarnung: Der Protagonist zitiert lediglich aus einer Hausaufgabe, erfährt man später. Aber ich hatte direkt zu Beginn noch ein anderes Problem: Die Pressemitteilung erklärt mir, dass die Serie bereits am dem 23. März gestartet ist, erste Clips auf funk gab es bereits ab dem 19. März. Medialer Rummel im Vorfeld? Nada, nichts!

Vermutlich wüsste ich auch jetzt noch nichts davon, wenn ich nicht durch die geschätzte Kathrin Weßling auf “DRUCK” aufmerksam gemacht worden wäre. Mittlerweile weiß ich, dass sie und ihr Mitstreiter Thore Würger als Social Media Producer für die Serie fungieren.

"Bei „Skam“, dem größten Coming-of-Age-Drama der Gegenwart, existieren die Charaktere nicht nur in 2-D hinter dem…

Gepostet von Kathrin Weßling am Dienstag, 3. April 2018

Was mir nicht in den Kopf gehen wollte: In Norwegen hat das Teil komplett abgeräumt. Nie war eine Web-Serie erfolgreicher. Es heißt, dass 15 Prozent der Norweger die Serie gesehen haben und in der jugendlichen Zielgruppe sollen es sogar unglaubliche 90 Prozent sein. Es ist ein Mega-Erfolg, der mittlerweile in viele Länder verkauft wurde, wo überall gerade die jeweiligen Ableger wie Pilze aus dem Boden schießen. Und dann schafft es das ZDF, dass so ein Projekt komplett unter fast jedermanns Radar startet ohne jegliche Werbung oder Promotion?

Wie falsch man mit seiner Einschätzung liegen kann, erfuhr ich beim Recherchieren dann bei der Zeit. Dort stellte man sich nämlich die gleichen Fragen — und erhielt aber dann auch eine einleuchtende Antwort. Dort heißt es nämlich:

Statt Skam – auf Deutsch Scham – geben sie dem Ding den maximal sperrigen Titel Druck und bewerben es so wenig wie möglich.

Doch genau so soll es sein, sagt die deutsche Producerin Eva Kaesgen in einer kurzen Telefonpause zwischen zwei Schnittschichten, so habe man es in Norwegen damals auch gemacht. Druck sei als eine Art “Überraschungsformat” gedacht. Und tatsächlich ist es work in progress im besten Sinne, was die Kölner Produktionsfirma Bantry Bay (Club der roten Bänder, Weinberg) gerade veranstaltet. Die ersten Clips erschienen bereits am 19. März auf funk, der Website Druck und YouTube, bis Ende April wird aber noch parallel gedreht und geschnitten.

Okay, Konzept kapiert — mea culpa! Man geht also ganz bewusst diesen Weg und obwohl man weiß, dass man den Erfolg in Norwegen nicht zwangsläufig 1:1 in Deutschland reproduzieren kann, versucht man es mit dem exakt gleichen Konzept, mit dem es in Skandinavien eben auch funktioniert hat. Durch die ganz besondere serielle Erzählweise, die mal aus einem 90-sekündigen Gespräch, mal aus einem Instagram- oder Snapchat-Posting, einer Sprachnachricht oder auch nur aus einem Wort oder einem Emoji bestehen kann und aus dieser Nähe, die die Profile der jungen Schauspieler vermitteln, soll das Format also langsam und allmählich seine Zuschauer finden.

Dabei scheint das ZDF bzw funk genau die Menschen im Blick zu haben, von denen wir ja alle eigentlich ziemlich sicher sind, dass die Öffentlich-Rechtlichen sie schon längst verloren haben: Die Jugendlichen.

Ich hab keinen Schimmer, wie gut “DRUCK” in Deutschland funktionieren wird. Meiner Meinung nach ist das Konzept aber ziemlich spannend. Die Themen der Serie scheinen genau die zu sein, die auch wirkliche Teenager interessieren und bewegen. Genau das könnte dazu beitragen, dass sich die Kids und jungen Erwachsenen, die mit dieser Coming-of-Age-Serie angesprochen werden sollen, besonders gut mit den Protagonisten identifizieren können.

Für mich persönlich ist es von der Story wohl einfach nichts, weil mich solche “wie komm ich damit klar, dass ich jetzt mit dem Typen meiner besten Freundin zusammen bin”-Geschichten einfach nicht sonderlich fesseln. Aber für die Zielgruppe könnte die adaptierte SKAM-Version, die durch die Anpassung eben perfekt auf den deutschen Schulhof passt, bestens funktionieren. Und für mein Empfinden ist nicht nur das Konzept klasse, sondern auch deutlich anspruchsvoller als dieser “Wir filmen irgendwelche Asis”-Real-Soap-Quatsch im “Köln 50667”-Stil.

Lasst mich wissen, was ihr von dem Konzept haltet und — falls ihr die Serie schaut — bislang davon haltet. Und ja, erzählt uns gern in den Kommentaren, ob ihr euch vorstellen könnt, dass diese Erzählform tatsächlich eine moderne Spielart der klassischen TV-Serie darstellt, die vielleicht mit anderen Themenschwerpunkten auch für “ältere” Zuschauer geeignet ist.

Quelle: ZDF