Facebook: Mehr Brüste, mehr Gewalt – aber nur bei „öffentlichem Interesse“

Die Gemeinschaftsstandards von Facebook sorgen seit geraumer Zeit für Ärger. Die stetig wachsende Plattform wagt mit ihren mehr oder weniger verbindlichen Richtlinien den ständigen Spagat zwischen Meinungsfreiheit und amerikanischer Prüderie – und scheitert dabei gelegentlich kläglich. Während auf der einen Seite übelste Aufrufe zur Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende trotz wiederholter Meldung unbehelligt fortbestehen, werden nach allgemeinen Maßstäben “harmlose” Beiträge rigoros gelöscht.

Auf der einen Seite steht Facebook vor dem Herausforderung, einen internationalen Kodex für zumutbare Beiträge umzusetzen. Während z.B. in den USA rechtsradikale Symbole und Meinungsbeiträge in den meisten Fällen von der Verfassung geschützt sind, ist die Darstellung bzw. Verbreitung hierzulande verboten bzw. strafbar. Während in den meisten Ländern Europas ein vergleichsweise lockerer Umgang mit sexuellen Darstellungen gepflegt wird, gelten die USA in diesem Bereich als ziemlich prüde.

Dies führte in der Vergangenheit zu ganz seltsamen Löschaktionen. Ert vor wenigen Tagen beschwerte sich die schwedische Krebsgesellschaft “Cancerfonden” über die Löschung eines Videos, das Informationen zur Brustkrebs-Vorsorge und Prävention bereit hielt. Facebook hielt das Video für “anzüglich” und löschte es. Aus Protest wies die Gesellschaft öffentlich auf die Löschung hin und verwendete dazu die symbolhafte Darstellung von eckigen und somit “akzeptablen” Brüsten.

Vorher rund und ...
Vorher rund und …
... nachher eckig.
… nachher eckig.

In einem am Freitag veröffentlichten Blogeintrag kündigte Facebook nun an, dass man “neue Werkzeuge” geschaffen habe, mit denen man sensibler auf solche Beiträge reagieren wollen. Welche “Werkzeuge” das sind, verriet die Plattform nicht. Allgemein wird vermutet, dass Facebook stetig versucht, einen erheblichen Teil des Prüfungs-Prozedere zu automatisieren. In diesem Fall prüfen z.B. Bilderkennungsalgorithmen, ob ein Bild oder ein Video einen überproportional hohen Anteil an Haut oder eben die typischen Formen von Geschlechtsmerkmalen zeigen.

Bekannt ist allerdings auch, dass die Betreiber Sozialer Netzwerke spezielle Dienstleister beauftragen, die tagein tagaus die (u.U. im Voraus gefilterten) Inhalte sichten und deren Zulässigkeit bzw. Übereinstimmung mit den Gemeinschaftsstandards einschätzen. Auf den Philippinen sollen mittlerweile mehr als eine Million Menschen im Schichtbetrieb das Netz von allen erdenklichen Greueltaten und Schund säubern.

Auf den Philippinen arbeitet die Müllabfuhr des Internets
Auf den Philippinen arbeitet die Müllabfuhr des Internets

Ein neuer Maßstab für die zukünftige Bewertung von Inhalten soll nun die Frage sein, ob der Beitrag von “öffentlichem Interesse” sei. Dazu wolle man gemeinsam mit Experten, Verlegern, Journalisten und der Exekutive zusammenarbeiten und Parameter finden, die den “Nachrichten-Wert” eines Beitrags besser einschätzen. Besonders drastische Abbildungen sollen auch weiterhin von Jugendlichen und Nutzern ferngehalten werden, die diese Inhalte nicht sehen sollen oder wollen.

Facebook begibt sich auch hier weiterhin auf eine Gratwanderung. Kritiker werfen der Plattform vor, dass die Filter und Algorithmen zunehmenden Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Meinungsbildung haben, dabei aber k(aum)einer staatlichen oder institutionellen Kontrolle unterworfen sind. Andere Kritiker merken an, dass gerade die fehlende staatliche und institutionelle Kontrolle ein Garant für die Meinungsfreiheit sei und u.a. Phänomene wie den Arabischen Frühling oder die Proteste in der Türkei ermöglicht habe.

Das Problem: Auf der eine Seite könnte Facebook in bestimmten Ländern seine Filter in vorauseilendem Gehorsam so “scharf” stellen, dass nur noch politisch gewollte Beiträge im Feed der jeweiligen Benutzer auftauchen. Auf der anderen Seite könnte sich Facebook immer weiter zu einer Plattform entwickeln, die unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit zur Verbreitung strafbarer Inhalte missbraucht wird. Schlussendlich könnten öffentliche Institutionen den Druck auf Facebook für ihre eigenen Zwecke missbrauchen und die Plattform zwingen, einen vermeintlich gesellschaftlich anerkannten Meinungs-Kodex durchzusetzen, der aber von den Benutzern gar nicht gewollt ist.

Aber hey … eigentlich geht es hier ja erstmal nur um Brüste. Und Gewalt.