Hyperventilierender Alte-Säcke-Snapchat-Hype

Snapchat ist nur was für Teenager - das war bislang die vorherrschende Meinung und wohl gerade deswegen wurden schrecklich falsch interpretierte Zahlen durch die sozialen Medien gescheucht, nach denen überraschend viele alte Säcke Snapchat nutzen würden.

Snapchat für Erwachsene“ war der Titel einer Session auf der diesjährigen re:publica. Dort erklärte per Video der wohl typische Snapchat-Nutzer Joshua Arntzen den Anwesenden so ziemlich alles: von der Installation der App bis zu den Fotoeffekten und natürlich auch, was ihn und seine Freunde so an der App reizt. Bei mir blieb da vor allem mal hängen, dass Snapchat eben genau deswegen so cool sei, weil die Snaps wieder verschwinden und eben nicht ewig irgendwo im Netz liegen, im Gegensatz zu Facebook sich die Eltern dort nicht rumtreiben und die bereits vorhandenen Story-Angebote von Medienhäusern werden als simple Werbung wahr genommen. Ob Joshua hier nun repräsentativ ist? Vielleicht, vielleicht auch nicht, auch wenn sich seine Aussagen sehr weit mit allem decken, was man von anderen seiner Altersgruppe so hört.

Was die typischen Social Media Experten, Social Media „Experten“, alle „Was mit Medien“-Macher und vor allem Werber an Snapchat reizt und was sie dort wollen ist ziemlich klar: dort tummelt sich die attraktivste  Zielgruppe für ihre Werbung. Die meisten Nutzer sind zwischen 13 und 34 Jahre alt, an die will man ran und nicht nur bei der re:publica war gefühlt ständig nur von Snapchat zu hören, wie man es denn nutzen könne. Das ist tatsächlich eines der Lieblingsthemen bei Medien- und Werbeleuten, mit denen ich ja nicht nur bei Konferenzen zu tun habe, sondern auch beruflich. Und da stimme ich Patrick Reuth zu, der die Snapchat-User in der Zeit warnt:

Trotzdem möchte ich euch warnen: Sie sind hinter euch her! Sie kommen, um euch zu holen! Mit „sie“ meine ich alle, die Snapchat beruflich nutzen, und nicht, weil sie es wollen. Die Spaßbremsen. Die Uncoolen. Die euch schon Facebook versaut haben, zusammen mit euren Eltern. Patrick Beuth

Bei so einem großen Interesse an der Plattform und ihren Nutzern auf der einen, aber dem Gefühl zu alt zu sein, um die Plattform zu verstehen auf der anderen Seite, ist es kein Wunder, dass ein Artikel mit der Überschrift „Snapchat nicht mehr nur für Teens. Snapchat Nutzung bei 25-34 Jährigen liegt bei 38 %“ regelrecht hyperventilierend durch Twitter und Facebook – die sozialen Medien der alten Säcke eben – gejagt wurde. Dummerweise war diese Überschrift – die zwischenzeitlich geändert wurde – einfach nur eine Fehlinterpretation der richtigen Zahlen. Dabei sind die Zahlen doch eindeutig und mit einer kurzen Addition hätte man auch sofort sehen können, dass die Interpretation falsch ist. Dies hat Flodoard Quolke bei den Blogrebellen mal gemacht und damit eine ganze Menge Leute als mathematisch reichlich unbegabt dastehen lassen (mindestens).

Es geht um diese Zahlen:

snapchat_reference

Was haben wir da? Prozentzahlen, Altersgruppen und Snapchat(!). Und siehe da: bei den 25-24jährigen steht 38% und selbst bei den Ü35 noch 14%. Dummerweise sind das aber nicht die Anteile der Snapchat-Nutzer, sondern die Anteile der Menschen, die die App auf dem Smartphone installiert haben. Dass es nicht die Anteile der Snapchat-Nutzer sein können ist einfach zu sehen: einfach mal die drei Prozentzahlen addieren. Dabei kommt man auf 121%. Ginge es hier um die Altersgruppen der Snapchat-Nutzer(!), dann dürfte hier nicht mehr als 100% raus kommen. Für manche ist das schwer zu verstehen, aber so ist das nun mal. Die Mathematik ist da unnachgiebig.

Und was sagen die Zahlen nun also über die Snapchat-Nutzer aus? Naja, ziemlich genau gar nichts. Nur weil jemand eine App mal testweise installiert hat, bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch wirklich genutzt wird. Die Zahlen zeigen nur einen Trend auf, der ganz offensichtlich ist und über den ich oben ja schon geschrieben habe: Die alten Säcke interessieren sich verstärkt für Snapchat. Und aus diesem Interesse heraus wurde die falsche Interpretation dieser Zahlen dann so heftig verbreitet…

In der korrigierten Fassung des Beitrags reicht man bei FutureBiz dann noch etwas ältere Zahlen von Snapchat selbst nach, die dann zeigen sollen, dass man doch gar nicht so falsch gelegen hätte („So groß sind die Unterschiede nicht.“):

Snapchat-Altersverteilung

Und ja, stimmt schon, etwas über ein Drittel der Nutzer sind wohl älter als 24, aber nicht über die Hälfte. Auch gehen die Zahlen nicht wirklich in die Tiefe, was zum Beispiel die Nutzungsintensität und -häufigkeit angeht. Es macht ja schon einen Unterschied, ob jemand Snapchat täglich mehrmals nutzt und damit kommuniziert oder ob man einmal pro Monat rein schaut, ob sich vielleicht was getan haben könnte.

Und was nun die Nutzung von Snapchat angeht, neige ich dazu hier eher Mario Sixtus zuzustimmen:

Was ich Journalisten rate, die Snapchat nutzen wollen? Das gleiche, was ich ihnen für Angry Birds oder Youporn raten würde: Nutzt es privat. Mario Sixtus

Aber wir dürfen davon ausgehen, dass sich weder Journalisten und schon gar nicht die Heerscharen von Social Media Experten, Social Media „Experten“ und Werbern an diese Empfehlung halten werden, schließlich geht es um eine attraktive Zielgruppe, die man erreichen will. Und ich würde jetzt mal hier eine Prognose wagen: Je stärker die Werber bei Snapchat aktiv werden, je mehr alte Säcke (ich bin ja selber einer) bei Snapchat aktiv werden, desto schneller wird diese attraktive Zielgruppe eine neue Plattform finden. Oder wie es einer aus der Zielgruppe mal sagte:

Wenn meine Mutter mir irgendwann per Snapchat ein Spaßfoto schickt, dann bin ich weg – seit die bei Facebook ist, kann ich ja dort auch nix mehr posten. Snapchat-Nutzer, 15, will anonym bleiben

Kinder und Jugendliche in dem Alter wollen und brauchen Kommunikationsräume, in denen sie so weit möglich unter sich sein können, in denen Erwachsene höchstens toleriert werden, nehmen wir ihnen solche Räume, dann suchen sie sich neue. Wer sich noch ein klein wenig an die eigene Kindheit und Jugendzeit erinnert, der wird ja zustimmen, dass es ja auch damals ein Unterschied war, ob man mit den gleichaltrigen Freunden unter sich gesprochen hat oder ob Eltern, Lehrer oder andere Erwachsene in der Nähe waren.