Stadt der Zukunft
Innenstadt-Vision: Mehrzweck-Straßen, Fahrräder und Grünflächen

Helle Søholt vom Architekturbüro Gehl hat viele spannende Ideen für die Innenstädte der Zukunft. Fahrräder spielen dabei eine große Rolle, Autos eher weniger. 
von Carsten Drees am 26. September 2018

Mobilegeeks.de bringt schon seit langem auch viele Beiträge zum Thema Auto. Kein Wunder, ist es doch eines der spannendsten Tech-Themen in diesen Zeiten. Natürlich möchte ich von den Auto-Fans niemanden vor den Kopf stoßen, aber dennoch finde ich in letzter Zeit immer mehr Gefallen daran, Artikel zu veröffentlichen, von denen ich weiß, dass sie nicht den Applaus aller Autofahrer finden.

Das mache ich natürlich nicht, um euch zu ärgern, sondern aus Überzeugung. Wovon ich überzeugt bin? Dass wir keine Autos in unseren Innenstädten benötigen, allenfalls in homöopathischen Dosen.

Liebe Autofahrer – ich möchte euch nicht (mehr) in den Innenstädten

Wie die Innenstädte dann aussehen werden, wird sich noch zeigen müssen, aber immer mehr Menschen kommen auf den Trichter, dass sich bei der Städteplanung signifikante Veränderungen abzeichnen. Veränderungen, bei denen vor allem die Autofahrer bzw. Auto-Eigentümer schlecht wegkommen.

Wieso das so sein wird? Das ist ganz simple Mathematik: Die Innenstädte haben nur eine gegebene Größe, mit der man planen kann, aber zunehmend mehr Menschen wollen in diese Innenstädte und von den dortigen Vorteilen profitieren: Tolle Shopping-Möglichkeiten, kulturelle Highlights, zumeist flottes Internet, um nur ein paar Punkte zu nennen.

Wir haben noch lange nicht das Ende der Fahnenstange bei der Städteplanung erreicht, also ist es selbstverständlich möglich, bei effizienterer Nutzung des Platzes auch mehr Menschen in der City unterzubringen. Dennoch kann man das auch mit noch so viel Planung nicht kompensieren, also muss der vorhandene Platz definitiv cleverer genutzt werden. Genau an diesem Punkt müssen wir zwangsläufig einsehen, dass Autos viel zu viel Platz eingeräumt wird.

Die Städte von morgen werden keine Orte sein, in denen wie selbstverständlich jeder Einwohner sein eigenes Auto besitzen wird, mit dem er alleine zur Arbeit, zum Sport und zum Einkaufen fährt. Das sieht auch die dänische Städteplanerin Helle Søholt so, die zusammen mit ihrem Partner Jan Gehl das Architekturbüro Gehl gegründet hat.

Bereits seit vielen Jahren beraten sie weltweit Städte und Gemeinden und zeigen ihnen neue Wege auf — im eigentlichen Wortsinn und auch im übertragenen Sinne. Der Süddeutschen, die übrigens eine sehr lesenswerte Serie zur Zukunft der Stadt veröffentlicht hat, hat sie im Interview Rede und Antwort gestanden und berichtet dort ein wenig davon, welche Vision sie für unsere zukünftigen Städte hat.

Fahrräder – wir brauchen Fahrräder

Ganz oben auf der Mobilitäts-Liste der Städteplanerin: Fahrräder. Das ergibt gleich aus mehreren Gründen Sinn: Es ist ein natürlicher Weg, in Innenstädten von A nach B zu gelangen. Es ist nachhaltiger, platzsparender und nicht selten sogar auch schneller, als mit dem Auto zu fahren. Und nicht zuletzt ist es auch für uns Menschen eine gute Geschichte, da wir uns tendenziell immer weniger bewegen und somit auch ein gesundheitlicher Aspekt für Fahrräder spricht.

Sie nennt zwei weitere Säulen der Mobilität und die heißen Car-Sharing und natürlich auch öffentliche Verkehrsmittel. Ein Paradebeispiel dafür ist die Stadt in Kopenhagen, in der auch das Architekturbüro Gehl seinen Sitz hat. Dort wächst die Zahl der Fahrradfahrer stetig, auch die Anbindung der öffentlichen Verkehrsmittel wird laufend verbessert, so fährt ab nächstem Frühling eine neue U-Bahn-Linie mit 17 neuen Stationen.

Es geht aber bei diesen Ideen der Dänen nicht ausschließlich darum, den Verkehr für die Zukunft aufzustellen. Vielmehr geht es darum, in den Städten wieder den Mensch in den Vordergrund zu rücken. Das bedeutet, dass die Straßen viel mehr sein sollen als der Ort, an dem die Autos von der Arbeit nach Hause rollen und umgekehrt.

Stattdessen sollen diese Straßen Begegnungsstätten sein, also Orte, an denen Menschen zusammenkommen, sich unterhalten und auch gemeinsamen Aktivitäten nachgehen können. Grünflächen sind ein existenzieller Bestandteil dieser Konzeption — eine Vision, die mir persönlich äußerst gut gefällt.

Damit möglichst simpel Platz gewonnen werden kann, kann sich Helle Søholt Mehrzweck-Straßen vorstellen, die je nach Zeitpunkt unterschiedlich genutzt werden. So könnte eine zweispurige Straße zu Stoßzeiten — beispielsweise im Berufsverkehr — auf beiden Spuren von Autos genutzt werden, während zu anderen Zeiten eine Spur komplett Fahrrädern vorbehalten bleibt. An Wochenenden könnte der Verkehr komplett wegfallen, um Kindern Platz zum Spielen zu bieten, vor Weihnachten könnte man einen Teil der Straße für Weihnachtsmarkt-Buden freimachen.

Das sind verständlicherweise keine Dinge, die von heute auf morgen geändert werden können. Schließlich muss auch immer noch gewährleistet sein, dass jeder irgendwie zur Arbeit und wieder nach Hause kommt. Das bedeutet, dass die öffentlichen Verkehrsmittel so optimiert werden müssen, dass man das Wegfallen der Autos auffangen kann.

Stadtentwicklung geht nur mit und für die Menschen. Helle Søholt

Wichtig — zumindest aus Sicht der Städteplaner von Gehl — ist aber vor allem der soziale Aspekt, der bei den baulichen Veränderungen der Innenstädte im Vordergrund stehen sollte. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur das Ausweichen auf umweltverträgliche Verkehrsmittel und das Bauen möglichst autarker Gebäude, sondern eben auch mehr Freiheit für die Menschen, die in der Stadt leben.

Ich bin da beim Nachdenken über diese Visionen hin und her gerissen: Auf der einen Seite gefällt mir diese Utopie ausgesprochen gut, auf der anderen Seite kommen da so viele Baustellen — buchstäblich und im übertragenen Sinne — auf die Städteplaner und Regierungen zu, dass man bei der derzeitigen Innovations-Freude unserer Politiker Angst und Bange werden kann. Wie denkt ihr darüber?