Instagramability: Der Instagram-Tourismus und seine Tücken

Instagram kurbelt vielerorts den Tourismus an. Was gut klingt, ist in vielen Fällen aber das genaue Gegenteil davon und bereitet den Orten massive Probleme.

Auch, wenn man es an den Temperaturen in Deutschland noch nicht wirklich ablesen kann: Der Sommer ist vorbei und wir nähern uns stetig der kalten Jahreszeit. Wenn wir es schon nicht am Thermometer feststellen, dann vielleicht eher auf Instagram. Zumindest in meinem Feed habe ich das Gefühl, dass so langsam wieder weniger Urlaubs-Fotos auftauchen und ich mehr auf die üblichen Motive blicke: Architektur, Food, Selfies, Bilder von Familie und Haustieren.

Aber je nachdem, wie sich euer Instagram-Freundeskreis zusammensetzt, werdet ihr auch jetzt immer noch tonnenweise Bilder von traumhaften Locations finden, egal ob es sich um den Sandstrand, eine Tempelanlage oder eine malerische Gebirgskette handelt. Es mag dem ein oder anderen ein Dorn im Auge sein, aber wir sind jederzeit in der Lage, all das, was wir sehen, im Bild festzuhalten und zumeist auch direkt weltweit zu teilen.

Manches mal kann ich mich dem auch nicht widersetzen, wenn ich in einer schönen Gegend bin und dann poste ich mal eines meiner wenigen Instagram-Bildchen:

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#marrakech #marrakechmedina #BrilliantU

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Wir waren in Marrakesch auf Einladung von HTC (Artikel kommt noch), um mal zu schauen, was für Fotos mit dem HTC U12+ möglich sind (Spoiler-Alarm: Großartige Fotos!). Es handelte sich also um eine berufliche Mission mit dem erklärten Ziel, vor Ort auch Bilder zu knipsen.

Aber auch im privaten Bereich bekommen nicht nur Fotos und Videos generell einen immer höheren Stellenwert, sondern auch das Zeigen seiner Werke auf Instagram und anderen Plattformen. Ganz ehrlich: Wenn ich an einem coolen Ort bin und ein feines Motiv sehe, dann halt ich auch drauf und teile es gegebenenfalls.

Auf der ZDF-Seite bin ich jetzt aber über ein Phänomen gestolpert, welches ich zugegebenermaßen so gar nicht auf dem Schirm hatte. Dort ist von einem neuartigen Massentourismus die Rede, der gerade unter jungen Menschen sehr verbreitet ist. Die haben nicht plötzlich alle die Reiselust für sich entdeckt, sondern machen sich ganz gezielt auf die Suche nach perfekten Instagram-Fotos.

Es wird das Pferd also umgekehrt aufgezäumt: Anstatt sich einen schönen Ort für seinen Urlaub zu suchen und dort gegebenenfalls auch gescheite Fotos zu machen, achtet man explizit vorher bei der Auswahl des Reiseziels, ob dort geeignete Instagram-Motive zu finden sind — und schlägt dann die Zeit zwischen dem Fotografieren irgendwie tot.

Mit der “Instagramability” wurde dafür sogar ein ganz eigener Begriff geprägt. Je höher diese Instagramability ist, desto mehr ansprechende Motive lassen sich dort finden. Das perfekte Beispiel für so einen Ort ist das Pragser Wildtal in Südtirol, welches ihr auf folgendem Bild bestaunen könnt — bzw. eher die Übersicht, die sich zum entsprechenden Hashtag #lagodibraies auf Instagram finden lässt:

Auf dem Bild seht ihr nicht nur drei Beispiele dafür, dass man dort sehr schöne Fotos vom See machen kann vor aufregendem Alpenpanorama, sondern auch, dass sich unter dem Hashtag über 150.000 Fotos finden lassen. Und genau das ist leider auch das Problem: Auch bislang unbekannte und eher kleine Orte können auf einmal zum Instagram-Liebling avancieren, wenn nur die richtigen Influencer vorlegen und die passenden Fotos des Ortes veröffentlichen.

Viele Instagram-Nutzer eifern dann diesen Influencern und/oder Reise-Bloggern nach und wollen eben auch diese schönen Fotos machen. Genau deshalb pilgern sie zu Tausenden in Regionen, die von diesem plötzlichen Andrang schier erdrückt und überrascht werden. Ein anderes Beispiel dafür ist das Verzascatal in der Schweiz. Ein Posting eines italienischen Bloggers reichte auch, um in vielen die Leidenschaft für dieses Tal zu wecken und das Resultat waren kilometerlange Schlangen, kreuz und quer parkende Autos und nicht zuletzt — und besonders unschön — riesige Müllberge der Touristen.

Ich halte das für eine sehr traurige Entwicklung, ganz ehrlich. Das sage ich als jemand, der selbst sehr gern in der Weltgeschichte unterwegs ist und eben auch gerne fotografiert und neue Eindrücke festhält. Die Frage ist aber eben, wie hoch der Preis ist, den wir dafür zahlen. Viele Touristen wollen halt nur noch zeigen, dass sie an einem bestimmten Ort waren — das Präsentieren des Urlaubsortes hat also ein höheres Gewicht als möglicherweise das bloße Verweilen dort und das Entspannen.

Wenn das Orte trifft, die nicht für Massentourismus ausgelegt sind, dann kann das mitunter bedeuten, dass eine Region auf lange Sicht zerstört wird — sowohl für den Tourismus, als auch für die dort lebenden Menschen. Deswegen kann ich nur an euch appellieren, dass ihr auf die Nachhaltigkeit achtet bei der Wahl eures Urlaubsziels.

Was können aber Menschen machen, die vielleicht mit dem Posten solcher Bilder ihren Unterhalt verdienen? Der ZDF-Bericht zitiert eine Reise-Bloggerin, die dieses Problem eben auch wiederholt feststellt und mittlerweile dazu übergegangen ist, nicht mehr die exakten Orte zu taggen in ihren Postings. Ich bin ehrlich gesagt noch nicht ganz sicher, ob das der Weisheit letzter Schluss ist. Zum Einen wäre es schade, wenn auf diese Weise verhindert wird, dass wir gezielt nach solchen Motiven schauen können und zum anderen glaube ich, dass genügend Leute pfiffig genug sind,  beispielsweise über die Google-Bildersuche dennoch an die entsprechenden Resultate zu kommen.

Die gleiche Bloggerin — Sara Menotti — berichtet auch davon, dass es beispielsweise einen Tempel auf Bali gibt, der noch vor kurzer Zeit völlig unbekannt war, während sich jetzt mittlerweile schon um vier Uhr morgens die Touristen dort versammeln, um bloß nicht den richtigen Moment für ein Foto vom Sonnenaufgang zu verpassen. Manche Blogger wären mittlerweile sogar so durchorganisiert, dass sie Pläne mit sich führen, an welchem Hotspot man genau zu welcher Uhrzeit das schönste Foto machen könne, erklärt sie weiter.

Ein probates Mittel gegen diesen Trend fällt mir auf Anhieb nicht ein, muss ich zugeben. Funktionieren sollte eigentlich, was schon in anderen Bereichen anscheinend immer weniger zum Einsatz kommt: Der gesunde Menschenverstand! Sucht eure Orte nicht nach der Instagramability aus, müllt diese Orte nicht voll, geht nicht den Einheimischen auf den Sack usw. Eine Studie eines britischen Versicherers lässt mich allerdings wenig hoffen, dass wir hier auf Vernunft hoffen dürfen: Der Studie zufolge würden nämlich 40 Prozent der 18- bis 33-Jährigen ihre Reiseziele nach deren “Instagramability” aussuchen.

Was meint ihr dazu? Könnt ihr nachvollziehen, dass man diese Überlegungen in seine Urlaubsplanung einfließen lässt? Oder seht ihr die Geschichte eventuell noch viel rigoroser und findet, dass aus Umweltschutzgründen vielleicht generell davon abgesehen werden sollte, weltweit wild mit Touristen-Bombern herumzufliegen, nur um am anderen Ende der Welt zwei Wochen am Strand zu liegen? Schreibt mir eure Meinung in die Comments. Ich versuche derweil, mir noch weitere Gedanken dazu zu machen, gerade was den Fokus auf Instagram angeht.

via ZDF