Lynchjustiz in Indien: WhatsApp reagiert und will weitere „WhatsApp-Morde“ verhindern

Es häufen sich die Fälle, in denen Inder nach Fake-News das Gesetz selbst in die Hand nehmen. WhatsApp will jetzt zusammen mit der indischen Regierung dagegen vorgehen. 

Immer wieder müssen wir über Fake-News reden und über die Folgen. Meistens ist hier in Deutschland dabei der Fokus auf die Politik gerichtet. Mit Falschmeldungen und vermeintlich einfachen Lösungen wird hier Stimmung gemacht, die an der tatsächlichen Situation im Land oft vorbeigeht. Fake-News können aber auch ganz anderer Natur sein. Wir kennen das selbst von Facebook, wenn wieder einmal auf misshandelte Hunde in Land X hingewiesen wird, das Foto sich aber nach kurzer Recherche als viele Jahre alt und in Land Y aufgenommen erweist.

Fälle dieser Art gibt es viele und ja, auch hierzulande wird viel zu wenig hinterfragt, wie es um den Wahrheitsgehalt der News bestellt ist, wenn es um Tiere oder Kinder geht, die von bösen Menschen misshandelt oder umgebracht werden. Bei aller Abscheulichkeit solcher Taten sollten wir aber eben nicht vergessen, Postings in Frage zu stellen, bei denen Gesichter von vermeintlichen Tätern geteilt werden.

Egal, wer in diesem Land etwas noch so Schlimmes verbricht: Es gibt Gerichte, die diese Menschen zu verurteilen haben und es gibt eine Polizei, die diese Menschen zu stellen hat. Nur, wenn von Behördenseite offiziell dazu aufgerufen wird, dürfen auch wir als Privatpersonen Fahndungsaufrufe weiterleiten und das ist nach wie vor auch der einzige gangbare Weg.

Damit nähern wir uns jetzt dem Kern dieses Artikels, der sich im weitesten Sinne mit WhatsApp und Indien beschäftigt. WhatsApp ist mit 1,5 Milliarden aktiven Nutzern (Stand: Ende Januar 2018) der beliebteste Messenger dieses Planeten und allein 200 Millionen Menschen in Indien nutzen ihn. Dabei wird er nicht nur als Kommunikationsmittel zwischen einzelnen Personen genutzt, sondern auch, um Memes, Links, Videos etc. zu verbreiten.

Darunter finden sich leider auch sehr viele Fakes und vor allem in Indien sehen wir derzeit, dass diese Fake-News fatale Folgen haben können. Wiederholt sind in letzter Zeit in Indien Menschen von einem aufgebrachten Mob gestellt und getötet worden, weil man der Meinung war, Täter ausfindig gemacht zu haben.

Der letzte Fall drehte sich um vermeintliche Kindesentführer: Fünf Männer wurden in der Ortschaft Dhule an einer Bushaltestelle gelyncht, weil man sie fälschlicherweise für Entführer hielt. Insgesamt wurden in Indien 2017 30 Menschen aus exakt diesem Grund umgebracht: Man hielt sie fälschlicherweise für Personen, die mit Kindesentführungen zu tun hätten. Eines der Opfer war sogar ein Regierungsangestellter, der per Megaphon durch die Straßen zog, um explizit die Gerüchte über Kindesentführungen zu zerstreuen.

Im konkreten letzten Fall mit den fünf Lynch-Opfern wurde im Vorfeld via WhatsApp ein Video massiv verbreitet. Darin sieht man eine vermeintliche Kindesentführung, die per Überwachungskameras aufgezeichnet wurde. Tatsächlich handelt es sich hierbei aber um ein pakistanisches Video, welches Kindersicherheit und mögliche Entführungen zum Thema hat und auf diese Gefahren hinweisen möchte.

Wie gesagt: Diese Fälle häufen sich und die Behörden in Indien sind angesichts dieser Anhäufung von Gewalttaten aktuell ziemlich ratlos. In einer Gemeinde musste man sogar massiv mit Tränengas und Warnschüssen vorgehen, um einen Lynchmob zu stoppen. Das indische Ministerium für Elektronik und IT fühlte sich dazu genötigt, WhatsApp ausdrücklich und offiziell dazu aufzufordern, gegen diese gezielte Missinformation vorzugehen, die auf der Plattform stattfindet. In der Erklärung heißt es:

While the Law and order machinery is taking steps to apprehend the culprits, the abuse of platform like WhatsApp for repeated circulation of such provocative content are equally a matter of deep concern. The Ministry of Electronics and Information Technology has taken serious note of these irresponsible messages and their circulation in such platforms. Deep disapproval of such developments has been conveyed to the senior management of the WhatsApp and they have been advised that necessary remedial measures should be taken to prevent  proliferation of  these  fake  and at times motivated/sensational messages. The Government has also directed that spread of such messages should be immediately contained through the application of appropriate technology.

Klare Ansage also an WhatsApp und die Betreiber der Plattform, auf die das Unternehmen jetzt auch reagierte in Form eines Briefes an die indische Regierung.

Like the government of India, we’re horrified by these terrible acts of violence and wanted to respond quickly to the very important issues you have raised. Auszug aus dem WhatsApp-Brief an die indische Regierung

Natürlich möchte man dazu beitragen, dass sich diese schrecklichen Vorfälle nicht wiederholen und hat in dem Brief auch einige Ansätze aufgezählt. Zunächst mal verweist man darauf, dass man Admins mehr Macht in ihren Gruppen verleiht, indem sie darüber entscheiden können, ob die Mitglieder in diesen Gruppen Nachrichten posten können oder nur die Administratoren.

Darüber hinaus wird bereits ein Symbol getestet, welches dem Nutzer zeigen soll, dass es sich hier nur um eine weitergeleitete Nachricht handelt und nicht um eine, die vom Versender selbst verfasst wurde. Das, so hofft WhatsApp, würde die Nutzer des Messengers eher darüber nachdenken lassen, ob sie das bedenkenlos weiterleiten oder nicht. Diese Funktion soll schon bald final zur Verfügung stehen in Indien, berichtet die Hindustan Times.

Desweiteren wird man Kooperationen mit Zivilgesellschaft und der indischen Regierung anstreben und Geld in die Hand nehmen, um Anzeigen im Land zu schalten. All das soll zum Ziel haben, die Bevölkerung schnell und umfassend aufzuklären, damit sie wissen, wie sie mit WhatsApp(-Gruppen) umzugehen haben und wie man mit Falsch-Nachrichten verfährt.

Alles die Schuld von Facebook und WhatsApp?

Mir ist der recht raue Ton in der Regierungsmeldung an WhatsApp aufgefallen und zweifellos sind Unternehmen wie die WhatsApp-Mutter Facebook gefragt, wenn es darum geht, Fake-News zu entlarven und möglichst zu unterbinden. Wenn derlei Morde aber lediglich in einem Land so gehäuft auftreten, muss sich die Regierung auch selbst hinterfragen, was sie falsch gemacht hat bzw. wo sie jetzt ansetzen muss, um die Bevölkerung zu sensibilisieren und zu informieren.

Beim konkreten Fall mit den fünf an einer Bushaltestelle getöteten Menschen soll es sich um einen Lynchmob von 40 Personen gehandelt haben, während über 3.000 (!) Leute tatenlos zugesehen haben. WhatsApp ist zweifellos ein leidlich gutes Werkzeug, um Fake-News zu transportieren. Wenn aber Tausende dabei zusehen, wie fünf Menschen von einem Lynchmob hingerichtet werden, laufen da aber noch ganz andere Dinge verkehrt.

Wenn der Verfall der Sitten zum Glück hierzulande noch nicht so weit gediehen ist, so können wir ähnliches jedoch auch in Deutschland beobachten. Auch hier machen Fake-News eifrigst die Runde und Teile der Gesellschaft sind durch Populisten und Fake-Nachrichten aufgeheizt genug, um nicht nur auf dem Stimmzettel menschenfeindlich zu agieren, sondern schlimmstenfalls auch zu Hetzjagden aufzurufen oder sich ihnen gar anzuschließen.

Wieder einmal sieht man so sehr schön, dass die Technologien dringend verbessert werden müssen, das alles aber auch für unsere Gesellschaft als Ganzes ebenso gilt.

via Futurezone
Artikelbild: Bar & Bench