Manipuliert Google zugunsten von Hillary Clinton?

Google wird immer wieder mal unfaires Verhalten vorgeworfen: Von Mitbewerbern, Verbraucherschützern, Nutzern. Und die Vorschläge zur Vervollständigung von Suchanfragen stehen oft in der Kritik. Rühren wir mal beides zusammen mit der US-Präsidentenwahl und schauen, was dabei raus kommt.

Jeder kennt die Vervollständigungsvorschläge bei der Websuche, sei es bei Goolge, Bing oder Yahoo. Im Idealfall hilft diese einem die eigene Suche so zu formulieren, dass man die gewünschten Ergebnisse erhält. Oft genug taugen sie aber auch für Erheiterung. Oft genug waren diese Vervollständigungen auch in der Kritik, wenn zum Beispiel Zusammenhänge mit Personen damit angedeutet wurden, die diesen nicht zusagten. Dann natürlich Google selbst: Die Vorwürfe, Google würde die eigene Suche manipulieren, um eigene Dienste in den Vordergrund zu rücken ist nicht neu und werden regelmäßig wiederholt.

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Wenn also ein Unternehmen und sein Produkt schon so in der Kritik steht, warum dann nicht mal schauen, ob sich da nicht noch was anderes finden lässt. Vielleicht etwas, was im Zusammenhang mit irgendeinem wichtigen Großereignis steht. Ach ja, die Vorwahlen zur Wahl des neuen US-Präsidenten bzw. der neuen US-Präsidentin. Ich nehme mal an, dass man sich so etwas in der Richtung gedacht hat bei SourceFed, als man dieses Video gebaut hat, welches derzeit auch sehr gerne in den berühmt-berüchtigten Gruppen von Verschwörungstheoretikern und Lügenpresse-Brüllern geteilt wird:

Worum geht es hier? Nun, zum einen ist die Überschrift schon mal falsch: „Did Google manipulate search for Hillary?“. Denn es geht ja nicht um die Suche, das wird auch im Video betont, sondern um die Vorschläge zur Vervollständigung der Suchbegriffe. Und zwar geht es darum, dass bei der Eingabe von „hillary clinton cri“ von Google zur Vervollständigung folgende Vorschläge geliefert werden:

  • hillay clinton crime reform
  • hillay clinton crisis
  • hillay clinton crime bill 1994

Bing und Yahoo liefern hier jedoch ganz andere Vorschläge, nämlich:

  • hillay clinton criminal charges
  • hillay clinton crimes
  • hillay clinton criminal
  • hillay clinton criminal record
  • usw.

Ähnliches zeigt das Video für „hillary clinton ind“. Wenn man dann auch noch sieht, dass die von Yahoo und Bing gelieferten Vorschläge auch bei Google viel öfter gesucht werden, als die von Google selbst gelieferten Vorschläge, dann kommt man schnell auf die Idee: Google manipuliert! Schließlich sollten die Vorschläge sich ja nach den beliebtesten Suchbegriffen anderer Nutzer richten.

Nein, sollten sie nicht. Zumindest behauptet Google nicht, dass es so wäre, sondern im Gegenteil (Hervorhebung von uns):

Die Vervollständigung von Suchanfragen wird ohne menschliche Beteiligung durch einen Algorithmus generiert. Der Algorithmus

  • arbeitet mit objektiven Faktoren. Unter anderem wird berücksichtigt, wie oft Nutzer in der Vergangenheit einen Begriff gesucht haben.
  • ist darauf ausgelegt, die Vielfalt der im Web verfügbaren Informationen zu erfassen. Deshalb können die angezeigten Suchbegriffe manchmal merkwürdig oder erstaunlich wirken.

Das ist der Punkt: Unter anderem fliesst also die Häufigkeit ein, mit der bestimmte Begriffe benutzt wurden, als ein Faktor von mehreren, die nicht genannt werden.

Nun könnte man trotzdem meinen, dass Google hier manipulieren würde, schließlich würden ja bei „bernie sanders soc“ und „donald trump rac“ bei allen drei Suchmaschinen zur Vervollständigung „bernie sanders socialist“ und „donald trump racist“ vorgeschlagen, also eindeutig negative Begriffe, wie sie bei Hillary Clinton fehlen. Also doch? Google manipuliert zugunsten von Hillay Clinton? Bei SourceFed ist man sich sicher, dass das passiert, sie glauben, mit den Begriffen genau das bewiesen zu haben und sprechen von der möglicherweise größten Story, die sie bisher gebracht haben („This is perhaps the biggest story we’ve ever reported“). Und sowohl in den Kommentaren, als auch bei den üblichen Verdächtigen der verschiedenen Aluhut-Fraktionen ist man sich weitgehend einig: Jawohl, Google manipuliert!

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Schauen wir uns doch nur an, wie es in Deutschland aussieht: „Angela Merkel kri“ liefert als Ergänzungsvorschläge für „kri“ nur „krise“ und „krieg“, aber da müsste – so zumindest die Meinung vieler Aluhüte – doch „kriminell“ vorgeschlagen werden. Schließlich sei die Bundeskanzlerin genau das und danach würden doch sicher viel mehr Menschen suchen. Naja, vielleicht, vielleicht auch nicht – die Suche für alle drei Kombinationen befindet sich unter der Wahnehmungsschwelle von Google Trends:

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Aber das liegt sicher nur daran, dass Google hier auch manipuliert. Wissen wir doch. Und jetzt bei der Bilderberger-Konferenz bekommt Google sicher neue Anweisungen, wie die Suche zu manipulieren ist. Ganz sicher. Und Bing und Yahoo ganz bestimmt auch:

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Aber seien wir mal ernsthaft: Auch in den Kommentaren zu den Videos werden Beispiel gebracht von anderen Fällen, die ähnlich gelagert sind. „Bill Cosby ind“ liefert als Vorschlag zum Beispiel auch nicht „Bill Cosby indictment“ zurück. Dann kommen die Befürworter der Manipulationstheorie und wollen unzählige Suchbegriffe getestet haben, bei denen Google immer nur die meistgesuchten zur Vervollständigung vorschlagen würde. Das sind dann aber eben oft auch eher harmlose Begriffe. Also was stimmt denn nun?

Ganz ehrlich: Das könnte nur Google sagen. Tatsache ist aber, dass die Menschen bei SourceFed einige Faktoren einfach mal ignorieren, allen voran die Tatsache, dass die Ergänzungsvorschläge bei Google, Yahoo und Bing eben unterschiedliche erzeugt werden. Google sagt ja selbst, dass die Häufigkeit der Verwendung eines Begriffs nur einer der Faktoren ist und nicht der einzige, wie es SourceFed implizieren. Dann wird so getan, als könnte man anhand von nur einer handvoll Suchbegriffen und Vergleichen sichere Rückschlüsse auf eine Manipulation bei Google ziehen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass Google bei der Suche und auch bei den Suchvorschlägen durchaus unterschiedliche Ergebnisse liefert, je nach Land und möglicherweise auch nach Region und teilweise sogar individuell pro Nutzer. Man müsste also sehr viel mehr Testläufe machen, bevor man sich so weit aus dem Fenster lehnt und Google Manipulation vorwirft. Müsste man, wenn man nur halbwegs an so etwas wie „seriösem Journalismus“ interessiert wäre. Ist man bei SourceFed scheinbar nicht.

Was bisher da steht ist bestenfalls ein begründeter Anfangsverdacht, mehr aber eben auch nicht. Aber solche Manipulationsvorwürfe liegen durchaus im Trend und man muss natürlich keinen Aluhut tragen, um sich so seine Gedanken über die großen Gatekeeper im Netz und solche, die es werden wollen zu machen. Ob nun Facebook, Google, Apple… sie alle haben natürlich eine gewisse Möglichkeit, ihre Nutzer zu beeinflussen, indem sie sie zu genehmeren Quellen im Netz leiten. Ob sie diese Möglichkeiten nutzen oder wenn ja, in welchem Umfang und in welche Richtung, das weiß keiner genau. Was aber bei vernünftig denkenden Menschen ein paar Gedanken sind, eine gewisse Vorsicht und die Angewohnheit nie alleine einer Quelle oder alleine einem Gatekeeper zu vertrauen, das wächst sich bei anderen zu ausgewachsenen Verschwörungstheorien aus, mit geheimen Weltregierungen, Chemtrails und natürlich der gesteuerten Lügenpresse, zu der auch Facebook und Google gehören.

Ob sich bei genaueren und umfangreicheren Untersuchungen weitere Hinweise für oder gegen eine solche Manipulation durch Google finden werden ist offen und ein Stück weit auch irrelevant: Die Aluhut-Szene hat sich ihr Urteil längst gebildet und wird sich dieses nicht durch unpassende Fakten kaputt machen lassen. Dabei wäre es wirklich nicht schlecht, wenn man den Anbietern von Suchmaschinen und anderen Gatekeepern da ein bisschen auf die Finger schauen würde, das läge ja auch in ihrem Interesse, wenn eine unabhängige Instanz ihnen ihre Unabhängigkeit und Neutralität bei solchen Fragen bescheinigen würde (klar, die Aluhüte würde das nicht interessieren).