Online-Konkurrenz: der deutsche Einzelhandel vor dem Exitus?

Die Filialen im deutschen Einzelhandel stehen vor einem Massensterben, und mit ihnen eine enorme Zahl von Arbeitsplätzen. So lautet das Fazit einer Untersuchung, welche die Auswirkungen der wachsenden Online-Konkurrenz beleuchten sollte. Die Experten geben den Handelsunternehmen u.a. den Ratschlag, ihre enormen Datenbestände zu versilbern.

Eine neue Studie prognostiziert, dass in den kommenden 10 bis 15 Jahren jedes zweite größere Einzelhandelsunternehmen vom deutschen Markt verschwinden wird. Der Onlinehandel mit Produkten aus allen erdenklichen Lebensbereichen wächst rasant und wird nach Ansicht der Experten immer mehr Ladengeschäfte von der Landkarte löschen. Mehrere Millionen Arbeitsplätze stehen zur Disposition.

Es ist ein bekanntes und dennoch viel zu selten diskutiertes Thema: die digitale Disruption wird die Dienstleistungsgesellschaft in Europa massiv verändern. Nach der fortschreitenden Verbreitung von Robotern im Produktionssektor verändern neue Algorithmen und automatisierte Prozesse nun hochqualifizierte Berufe, die lange Zeit als “sicher” galten. Die volle Breitseite wird nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren der Einzelhandel zu spüren bekommen, der offenbar weder auf das geänderte Einkaufsverhalten der Menschen noch auf die im Onlinehandel reduzierten Kosten eine Antwort findet.

In einem der „Welt am Sonntag“ vorliegenden Bericht der Beratungsfirma Oliver Wyman gehen die Experten von einem Schneeballeffekt bzw. Teufelskreis aus. „Erst gehen einige Händler weg, dann geht es mit dem Standort bergab, und am Schluss ist er tot.“

Vor allem im Lebensmitteleinzelhandel werde sich nach Ansicht der Experten die Zahl der Flialen vor Ort stark verringern. Die Branche gehört zwar zu den umsatzstärksten Bereichen des deutschen Einzelhandels, kämpft aber aufgrund der bereits existierenden Konkurrenz untereinander seit jeher mit äußerst geringen Gewinnmargen. „Wenn dann drei oder vier Prozent des Geschäfts ins Internet abwandern, drohen sehr schnell Verluste. Denn die Kosten für Miete, Personal oder Energie lassen sich nur schwer senken.“, ziehen die Unternehmensberater als Fazit.

Amazon Go: Der Supermarkt der Zukunft eröffnet 2017

Während in anderen Märkten der Online-Handel mit Lebensmitteln bereits wesentlich stärker in den Fokus von Amazon & Co. rückt, halten sich die Handelsriesen hierzulande noch weitestgehend zurück. Zu den Widrigkeiten gehören neben beispielsweise der Einhaltung der Kühlkette eine vom Kunden bei Lebensmitteln sehr zeitnah erwartete Lieferung, die Amazon jedoch bereits ausgiebigst testet.

Ein derart weitreichender Kahlschlag im deutschen Einzelhandel hätte enorme Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Branche beschäftigt hierzulande rund 3 Millionen Arbeitnehmer, viele davon sind Frauen. Dabei wären nicht nur die Mitarbeiter in den Filialen von den Veränderungen betroffen, auch in den Zentralen der Handelskonzerne oder in der Warenlogistik droht womöglich ein massiver Stellenabbau.

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Die Unternehmen könnten nicht zuletzt wegen der technologischen Aufrüstung der Online-Konkurrenz gezwungen sein, Routineaufgaben im Einkauf, Verkauf und bei der Warenverteilung an automatisierte Programme und Systeme zu übergeben. Auf der anderen Seite könnte die enorme Datenmenge im Einzelhandel den Lebensmittelkonzernen auch neue Geschäftsfelder eröffnen, die allerdings unter Datenschutzaspekten eher skeptisch zu betrachten sind. „Einzelhändler könnten Verbrauchern, die sich offenkundig gesund ernähren, passende Dienstleistungen oder Versicherungen empfehlen.“, fassen die Unternehmensberater als einen legitimen Ausweg aus der drohenden Gewinn-Misere zusammen.

Quelle: welt.de