Reich durch Twitch? Dieser Streamer dokumentiert sein Scheitern

Streamer Ninja verdient sechsstellige Summen bei Twitch im Monat. Leider nur eine Ausnahme. Unser Beitrag zeigt das komplette Gegenbeispiel.

Manchmal fasst man sich verwundert an die Birne, mit was man Geld verdienen kann im Netz. Wir sind mittlerweile daran gewöhnt, dass YouTuber zu Millionären werden und Instagram-Sternchen fette Werbeverträge in Serie abschließen.

Mittlerweile hat sich auch herumgesprochen, dass man auf der Streaming-Plattform Twitch den ein oder anderen Euro machen kann. Die erfolgreichsten Streamer haben mehrere Millionen Follower und auch stetig mehr zahlende Subscriber. Auf die Spitze bringt es hier Ninja, der im richtigen Leben Richard Tyler Blevins heißt: Über 8 Millionen Follower (laut SocialBlade), über 200 Millionen Aufrufe des Kanals und über 140.000 zahlenden Abonnenten.

Das günstigste Abo bringt pro Monat 5 Dollar, die sich Twitch und der Streamer teilen. 2,50 x 140.000 — das macht 350.000 US-Dollar pro Monat. Dazu kommen noch Werbeeinnahmen und die einmaligen Donations. Außerdem, so spekuliert Forbes, besteht Twitch bei so großen Namen sicher nicht auf halbe-halbe, bei den Subscriptions, so dass diese 350.000 US-Dollar nur die allerunterste Untergrenze dessen darstellen, was sich Ninja jeden Monat einsackt.

Was er dafür machen muss? Zocken, und zwar gut. Fortnite ist sein Steckenpferd und auch das Game, dem “Ninja” so einen großen Zuschauer-Schub verdankt. Man kann also sagen, dass sich Richard aka Ninja reich gedaddelt hat. Logisch, dass das in unserer Zeit danach schreit, nachgeahmt zu werden.

Nicht nur auf Twitch, welches seit einigen Jahren zu Amazon gehört, tummeln sich die Gamer, sondern logischerweise auch auf YouTube. Ihre Fans feiern sie frenetisch, schauen natürlich jedes Video und jeden Stream und sorgen auf diese Weise dafür, dass die Erfolgreichsten fett abkassieren.

Was ist aber mit den Millionen anderen, die nicht ganz so erfolgreich sind und nicht die große Kohle mit Streams verdienen? Davon bekommen wir meistens nichts mit, was aber eigentlich auch echt okay ist. Wenn nämlich Nutzer xy alle zwei Wochen mal Leute dabei zuschauen lässt, wie er Fortnite oder ähnliches zockt und sich das eine Handvoll Menschen anschauen, dann wird er sicher damit klar kommen, dass das für ihn keine lukrative Geschichte ist.

“Twitch ist ein gefährlicher Ort”

Aber zwischen den Großverdienern und den Freizeit-Gamern gibt es auch jede Menge Menschen, die den großen Wunsch in sich tragen, eben auch mal zu den bekannten Namen der Szene zu gehören. Das sind Menschen, die sehr viel Zeit investieren, damit der eigene Kanal vorankommt. Zeit und Leidenschaft sind aber leider keine Garanten dafür, dass man dann auch irgendwann durchstartet.

Man muss als Gamer entweder besonders gut sein oder besonders unterhaltsam — schließlich sollen die Leute ja einen Grund haben, dem Stream zu folgen. Außerdem gehören da sicher noch eine gute Portion Glück und das richtige Timing. Ein Timing, welches zum Beispiel Ninja beim Start von Fortnite hatte.

Yuber hingegen ist ein Streamer, der das alles nicht hat — zumindest nicht das Quäntchen Glück oder das richtige Timing. Yuber hatte aber auch diesen Traum: In Vollzeit zocken und streamen und damit seinen Lebensunterhalt bestreiten. Drei Jahre lang hat er dafür alles gemacht, alles riskiert — und unterm Strich auch alles verloren.

Fünf mal in der Woche hat er sieben Stunden lang gestreamt — für seinen Traum, aber auch, weil Videogames seine Welt sind. Dafür musste alles andere zurückstehen: Er verlor seinen Job, er verlor seine Freunde und er verlor auch sein geliebtes Mädchen. Rentiert hat sich das alles nicht, denn nach diesen drei Jahren waren es “nur” 6.000 Follower auf Twitch und damit zu wenig, um wirklich durchstarten zu können. Er ist also allein, pleite und hockt in seinem kleinen, vollgemüllten Zimmerchen.

Das ist der Grund, wieso er Twitch für einen gefährlichen Ort hält, eben weil man alles verlieren kann. Woher ich das weiß? Weil er all das selbst erzählt in einem sehr emotionalen Video, das ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte:

Ja, ich kann es mir schon denken: “Selbst schuld” werden viele jetzt denken und grundsätzlich ist das auch absolut richtig. Es hat ihn niemand gezwungen, Job und Freunde für seinen Traum zu riskieren, traurig bleibt es aber dennoch. Mindestens ein Freund ist ihm aber immerhin geblieben, denn der hat das Wissen ohne Yubers Wissen auf Reddit gepostet, von wo aus es dann größere Kreise zog.

Bei Fällen wie diesem kommen vermutlich mehrere Dinge zusammen: Einmal die Leidenschaft für Games und dann die scheinbar zum Greifen nahe Chance, diese Leidenschaft zu Geld machen zu können. Wenn man dann eventuell noch einen Job macht, der besonders nervt, dann kann ich mir schon vorstellen, wie man auf die Idee kommen kann, fast täglich stundenlang zu streamen.

Dazu ist es aber vielleicht auch einfach eine gesellschaftliche Nummer: In Deutschland wollen auch unzählige junge Menschen genau die Jobs machen, bei denen man entweder wenig tun muss oder nur das, was man sowieso den ganzen Tag machen will. Konkret bedeutet das, dass die Kids sich bei DSDS oder bei GNTM bewerben, um entweder Sänger oder Model zu werden. Andere versuchen es als “Influencer” auf Instagram und noch andere schalten eben Live-Streams.

Der Punkt — und für viele vielleicht auch der Haken — an dieser “mal eben reich werden”-Geschichte ist aber der: Auch, wenn ein YouTube-Video, ein Twitch-Stream oder die Arbeit im Musikstudio oder auf dem Laufsteg wie der größte Spaß der Welt klingen: Auch das ist fast alles harte Arbeit, auch wenn man es von außen vielleicht nicht immer sieht.

Da sind Millionen Menschen, die sich einen der wenigen Plätze auf der Sonnenseite des Lebens sichern wollen und egal, ob ihr singt, zockt, modelt oder sonst was macht: Überall tummeln sich die Menschen, die auch da hinwollen und die schmeißen auch alles rein, was sie haben. Ihr müsst also hart dafür rödeln, dass ihr all diese Menschen hinter euch lasst, ihr müsst gut sein in dem, was ihr tut — und dann zudem noch Glück haben, dass alles passt.

Worauf ich hinaus will: Ihr müsst eure Träume nicht aus dem Blick verlieren, aber ihr solltet a) realistisch einschätzen können, wie gut ihr tatsächlich seid (oder euch entsprechendes Feedback holen) und b) nicht alles andere dafür leichtfertig aus der Hand geben, bloß weil ihr gerne zockt, singt, modelt. Aktuell tummeln sich allein auf Twitch über zwei Millionen “Content Creators”, die um Aufmerksamkeit buhlen. Da liegt es schon auf der Hand, dass es kein leichtes ist, zu den besten zwei, drei Dutzend zu gehören.

Unser Freund Yuber könnte übrigens Glück im Unglück gehabt haben — oder bekommt die Belohnung für sein sehr mutiges Video. Der oben verlinkte Clip ist nämlich viral gegangen und kommt auf YouTube mittlerweile schon auf über 760.000 Aufrufe. Selbst die größten Twitch-Streamer inklusive Ninja haben Wind von seiner Story bekommen und ihre Fanbase drauf hingewiesen, dass sie doch mal bei Yuber vorbeischauen sollen.

Der hat jetzt natürlich neu Blut geleckt und somit den Plan vom Ende seiner Streaming-Karriere direkt wieder verworfen. Dank der Werbung hat er seine Follower-Zahl auf Twitch in kürzester Zeit auf über 24.000 vervierfachen können und wer weiß, vielleicht bekommt er auf diese Weise doch noch die Kurve. Ich hab mir sein “Update”-Video noch nicht angeschaut, aber ich hoffe, dass er ab jetzt stets im Hinterkopf haben wird, wie weit unten er noch vor wenigen Wochen war und wie gefährlich es ist, sich dem Streaming/Gaming so hundertprozentig auszuliefern.

via Amy & Pink