Schuldig: Ja, ich bin ein Fake-News-Autor

Ein Gag sollte es werden - eine schnell erstellte News über einen Fake-News-Generator fabriziert. Seit heute weiß ich, wie leicht das geht mit diesen Fake-News - und wie schnell man drauf reinfällt.

Dass ich Depeche Mode-Fan bin, habt ihr mitbekommen, oder? Freitag erst war ich auf Einladung der Telekom in Berlin und konnte meinen Helden bei ihrem ersten Auftritt mit den neuen Songs zusehen und entsprechend zelebrieren. Wir – meine Freunde und ich – sind alle wieder mal im Depeche-Fieber und so drehen sich auch die Gespräche auf Facebook oft um die Band.

Da die Jungs einen weiten musikalischen Weg gegangen sind seit 1980, gibt es natürlich auch viele Menschen in meinem Bekanntenkreis, die die neuen Sachen nicht mehr so schätzen wie das, was sie in den Achtzigern aufgenommen haben. Ist ganz normal, aber eben dennoch auch immer wieder Grund dafür, dass man über die Musik diskutiert, manchmal sogar streitet. Warum ich euch das erzähle: Es kamen vorhin gleich zwei Sachen zusammen – einmal war das unser Autor Carsten Dobschat, auf dessen Facebook-Seite ich einen Link entdeckte zu einer News, die via einem Fake News-Generator verfasst wurde und über die sich Carsten amüsierte.

Gleichzeitig war da mein Bekannter, der sein Klagelied sang von der Band, die seit Jahren nur noch belanglose, langweilige Alben abliefert. Die Konsequenz lag für mich auf der Hand: Ich schreibe auf dieser Seite eine Fake-News, in der der Sänger Dave Gahan behauptet, dass sie es satt sind, die alten Songs zu spielen und deshalb nur noch Material der letzten vier Alben performen möchten.

Das geht ruck zuck natürlich – Headline ausdenken, ein bisschen Text dazu, der glaubwürdig klingt, ein Bildchen aussuchen – fertig ist die Laube. Ich hab mir dann überlegt, die Nummer im letzten Satz aufzulösen – sicher ist sicher. Also schrieb ich rein, dass mein Freund mit der schlechten Meinung über die neuen Songs von der Band Hausverbot in allen Arenen erhalten hat – aufgrund seiner Lästerei. Offensichtlicher geht es nicht, dachte ich, veröffentlichte meine Fake-News – und teilte den Spaß dann auf meiner Seite.

Ihr seht schon: Ich hab das mit einem lachenden Smiley kommentiert und als die ersten Bekannten meinen Link mit einem „Haha“ als Reaktion bedachten, hatte ich das Gefühl, dass alles so läuft, wie ich es gedacht hatte – die Fans aus meinem Bekanntenkreis identifizierten das direkt als groben Unfug und amüsierten sich drüber.

Sehr schnell wurde mir aber klar, dass ich da gründlich daneben gelegen hatte. Mehrere Freunde teilten die News, ein paar wollten sich damit ebenfalls einen Jux machen, die anderen nahmen es bereits für bare Münze. Selbst größere Fan-Pages aus dem Depeche Mode-Lager griffen die News auf und gaben sie scheinbar recht arglos an ihre Leser weiter.

Damit ihr jetzt nicht pauschal alle Fans der Band für behämmert haltet: Klar, natürlich haben sehr viele das auf den ersten Blick als Fake enttarnt und auch entsprechend kommentiert. Allein ein Blick auf die Seite, auf der u.a. zu einem Artikel verlinkt wird, in welchem Obama die Existenz von Außerirdischen bestätigt, sollte ja auch eigentlich ausreichen, um diesen Fake zu entlarven.

Dennoch häuften sich aber die Kommentare von enttäuschten Fans. Es wurde schon befürchtet, dass man die Konzerte nur noch sitzend oder an der Bierbude überleben kann und man fühlte sich darin bestätigt, dass die Band nun mal ihre besten Zeiten hinter sich hat. Mittlerweile waren wir schon seit ’ner halben Stunde damit beschäftigt, uns über die News kaputtzulachen, Freund Niggels, selbst langjähriger Fan der Band und in der Szene als Veranstalter und DJ unterwegs, hat sogar eine Fake-Replik geschrieben auf meinen Artikel, in welchem mich Martin Gore von Depeche Mode als Lügen-Drees entlarvte.

Wir alten Säcke amüsierten uns also wie die kleinen Jungs über unsere kindischen Albereien und verfolgten nur noch am Rande, dass die Nummer größere Kreise zog. Die großen Depeche-Fan-Seiten waren auf Facebook bereits angesprungen, Szene-DJs teilten es und letzten Endes hat sogar ein ziemlich fetter Brocken angebissen.

Tatsächlich: Der Rolling Stone (Artikel mittlerweile entfernt) berichtete auf seiner deutschen Seite darüber, dass die Band sich von den alten Hits verabschiedet und zitierte meinen Quatsch, den ich Dave Gahan in den Mund gelegt hatte, aus dem Fake-Artikel eins zu eins im Beitrag. Sogar die Quelle gab man an – was grundsätzlich ja lobenswert ist, aber wo eben auch so eins bis zwölf Alarmglocken hätten bimmeln können.

Man wunderte sich ein klein wenig, denn ausgerechnet die Songs, auf die  Dave nun keinen Bock mehr zu haben schien, hat er dem Rolling Stone persönlich im Interview noch als Säulen der Konzerte verkauft, auf die man nicht verzichten könne. Über den Facebook-Link des Rolling Stone machte die News natürlich nun noch schneller die Runde und ließ uns so ein bisschen ratlos, aber eben auch durchaus amüsiert zurück.

So geht das also mit den Fake-News, ob man es nun wollte oder nicht. Wir haben das als Scherz verstanden, der für einen kleinen Kreis gedacht war und an dem sich sonst niemand stößt. Ich will jetzt gar nicht mal dem Rolling Stone den alleinigen schwarzen Peter zuschieben. Über Fakes stolpert jeder mal – wir sind selbst schon auf Falschmeldungen eingestiegen.

Aber man hätte auf den ersten Blick erkennen können, dass die Quelle absolut unseriös ist – ihr werdet unter dem Artikel sogar dazu aufgefordert, jetzt euren eigenen Witz-Artikel zu schreiben. Ich habe wie gesagt echt einen Satz eingebaut, an dem man spätestens merken MUSS, dass hier was nicht ganz astrein ist. Und dass der nicht gelesen oder nicht recht verstanden wurde, kreide ich dem Rolling Stone schon an.

Noch mehr beunruhigen mich aber die vielen Menschen, die diesen Gag nicht als solchen entlarven konnten, weil ihnen die Headline schon gereicht hat. Viel zu viele Leute lesen den Kram nur noch halb oder unaufmerksam und bringen eine Dynamik in eine Geschichte, die absolut in keinem Verhältnis mehr steht. Diese Depeche Mode-Geschichte war ein Gag, bei der niemand Schaden genommen hat (okay, der Rolling Stone-Schreiber darf sicher was in die Kaffeekasse zahlen), aber plötzlich bekommt man ein Gefühl dafür, wie viele Leute man erreichen und steuern kann, wenn man nur auf die Schnelle ein paar Sätze zusammenkritzelt und in Umlauf bringt.

Notiz an uns alle: Nicht nur die Überschriften lesen, nicht mitten im Artikel aufhören zu lesen und die Quellen checken ;) Beim Thema Fake-News schimpfen wir ja gern mal Richtung Facebook, aber so ein kleines bisschen müssen wir wohl auch mit uns selbst schimpfen. Ich persönlich hoffe jetzt mal, dass sich der Trubel gelegt hat, während ich diesen Artikel hier schrieb und mach mir jetzt ein bisschen Depeche Mode an – Spirit, das neue Album! …und sorry nochmal an die Kollegen vom Rolling Stone – so war das nicht gedacht ;)