Telekom StreamOn: Wie ernst ist euch die Netzneutralität?

Ab dem 19. April bietet die Telekom mit StreamOn die Möglichkeit, kostenlos Pakete zum Mobilfunkvertrag zu buchen, die es erlauben bestimmte Streaming-Dienste ohne Anrechnung auf das eigene Datenvolumen zu nutzen. Auch wenn die Telekom es verneint, ist ein solches Angebot ein klarer Angriff auf die Netzneutralität - jedoch einer, bei dem wahrscheinlich viele trotzdem schwach werden könnten.

StreamOn der Telekom ist ein sogenanntes Zero-Rating-Produkt und es gibt die Ansicht – natürlich auch bei der Telekom selbst – dass ein solches Angebot kein Verstoß gegen die Netzneutralität wäre, schließlich würden hier Dienste nicht wirklich bevorzugt, sondern einfach nur bestimmter Traffic nicht gezählt. Und die Teilnahme für Dienstanbieter an diesem Angebot wäre absolut diskriminierungsfrei. Auch verstoße dieses Angebot nicht gegen die EU-Vorgaben zur Netzneutralität und damit wäre alles prima. Diese Argumentation der Telekom wurde von Thomas Lohninger bei Netzpolitik.org schon sehr detailliert widerlegt und zwar in tatsächlich allen Punkten.

Nicht vereinbar mit der EU-Verordnung

Seiner Einschätzung nach verstößt die Telekom mit dem StreamOn-Angebot nicht nur gegen die EU-Verordnung zur Netzneutralität, auch von einem diskriminierungsfreien Zugang für Serviceanbieter könne keine Rede sein. So werden alleine schon durch die Bereitstellung der Unterlagen für die Anmeldung nur in deutscher Sprache diverse Anbieter ausgeschlossen, dazu kommt, dass man sich als StreamOn-Partner den Nutzungsbedingungen der Telekom unterwerfen muss, die eine Haftungsstrafe von 50.000 Euro vorsehen.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko gerade für kleinere Anbieter, vor allem vor dem Hintergrund, dass man ja am Ende mit einer Unmenge an Telekommunikationsunternehmen solche Kooperationen eingehen müsste, um möglichst viele eigene Kunden zu erreichen. Und dann verstoße die Telekom noch gegen den Datenschutz, da zur Identifizierung des Traffics von Partnerdiensten auch Deep Packet Inspection zum Einsatz käme. Und als krönenden Abschluss reduziert die Telekom die verfügbare Bandbreite für Videostreams auch bei Diensten, die gar nicht Partner von StreamOn sind. HD-Videostreams werden damit also auf „DVD-Qualität“ gedrosselt – ob man will oder nicht.

Porno-Anbieter als StreamOn-Partner!

Auf der anderen Seite gibt es aber auch ganz konkrete Ideen, wie gegen diesen Angriff auf die Netzneutralität reagiert werden sollte, um ihn zu verhindern oder zumindest schnell wieder zu beenden. Erfolgversprechend dürfte hier der Aufruf an jeden Anbieter eines Podcasts, eines Audio- oder Video-Streaming-Dienstes sein, sich bei der Telekom als StreamOn-Partbner anzumelden. Damit soll die Behauptung der Telekom, dass jeder mitmachen könne, geprüft und im Idealfall – aus Sicht der Netzneutralität – widerlegt werden. Spannend wird es hier, wenn Porno-Anbieter darunter sind und als Partner genannt werden wollen. Natürlich kann man auch darauf hoffen, dass die Politik hier aktiv wird und wie in den Niederlanden Zero-Rating-Angebote verbietet.

Aber jeder einzelne Telekom-Kunde ist hier natürlich auch gefragt. Da müssen wir nicht drumrum reden, es ist natürlich verlockend: Apple Music, Amazon Video, Netflix und andere Angebote ohne Anrechnung auf das Datenvolumen zu nutzen. Ich bin sicher nicht der Einzige, der sich bei einem Hotelaufenthalt auch mal die 4,95 Euro für 24 Stunden ohne Trafficlimitierung geleistet hat, weil im Hotel-WLAN Netflix einfach nicht nutzbar war.

Telekom-Kunden müssen sich entscheiden

Kann man dieser Verlockung widerstehen? ARD und ZDF, bislang Fürsprecher der Netzneutralität, konnten es auf Anbieterseite nicht. Wie schwer ist es da für uns Nutzer? Ohne Frage: Ein Musikstreamingdienst ist erst dann vollwertig nutzbar, wenn man auch unterwegs immer genau die Musik hören kann, auf die man gerade Lust hat, statt auf die vorab offline gespeicherten Playlists limitiert zu sein. Über die Hälfte der 128 GB meines iPhones sind durch Musik und Videos belegt, die ich ja eigentlich dank Streaming jederzeit abrufen könnte – wenn das nicht dazu führen würde, dass das „Highspeed-Volumen“ schneller aufgebraucht ist, als der aktuelle Monat.

Es juckt tatsächlich in den Fingern, hier inkonsequent zu werden, Netzneutralität auf der einen Seite zu fordern, auf der anderen Seite dann aber doch so ein Paket zu buchen – es kostet ja zumindest kein Geld. Aber langfristig hätte das natürlich einen Preis, den man doch nicht bezahlen möchte: die Netzneutralität. Man würde sich also selbst belügen, wenn man so ein Paket bucht – aber der Mensch neigt ja durchaus ganz gerne dazu, sich selbst zu belügen.

So ein bisschen erinnert das an den Marshmallow-Test, nur sind in diesem Fall die Testpersonen keine Vorschulkinder, sondern die Mobilfunkkunden der Telekom.

Beitragsbild: MichaelGaida via Pixabay, Lizenz: CC0