Online Gaming
Weltgesundheitsorganisation will übermäßiges Onlinegaming zur Sucht erklären

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und der der Verband amerikanischer Psychologen wollen die Onlinespielsucht offiziell zur Krankheit erklären. Die Vorteile lägen dabei vor allen Dingen in der Möglichkeit der finanziellen Abrechnung. Aber macht der Ansatz überhaupt Sinn und kann Onlinegamingsüchtigen damit geholfen werden?
von Jake Pietras am 24. Mai 2017

Dass Computerspiele die Wurzel allen Übels der Welt sind, wissen vor allen Dingen Menschen ganz genau, die noch nie Berührungspunkte mit der Kultur hatten. Der beliebte Zeitvertreib eines nicht unbeachtlichen Teils der Weltbevölkerung hat böse, böse Horrorfilme und gemeingefährliche Rockmusik als Sündenbock abgelöst. Jetzt will die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Amerikanische Vereinigung der Psychologen APA Onlinespielesucht offiziell zur eigenständigen Krankheit erklären lassen.

In einem Beitrag auf sz.de und Golem analysiert Thorsten Quandt das, woran vor allen Dingen die APA gerade eifrig bastelt. Die Einstufung von Onlinespielsucht als Krankheit, ohne als „Unterkategorie“ der normalen Spielsucht zu gelten.

Was das als Folge hat, ist relativ klar und meiner Ansicht nach aus Gesichtspunkt einer neoliberal orientierten Diktatur unter Trump Demokratie zu betrachten: Die Behandlung einer potenziellen Krankheit Onlinespielsucht kann separat abgerechnet werden, inklusive Therapien, den in den USA wie Smarties verschriebenen Medikamenten sowie all den indirekten Wegen, Geld aus Patienten zu quetschen.

Wie beispielsweise durch erhöhte Versicherungsbeiträge, die durch die Analyse aller möglicher Daten einer Person errechnet werden. Big Data- und Predictive Analytics und legen schon heute Risiken und Prozentsätze für Versicherungspatienten fest.

Der falsche Ansatz

Die Frage, die sich Quandt, ein riesiger Sack voller Experten und ich persönlich mir auch stelle ist, ob das ganze Vorhaben überhaupt irgendwie Sinn macht. Ich möchte hier an keiner Stelle irgendeine Form von Sucht bagatellisieren und kenne selber genug Fälle, die nur sehr schwer von auch weniger klassischen Süchten wegkommen. Sprich: es müssen nicht immer Rauschmittel oder Kleptomanie sein.

Die Frage ist eher, ob die APA und WHO hier überhaupt den richtigen Ansatz gewählt hat. Angedacht sind wohl außerordentlich schwachsinnige Ideen, wie Warnhinweise auf Spielecovern, die vor einer möglichen Sucht von übermäßigem World of Warcraft, League of Legends oder Smite warnen sollen.

Dieser Logik zufolge müsste also auch jedes zuckerhaltige Lebensmittel ebenfalls gekennzeichnet werden. Schließlich macht Zucker ähnlich süchtig wie Heroin und Diabetes hat als direkte Folge übermäßigen Zuckerkonsums eine der höchsten Sterberate weltweit als Konsequenz. Oder die Nutzung von Social Media oder generell allen Medien, wie Quandt ebenfalls treffend feststellt.

Als nächstes sind dann Smartphones dran, Binge-Watching von „Halt and Catch Fire“ (geile Serie übrigens) und warum auch nicht gleich noch Atmen, wie jemand in den Kommentaren bei Golem schreibt. Betrachtet man den Ansatz der APA und der WHO mit etwas Abstand, könnte man meinen, dass aus Langeweile angefangen wird, Micromanagement zu betreiben. Nochmal: Ich halte übermäßige Onlinespielsucht für eine ernstzunehmende Sucht, die in Asien bereits behandelt wird.

Was sind die Suchtursachen?

Das Vorgehen beider Organisationen, ohne große öffentliche Diskussion und entgegen zahlreicher Expertenmeinungen ein dediziertes Krankheitsbild zu schaffen, riecht aber irgendwie nach Pharma- und Gesundheits-Lobby oder blindem Aktionismus. Und nein, ich bin kein Aluhutträger.

Meiner Ansicht nach wäre es sinnvoller, nach den Ursachen von Sucht im Allgemeinen zu forschen. Die Jungs vom sehr empfehlenswerten YouTube-Channel „kurzgesagt“ hatten genau zu dem Thema ein sehr informatives Video, in dem Ursache vieler Drogenabhängiger weniger im Verlangen nach einem „High“ begründet war. Sondern psychologisch vielmehr in einer Einsamkeit und einem „sich verloren fühlen“.

Ein Umstand, der auch der Onlinespielsucht, übermäßigem Social Media- oder Pornhub-Konsum zugesprochen werden kann. Das ganze Dopamin und die Belohnungsysteme, vor allem in MMORPGs, sowie Mechanismen die uns immer und immer länger in Social Media halten, dürften das Problem da noch weiter verstärken. Wenn auch eher als Nebeneffekt.

Ich bin aber natürlich kein Psychologe und würde dafür gerne von euch wissen, wie ihr das seht. Habt ihr selbst mit Onlinespielesucht zu tun? Ich persönlich blicke mittlerweile auf eine 27-jährige Gamer-Karriere zurück und kann das hundertfaceh Fähnchen sammeln in Assassin’s Creed und absolut jeden noch so schwachsinnigen Nebenquest in The Witcher 3 irgendwie nicht mehr sehen. Aber es gab Zeiten, da war das wirklich spaßig.