Binge-Watching-Material aus Deutschland
Dark: Erste deutsche Netflix-Serie ist mehr als nur ein Stranger-Things-Abklatsch

Im Fahrwasser von Stranger Things 2 kommt mit "Dark" nun auch die erste rein deutsche Serie zu Netflix. Wir haben uns die Mystery-Serie bereits für euch angetan und erzählen euch, was davon zu halten ist - spoilerfrei.

Wenn wir ganz neidisch auf die TV-Serien aus den USA blicken oder auf Krimis aus UK oder Skandinavien, dann deswegen, weil wir für uns (vermeintlich) erkannt haben: Deutsche können sowas einfach nicht. Wir können Fußballweltmeister werden, Weltkriege verlieren, Haare in jeder Suppe finden und jeden Sonntag wieder ab 20:15 Uhr über den Tatort meckern. Geschichten gleichermaßen spannend erzählen und opulent in Szene setzen — das ist nicht unser Ding.

Deutsche Erfolge im TV oder an deutschen Kinokassen lassen da oft wahrlich Schlimmstes befürchten. Entweder stürzen sich da alle auf die neuste Schweiger-Komödie oder auf Teenager-Klamauk der „Fack ju Göhte“-Bauart. Auch ein Matthias Schweighöfer wird in diesem eher seichten Fahrwasser verortet, so dass es schon fast eine Überraschung ist, dass der Kamerad mit You Are Wanted ein durchaus bemerkenswertes Serien-Debüt auf Amazon hingelegt hat.

Klar, die Berufs-Basher haben in der Serie natürlich auch massig Kritikwürdiges gefunden, angefangen von platten Klischees über die vorhersehbare Story bis zu genereller Kritik am Cast. Fakt ist aber, dass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe und auch zu keiner Sekunde das Gefühl hatte, dass man sich da qualitativ allzu deutlich hinter US-Formaten verstecken muss.

Über den Umweg Schweighöfer komme ich damit dann jetzt auch endlich zu der Serie, über die ich euch eigentlich was erzählen möchte: Während nämlich „You Are Wanted“ die erste komplett deutsche Serie für Amazons Streaming-Service darstellte, ist jetzt mit „Dark“ auch die erste komplett in Deutschland produzierte Netflix-Serie ins Rennen geschickt worden.

So ziemlich jeder, mit dem ich in den letzten Tagen über Netflix redete, erzählte mir davon, dass er entweder auch gerade mit „Dark“ angefangen habe, oder es zumindest auf dem Zettel hat für die nächste Zeit. Grund genug, sich mal mit diesem Werk zu beschäftigen, welches seine Premiere im Rahmen des 42. Toronto International Film Festivals feierte. Dort wurden übrigens die ersten beiden Folgen gezeigt und erhielten äußerst positives Feedback.

Stranger Things trifft Twin Peaks

Eins vorab: Im Gegensatz zu unserer Stranger Things 2-Rezension werde ich hier versuchen, zu zahlreiche Spoiler zu vermeiden. Ihr könnt euch also ruhig mit dem Lesen hier Appetit holen, ohne dass euch bereits zu viel über „Dark“ verraten wurde.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich hier um die erste rein deutsche Produktion für Netflix, wenngleich man sich für die Regie den Schweizer Baran bo Odar rangeholt hat. Jantje Friese ist für das Drehbuch der 10-teiligen Staffel verantwortlich, die sowohl auf ihren Ideen als auch auf einer Idee des Regisseurs Odar beruht.

Vieles klingt erst einmal merkwürdig vertraut: In einem fiktiven Örtchen namens Winden verschwindet im Jahr 2019 ein Junge. Die Suche nach ihm, unheimliche Ereignisse, durch Wälder radfahrende Kinder/Jugendliche, tonnenweise 80er-Referenzen — jau, das klingt so komprimiert erst einmal nach einem ziemlichen Stranger Things-Abklatsch, bei dem nur der Ort der Handlungen — eben Deutschland — ein anderer ist.

Diese Einschätzung ist aber komplett falsch und das dürfte euch gleich nach dem Betrachten der allerersten Minuten der ersten Folge klar sein. Während Stranger Things sehr viel komische Momente integriert, um die ja eigentlich düstere Story aufzulockern, suhlt sich Dark spürbar in dieser Schwere, die über dem Ort und irgendwie auch jeder einzelnen Person dort zu liegen scheint. Zudem haben die Arbeiten an diesem Projekt bereits begonnen, bevor die erste Staffel von Stranger Things ausgestrahlt wurde.

Alles wirkt beklemmend in Winden: Das — Achtung Wortwitz — alles überstrahlende AKW, die dichten Wälder, der trostlose, stets verregnete Ort selbst und natürlich all die Charaktere dort. Scheinbar gibt es in Winden mehr kaputte Familien, als wir sie drei Jahrzehnten Lindenstraße kredenzt bekommen haben.

Genau das ist aber auch ein wichtiger Bestandteil der Serie: Die Story fokussiert sich auf vier dieser Familien, generell haben wir es aber mit sehr vielen Personen zu tun, die recht flott vorgestellt und eingeführt werden und die es auch dem aufmerksamen Zuschauer erst einmal gar nicht so leicht machen, den Überblick zu behalten.

Wie versprochen halte ich mich mit konkreten Details zurück, um euch nicht die Spannung zu nehmen, aber sehr gekonnt wird hier ein Cocktail gemixt, bei dem es um die angesprochenen unheimlichen Ereignisse geht — wenn plötzlich zum Beispiel haufenweise Vögel vom Himmel fallen — aber eben auch darum, wie diese Menschen miteinander interagieren.

Da geht es natürlich um das Leid von Eltern, die verzweifelt darauf hoffen, dass es ein Lebenszeichen des verschwundenen Sohnes gibt, aber auch der alltägliche zwischenmenschliche Wahnsinn — Lügen, Intrigen, Ehebruch — spielt eine große Rolle. Hätte man den Mystery-Faktor einfach weggelassen, hätte man ein typisch deutsches Sozial-Drama vorgefunden. Das soll aber gar nicht mal abwertend gemeint sein, denn die Art, wie diese Menschen ineinander verstrickt sind, verstärkt das beklemmende Gefühl beim Zuschauen.

Wenn die Headline dieses Teils des Artikels neben Stranger Things auch das legendäre Twin Peaks erwähnt, hat das natürlich seinen guten Grund. Diese Quasi-Urmutter des Mystery-Genres besticht nicht nur durch seine sehr krude Story, sondern auch dadurch, wie sie von David Lynch in Szene gesetzt wurde. Würde man den Machern von Dark unterstellen, dass sie sich ein wenig bei Lynch inspirieren ließen, würde man ihnen ebenso wenig Unrecht tun, als würde man darüber hinaus auch noch David Fincher (Sieben, Alien 3, Fight Club) ins Spiel bringen.

Dark ist filmisch wirklich bärenstark in Szene gesetzt worden — egal, ob es sich um eine der vielen im Regen spielenden Szenen handelt, um die merkwürdigerweise allesamt beklemmend wirkenden Räumlichkeiten des Ortes oder um Luftaufnahmen. Man fühlt sich auch hier wieder an US-Serien erinnert — Beispiel: True Detective — in denen gerade das Einfangen der jeweiligen Szenen unglaublich viel zur Stimmung beiträgt. Dickes Lob daher an Nikolaus Summerer, der für die Kamera zuständig ist.

Typisch Deutsch? Zu viel von allem?

Eine Headline, zwei Fragen. Fangen wir mit der zweiten Frage an: Haben wir es hier mit zu viel von allem zu tun? Das passiert ja leider ziemlich häufig, dass ambitionierte Projekte darunter leiden, dass sie eben zu viel wollen und verzweifelt beim Versuch scheitern, zu viele verschiedene Dinge unter einen Hut bringen zu wollen.

Zu dem Schluss, dass das auch bei Dark der Fall sein könnte, kann man durchaus gelangen, wenn man die Serie nicht selbst geschaut hat. Da sind die bereits erwähnten Verstrickungen der verschiedenen Familien, die Suche nach dem Jungen und wir wissen, dass da irgendwas mit dem AKW scheinbar nicht stimmt. Dazu gesellen sich geheimnisvolle Fremde, Sprünge durch die Zeit (erzählerische und tatsächliche) und sehr viele Symbole bzw. symbolbehaftete Szenen.

Damit kommen wir auch direkt zu dem „typisch Deutsch“-Vorwurf. Den gibt es ja grundsätzlich fast immer, wenn jemand wagt, eine deutsche Serie oder einen deutschen Film fertigzustellen, oft aber eben auch zu recht. In diesem Fall möchte ich diesen Vorwurf eher entkräften, denn immer, wenn einem besagtes „typisch Deutsch“ auf den Lippen liegt, dann wirkt es zumindest auf mich, als haben die Macher des Films es ganz bewusst so integriert.

Konkrete Beispiele erspare ich euch zur Spoiler-Vermeidung auch an dieser Stelle, aber auf mich wirkt es zumindest so, als inszeniert man das Ensemble mit voller Absicht so. Für mich funktioniert das blendend, so dass man durchs Verquicken dieser „deutschen“ Elemente mit anderen Bestandteilen eine Serie zusammenklöppelt, die ebenso gut in Norwegen, Island oder einem Kaff in den USA spielen und auch dort produziert sein könnte.

Ein weiterer Kritikpunkt, den sich Serienmacher gerade in Deutschland oft gefallen lassen müssen, ist das inflationäre Gebrauchen von Klischees. Eine Mystery-Serie, in der Elemente wie der (fast schon obligatorische) verschwundene Junge, verendende Tiere, mysteriöse Höhlen, immer wieder flackerndes Licht, ständiger Regen und ebenso ständig allein durch Wälder baselnde Jugendliche/Kinder auftauchen, dann noch der verrückte Alte, der davon brabbelt, dass alles an die Ereignisse von „damals vor 33 Jahren“ erinnert — das alles klingt schon danach, als habe man hier den Klischee-Bogen ein kleines bisschen überspannt. In der Praxis passt das aber zumeist durchaus gut in die Geschichte, stören jedenfalls nicht die Story.

Man könnte die oben gestellten Fragen — typisch Deutsch?, Zu viel von allem? — also im Grunde eigentlich mit „Irgendwie schon, macht aber nix“ beantworten. Nicht zuletzt Stranger Things hat ja auch bewiesen, dass man wild mit Referenzen an andere Filme und Serien rumprassen kann, Genres mixen darf — und unterm Strich eben dennoch ein absolut stimmiges Projekt dabei herausspringt.

Binge-Watch-tauglich? Ja, absolut!

Kommen wir also jetzt abschließend zu meinem ganz persönlichen Urteil, welches ich euch hoffentlich weiterhin spoiler-frei niederschreiben kann. Wenn ich euch Schwachpunkte nennen müsste, dann würden mir da manche zunächst einige etwas zu platte Dialoge einfallen. Ein bisschen zu oft werden da auch Dinge gesagt, von denen man das Gefühl hat, dass sie von Captain Obvious persönlich ins Drehbuch geschmiert wurden.

Das wird dem absolut hochklassig ausgewählten Cast eigentlich nicht gerecht. Für mich herausragend gut spielen dabei übrigens Oliver Masucci (Er ist wieder da) als ermittelnder Polizist Ulrich Nielsen und Louis Hofmann, der den Protagonisten Jonas Kahnwald äußerst sympathisch und glaubhaft verkörpert.

Ein weiterer Haken: Die 80er-Anspielungen sind mir manches mal auch ein wenig zu platt bzw. zu offensichtlich. Man muss einem Jungen nicht zwingend einen „Atomkraft – Nein Danke!“-Pulli anziehen, um uns drauf zu stoßen, dass er eventuell aus dem guten, alten 1986 stammen könnte. Grundsätzlich stört es mich aber auch nicht übermäßig und da die Referenzen an die Achtziger ja auch schöne 80s-Musik mit einschließt, kann ich unterm Strich auch glänzend damit leben. (Übrigens überzeugt mich der komplette Soundtrack, nicht nur die Eighties-Nummern!)

Das waren dann aber auch schon alle Punkte, für die ich Abzüge in der B-Note geben würde. Davon abgesehen ist Netflix mit Dark nämlich für mein Empfinden eine echt feine Serie gelungen. Hier wurden nicht zwingend und dutzendweise Räder neu erfunden, aber Dark ist einfach richtig, richtig gut gemacht und fesselt dadurch von der 1. bis zur 10. Folge. Wer die Zeit hat, kann den Spaß also in einem Rutsch durchglotzen.

Dabei würde ich euch aber empfehlen, dass ihr wirklich aufmerksam dabei bleibt. Ich bin so ein Kandidat, der beim Serien-Inhalieren nebenher auch gern mal ’nen Blick auf Facebook riskiert oder auf dem Smartphone ein kleines Spielchen zockt. Das verbietet sich bei Dark, denn viel zu schnell habt ihr ein Symbol, ein Rätsel oder auch nur einen verräterischen Blick eines Darstellers verpasst und fragt euch spätestens zwei Folgen später, was das gerade soll, was da aktuell über den Bildschirm flimmert.

Dazu gehört auch, dass es wirklich viele und komplexe Erzählstränge gibt, außerdem bewegen wir uns in verschiedenen Zeiten — ihr solltet also durchaus schon konzentriert vor der Kiste sitzen. Wer das Mystery-Genre mag, wird das aber eh tun und die Folgen verschlingen. Ich hab es jedenfalls getan und ich habe absolut keine Kopfschmerzen dabei, Serienfreunden Dark zu empfehlen.

Epilog

Eingangs erwähnte ich, dass „wir“ vermeintlich keine guten Serien können. Das ist natürlich Quatsch — aber es passiert einfach zu selten. Das dürfte weniger damit zusammenhängen, dass uns die Kreativen fehlen, sondern eher damit, dass man sie nicht so machen lässt, wie sie gerne möchten. Die Köpfe hinter dieser Serie haben von Netflix erfreulicherweise völlig freie Hand erhalten, so dass Dark nicht nur ein Beweis dafür ist, dass auch in Deutschland Serien von internationalem Format geschaffen werden können, sondern auch ein Statement, was den Stellenwert von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon angeht.

Vieles, was man im linearen Fernsehen so nicht zulassen würde, kann auf diesen Plattformen umgesetzt werden und ganz ehrlich: Ich glaube auch, dass Dark nicht annähernd so gut funktionieren würde, wenn unsere Öffentlich-Rechten die Folgen wöchentlich und am besten auch noch auf unterschiedlichen Sendeplätzen „versenden“ würde.

PS: Ich habe damals immer die ZDF-Weihnachtsserien geliebt! Timm Thaler, Silas, Jack Holborn, Patrik Pacard – für mich als Kind damals war das absolute Spitzenunterhaltung und ich glaube, dass mir diese Serien auch heute noch Spaß machen würden. Auch diese Serien wurden für damalige Verhältnisse sehr aufwendig in Szene gesetzt und erzählt und ich muss zugeben, dass mich Dark ein wenig an diese Mehrteiler erinnert. Mit dem Unterschied allerdings, dass das hier wirklich ein reiner Erwachsenen-Stoff ist und dazu noch ein sehr düsterer.

Nach dem mit sehr viel Geld und Aufwand für Sky und die ARD produzierten Babylon Berlin, dem oben bereits erwähnten You Are Wanted von Amazon und jetzt Dark zeigt sich jedenfalls, dass auch hierzulande sehr ansprechende TV-Unterhaltung gezaubert werden kann. Ich bin gerade bei Dark jetzt sehr gespannt, wie die Serie im Ausland ankommen wird – und auch darauf, ob in diesem Sog vielleicht noch weitere tolle, deutsche Serien nachkommen.

Wer Stranger Things oder generell Mystery-Serien mag und weder davor zurückschreckt, wenn eine Serie sehr komplex erzählt wird oder aus deutschen Landen stammt, sollte "Dark" unbedingt eine Chance geben. 10 Folgen umfasst die Serie und belohnt die Zuschauer mit einem stimmigen Konzept aus spannender Story, großartigen Bildern und einem tollen Soundtrack.

8.3
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