Mercedes EQV ein besonderes oder langweiliges Elektroauto?

Der EQV ist langweilig und/oder besonders, je nach Blickwinkel. Wir beleuchten den zweiten rein elektrischen Mercedes und gehen der Frage nach: Kann ein Auto Langweilig und gleichzeitig Besonders sein?

von Mark Kreuzer am 11. Oktober 2020

Mercedes gibt Strom bei der Elektrifizierung seiner Modelle, neben der Ankündigung von sechs weiteren EQ Modellen, wird jetzt gerade mit dem EQV der zweite vollelektrische Mercedes auf den Markt gebracht. Wir sind den EQV einen Tag lang gefahren und dabei ist vor allem aufgefallen wie langweilig er eigentlich auf den ersten Blick ist und das ihn gerade das zu einem besonderem Elektroauto macht auf den zweiten.

Die Fahreindrücke und einiges an Technik haben wir für euch in dem Video oben zusammengefasst.

Bevor wir ins Detail gehen der kurze Hinweis, dass der EQV 1:1 aussieht wie eine V-Klasse. Aber besonders bei diesem Wagen bin ich der Meinung, dass das Aussehen nicht zählt sondern die inneren Werte.

Technische Daten Mercedes EQV

Auf den ersten Blick handelt kann man den Mercedes EQV kaum von seinen Verbrennergeschwister V-Klasse Modellen unterscheiden. Ein Blick unter die Motorhaube offenbart aber dann doch, dass sich einiges an der Technik geändert hat.  Es gibt den EQV in der Version Lang und Extralang und im folgenden haben wir die Daten für euch zusammengefasst:

 EQV 300 LangEQV 300 Extralang
EnergieeffizienzlabelA+A+
CO2-Emission0 g/km0 g/km
Stromverbrauch kombiniert26,3 kWh/100 km26,4 kWh/100 km
Reichweite (NEFZ)418 km417 km
LadestandardCCSCCS
Ladezeit an Wallbox oder öffentlicher Ladestation (AC-Laden, bis 11 kW)<10 h (0–100 %)<10 h (0–100 %)
Ladezeit an Schnellladestation (DC-Laden, bis 110 kW)ca. 45 Min. (10–80 % SoC)ca. 45 Min. (10–80 % SoC)
Ladespannung400 V400 V
AntriebVorderradantriebVorderradantrieb
Leistung (Peak)150 kW (204 PS)150 kW (204 PS)
Leistung (Dauer)70 kW (95 PS)70 kW (95 PS)
Max. Drehmoment362 Nm362 Nm
Höchstgeschwindigkeit140 km/h (Serie)
160 km/h (Option)
140 km/h (Serie)

160 km/h (Option)

HochvoltbatterieLithium-Ionen, wassergekühltLithium-Ionen, wassergekühlt
Batteriekapazität (nutzbar)90 kWh90 kWh
Batteriekapazität (installiert)100 kWh100 kWh
BatteriepartnerCATLCATL
Fahrzeuglänge5.140 mm5.370 mm
Radstand3.200 mm3.430 mm
Gepäckraum (max.)1.030 Liter1.410 Liter
Sitze6–86–8
Zulässiges Gesamtgewicht3.500 kg3.500 kg

Besonders hervorstechen dürfte in diesem Zusammenhang die mit 100 kWh sehr große Batterie von der 90 kWh nutzbar sind. Damit soll der EQV eine Reichweite nach NEFZ von 418 km haben. Nach dem eher gängigeren WLTP Prüfzyklus sind es 350 km. Bei diesem werden aber auch die Ladeverluste an der Schnelladesäule die je nach Auto 10-15% betragen können mit inkludiert. Die Verbraucht das Auto zwar auf der Straße nicht, muss der Fahrer aber mit bezahlen.

Meine Erfahrung mit Elektroautos ist, dass die WLTP Reichweiten Werte bisher eigentlich nie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Um so gespannter war ich, als die Mercedes Presseleute mir sagten, dass die o.g. Werte für den EQV aber durchaus belastbar und wirklichkeitsnah sind.

Mehrere EQV und Autor Mark Kreuzer vor dem Mercedes Benz Museum

Fahreindruck Mercedes EQV

Meine Testfahrt startet am Mercedes Benz Museum in Stuttgart und führte durch die Schwäbische Alb, was für mich eine erste Überraschung war. Mit einem Elektroauto durch ein Mittelgebirge zu fahren ist sicher nicht die energieeffizienteste Route die man für eine Probefahrt nehmen kann.

Ein so großes und schweres Elektroauto die Berge hoch und Runter zu bewegen klingt schon nach einem enormen Energieaufwand.

Das eigentliche Fahrverhalten des EQV war ohne Fehl und Tadel. Bei einem Blick auf die technischen Daten sieht man, dass der Elektroantrieb im Dauerbetrieb nur 70 kW (95 PS) zur Verfügung hat, diese reichen aber absolut aus für eine zügige Fortbewegung. Vor allem weil der Elektromotor eine Spitzenleistung von eigentlich 150 kW (204 PS) hat, die er im Bedarfsfall, zum Beispiel beim Überholvorgang, abrufen kann, dabei helfen auch die 362 Newtonmeter Drehmoment.

Durch die große Batterie im Unterboden, hat der EQV einen, gewohnt Elektroauto typischen, niedrigen Schwerpunkt. Das bringt zwar sicherlich eine gewisse höhere Agilität als bei einem Verbrenner, aber der größere und deutlich spürbare Effekt ist, dass man aufgrund der Bauhöhe eine etwas höhere Sitzposition bekommt als in den Verbrennmodellen. In Kombination mit den großen Fensterscheiben ist die Aussicht aus dem EQV so also noch mal einen Tick besser als bei einem reinen Verbrenner.

EQV auf der Landstraße Blick aufs Cockpit

EQV – effiziente Rekuperation und Fahrprogramme

Rekuperation, also Energierückgewinnung, gehört zu dem guten Ton bei Elektrofahrzeugen, auch der EQV macht hier keine Ausnahme. Über Schaltwippen am Lenkrad kann man die verschiedenen Modi für die Rekuperation auswählen.

Es stehen Fünf Rekuperationsstufen zur Auswahl:

  • In Stufe D Auto passt der EQV die Stärke der Rekuperation dynamisch und vorausschauend, basierend auf Daten der Sicherheitsassistenten, der Kamera und der Navigation, zwischen 0 und -2 m/s² an.
  • In Stufe D + segelt der EQV, es erfolgt keine Rekuperation (0 m/s²).
  • In Stufe D wird der EQV durch ein Rekuperationsmoment verzögert, das mit dem konventionellen Schubbetrieb eines Verbrennungsmotors vergleichbar ist (-0,6 m/s²).
  • In Stufe D – wird das Rekuperationsmoment auf -1,5 m/s² erhöht.
  • In Stufe D – – stellt der Elektromotor sein maximales Rekuperationsmoment von -2 m/s² zur Verfügung, in dieser Stufe ist sogenanntes „Ein-Pedal-Fahren“ möglich.

In der Praxis ist mir besonders der D Auto Modus aufgefallen. Auf meiner Bergigen Strecke hat er einen hervorragenden Job gemacht eine Mitte zwischen Rekuperation und Segeln zu finden. Ich weiß das viele Elektroautofahrer auf de One-Pedal-Feeling schwören, aber als Vielfahrer konnte ich mich bisher immer noch nicht voll daran gewöhnen. Ich habe selten so ein gutes elektrisches Fahrgefühl wie im EQV erlebt. Vor allem die Entscheidung wann er segelt, wann er leicht oder stark rekuperiert hat in meinem ersten Test mich stark beeindruckt. Gefühlt löst er diese Aufgabe besser als sein elektrischer Bruder aus dem Konzern, aber mein Test von dem EQC liegt auch schon wieder etwas zurück, ich könnte mich da aber auch Irren.

Auf Nachfrage hat man mir bei Mercedes gesagt, dass der EQV abhängig von Geschwindigkeit und Batterieladezustand mit bis zu 130 kW Energie zurückgewinnen kann. Ein wenig deplatziert, in dem Zusammenhang, wirkt beim ersten einsteigen der analoge Tacho.

Nach meiner Fahrt kann ich aber sagen, dass die Anzeigen des analogen Tachos gut funktioniert haben. Ich war ja erst skeptisch besonders bei der Power / Charge Anzeige im rechten Feld. Aber an dieser Stelle möchte ich gerne festhalten, dass mein Befremden nicht gerechtfertigt war. Lieber einen gut funktionierenden analogen Tacho als einen schlecht digitalisierten sage ich da nur.

EQV an Ladestation. Der Ladeanschluss befindet sich in der Frontstoßstange

Auf meiner Testfahrt mit dem EQV musste ich nicht Laden. Eine Besonderheit sei aber an dieser Stelle schon mal erwähnt, der Ladeanschluss des EQV befindet sich in der Frontstoßstange was meiner Meinung nach ein sehr smarter Ort für ein so langes Auto ist.

Mercedes EQV – Verbrauch

Nach meiner 3:15 h und 180 km langen Testfahrt durch die Schwäbische Alb stand am Ende ein Verbrauch von 26,2 kWh/100 km auf dem großen MBUX Display. Dabei sei erwähnt, dass ich meinen Fotografen Jonas Speck und noch einiges an Equipment dabei hatte.

Bei meiner Testfahrt habe ich keinerlei Einschränkungen akzeptiert, dass heißt:

  • normale Fahrweise
  • Klimaanlage im Innenraum
  • teilweise Sitzheizung [für den Jonas nicht für mich]

Ich halte nichts davon, dass man ein Elektroauto langsamer oder vorsichtiger fahren sollte als einen Verbrenner. Diese Einschränkung wird im realen Betrieb auch von keinem Kunden akzeptiert werden, außer vielleicht den Hardcore Elektrofanboys.

Erstaunt war ich daher, dass der EQV am Ende meiner Testfahrt einen Verbrauch hatte der den Verbrauchsangaben des Herstellers entsprochen hat. Als ich das in meinem Gespräch mit den Experten von Mercedes zur Sprache gebracht habe kam hier der Hinweis, dass da mit dem EQV auch viele kommerzielle Kunden im Auge hat, ein passender Verbrauch Pflicht ist, damit diese ihre TCO (Total Cost of Ownership) vernünftig kalkulieren können.

Mercedes EQV – wer sind die Kunden?

Damit kommen wir auch so langsam zum Ende des Artikels und der Frage für wen ist der EQV gedacht? An den Fahrleistung und der Reichweite, scheint es nach meinem ersten Test, kann man nichts aussetzen.  In der Pressemittelung zu dem Wagen schreibt Merceds:

V-Klasse: Platz ist für Sitzplätze für bis zu acht Personen in zahlreichen Konfigurationen und einen ebenso großen wie flexiblen Gepäckraum mit einem Volumen von bis zu 1.410 Liter. Der EQV eignet sich als Familien- und Freizeitfahrzeug ebenso wie als repräsentativer Dienstwagen oder als VIP- und Hotelshuttle.

Oder um den Leiter von Mercedes-Benz Vans Marcus Breitschwerdt zu zitieren:

„Großraumlimousinen von Mercedes-Benz erfüllen höchste Ansprüche an Funktionalität und Variabilität. Das zeigt auch unser EQV eindrücklich. Er bietet souveräne Fahrleistungen, intuitive Bedienung und ein großzügiges Raumangebot – und ist dabei 100 Prozent lokal emissionsfrei. Damit ist er der ideale Begleiter für Familien und Freizeitsportler, aber auch prädestiniert für den Shuttle-Betrieb oder den Einsatz als Premium-Limousine.“

Ich persönlich glaube, dass der EQV für die meisten bestehenden V-Klasse Kunden eine Alternative sein könnte. Natürlich nicht für die, die ein reines Langstreckenprofil haben, aber das versteht sich meiner Meinung nach von selbst.

Mit einem Startpreis von 59.900 € liegt er unter der magischen 65.000 € Fördergrenze. Ausstattungsbereinigt sind die Mehrkosten vom EQV gegenüber einem Verbrenner nur ~6.500 € höher. Das heißt mit Förderung und mit den Steuervorteilen ist der EQV wahrscheinlich eine interessante Alternative zu dem Verbrenner. Ich hoffe das man bei Mercedes sein Verkaufspersonal auch darauf hin schult. Ich befürchte nämlich, dass es noch ein wenig dauern wird, bis das Umdenken bei den Konsumenten und Kunden ankommt.

Fazit Testfahrt Mercedes EQV

Aus dem oben genannten Grund war mir die Testfahrt mit dem EQV so wichtig. Ich bin definitiv kein direkter Kunde für einen EQV oder eine V-Klasse. Ich habe eingangs geschrieben, dass der EQV, für mich, auf den ersten Blick langweilig aussieht. Das selbe würde ich aber auch über eine V-Klasse sagen, es ist kein Wagen der von außen einen Begeisterungssturm auslöst.

Sitzt man drinnen sieht die Sache aber wieder ein wenig anders aus. Die Verarbeitung ist auf dem gewohnt hohen Mercedes Niveau und das obwohl es sich ja mehr um einen Transporter als um eine Limousine handelt.

Beim Fahren und besonders auch beim Mitfahren fällt sofort auf, wie -für Elektroautos typisch- ruhig es im Inneren des Wagens ist. Klar Fahrgeräusche nimmt man wahr, aber das Fehlen eines Verbrenners, der in dieser Klasse meistens einen eher kernigen Dieselsound hat, nimmt man deutlich wahr.

Kombiniert man das noch damit das der EQV als Elektroauto lokal emissionsfrei bewegt hat man bei Mercedes mit dem EQV eine extrem sinnvolle Großraumlimousine geschaffen.

Persönlich sehe ich gerade den EQV prädestiniert für den gewerblichen Nutzen. Es macht einfach Sinn diese Klasse von Wagen zu elektrifizieren.

Ich glaube wir als Konsumenten haben hier durchaus eine Macht, die wir in Zukunft nutzen sollten. Wir könnten uns bewusst dazu entscheiden in ein elektrisches Taxi einzusteigen auch wenn es in der Taxischlange nicht an der ersten Stelle steht. Für Hotels und andere Shuttle-Dienstleister bietet der EQV sich zu differenzieren und die eigene Nachhaltigkeit zu unterstreichen.  Die Politik hat die Möglichkeit weitere Stelleschrauben zu nutzen um Personentransport mit Elektrofahrzeugen zu fördern oder zu begünstigen.

Ich habe in meiner Testfahrt des EQV keinen Nachteil gegenüber einem Verbrenner feststellen können, sondern eher einige Vorteile.

Ja für mich persönlich ist der EQV ein eher langweiliges Auto, aber ich finde auch, dass er ein neuer Standard werden sollten und werde darauf ab jetzt achten, dass macht ihn in meinen Augen zu was ganz besonderem.