Mercedes S-Klasse nach 2 Wochen Test – das beste Auto der Welt und seine Achillesferse

Die Mercedes S-Klasse ist der neue Goldstandard an dem sich in Zukunft alle anderen Autos messen lassen werden müssen. Warum das so ist erklären und was die einzige potentielle Schwachstelle ist erklären wir euch in diesem Test.

von Mark Kreuzer am 28. März 2021

Nachdem ich die Mercedes S-Klasse zwei Wochen lang testen konnte, stehen für mich zwei Dinge fest:

1. Die Mercedes S-Klasse ist zurzeit das beste Auto der Welt.

2. Jedoch gibt es wie beim griechischen Sagenhelden Achilles eine kleine Schwachstelle, welche aber enormes Schadenspotential besitzt – nicht nur für die S-Klasse, sondern für alle zukünftige Mercedes Modelle.

Mercedes S-Klasse – das beste Auto der Welt

Mehr durch Zufall als durch Planung hatte ich die Möglichkeit, an der Presse-Fahr-Veranstaltung (PFV) teilzunehmen, wofür ich aus der Rückbetrachtung sehr froh bin; denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur die eher mittelmäßige Online-Präsentation zur Vorstellung der S-Klasse sehen können, von welcher ich eher enttäuscht war.

Die PFV hingegen hat mich so von der S-Klasse begeistert, dass ich mich wirklich mit viel Nachdruck um einen frühen Testzeitpunkt für einen zweiwöchigen Test bemüht habe.

Meiner Meinung nach ist die S-Klasse das technisch beste und fortschrittlichste Fahrzeug, welches zurzeit bestellt werden kann.

Wenn ich nach einem Tag Fahrzeugtest bereits so eine Aussage treffe, dann muss ich mir meiner Sache schon sehr sicher gewesen sein.

Nachdem ich die S-Klasse zwei Wochen lang testen konnte, würde ich die Aussage sofort wieder treffen und noch ein „!“ hintenanstellen.

Tatsächlich empfehle ich euch an dieser Stelle, vielleicht meinen Artikel von damals zu lesen: Mercedes S-Klasse Fahreindruck – das beste Auto der Welt?! (mobilegeeks.de)

Die Punkte, die mich damals schon begeistert haben, haben mich in meinem Test absolut überzeugt.

Die größte Schwierigkeit ist es tatsächlich, meine Erfahrung mit der S-Klasse schriftlich zu transportieren. Es ist ein in sich perfekt aufeinander abgestimmtes Fahrzeug, welches man erlebt haben muss, um es verstehen zu können. Jene fünf Punkte, die mich am meisten bei der S-Klasse begeistert haben, sind folgende:

  • AR Head Up Display
  • Digitaler Tacho mit 3D-Display
  • Ambientebeleuchtung
  • Level 2 (+) Fahrassistenzsysteme
  • 10° Hinterachslenkung

Die ersten drei Punkte sind zwar leicht zu verstehen und zu beschreiben, aber den Eindruck zu vermitteln, welche sie auf den Fahrer haben, ist schwer.

Ich habe die Punkte auch mal ausführlich in meinem persönlichen Podcast und auch als Video dazu festgehalten. Wenn ihr ein wenig Zeit habt, könnt ihr euch das Ganze nochmal anschauen.

Fahrerlebnis Mercedes S-Klasse

Schaut man sich in der Oberklasse um, so fällt auf, dass jeder Hersteller das ein oder andere technische Highlight hat. Jedoch schafft es keiner, wie Mercedes mit der S-Klasse ein gesamtheitlich in sich so stimmiges Auto zu erschaffen, bei dem gefühlt alles stimmt.

Es ist vor allem die nahtlose Verknüpfung der verschiedenen Elemente, die einen so erstaunt hinterlassen. Das automatische Ausfahren der versenkbaren Türgriffe bei Annäherung, die Begrüßungsanimation der Digital Light LED-Scheinwerfer mit einer Auflösung von 2,6 Millionen Pixel, die „erwachen“ Animation der aktiven Ambientebeleuchtung in Kombination mit Sound, das nahezu lautlose Starten des Motors, die Kamera im digitalen Tacho mit 3D-Effekt, welche automatisch den Fahrer erkennt und das passende Profil lädt.

Bevor man überhaupt einen Gang eingelegt hat, fühlt man sich von einem extrem komfortablen Kokon umhüllt.

Das Ausparken und Rangieren geschieht dank der 10° Hinterachslenkung so gut, dass man sich am Anfang erst an die Wendigkeit des großen Autos gewöhnen muss, denn eigentlich steht die Größe der S-Klasse im direkten Widerspruch zum Wendekreis, der sonst nur von Kleinwagen erreicht wird. Nutzt man zum Ein- oder Ausparken den Parkassistenten, wird es noch unglaublicher. Denn dann kann die S-Klasse Vorder- und Hinterachse in die gleiche Richtung lenken und sich wie eine Krabbe seitlich bewegen.

Das Losfahren in dem S500 geschieht dank Dämmung so geräuschlos, dass von Passagieren öfter die Frage gekommen ist, ob wir in einem Elektroauto sitzen würden. Auch bei hohen Geschwindigkeiten dringen kaum Geräusche von außen in den Innenraum.

Aber nicht nur der Hörsinn der Passagiere wird nahezu entkoppelt, sondern auch die Gefühle. Dank Mehrkammer-Luftfederung, welche die Kamera in der Frontscheibe nutzt, um sich auf die vor einem liegenden Straßenverhältnisse zu konditionieren, erlebt man einen Fahrkomfort, wie ich ihn bisher höchstens von Rolls-Royce her kannte.

Der Fahrkomfort der S-Klasse ist an sich schon überragend. Er wird aber durch die Unterstützung von Technik nochmal weiter verstärkt.

Fahrassistenzsysteme Mercedes S-Klasse

Mercedes wird die S-Klasse Mitte/Ende 2021 auch mit dem sogenannten Drive Pilot anbieten. Dabei wird die S-Klasse in der Lage sein, auch eigenverantwortlich bestimmte Fahraufgaben zu übernehmen.

Bis es soweit ist, bietet die S-Klasse zurzeit „nur“ das bekannte Level 2 assistierte Fahren an. Jetzt gibt es Level 2 und Level 2+ – Systeme schon seit einigen Jahren auf dem Markt und bei diversen Herstellern; aber in all diesen Jahren habe ich noch kein System erlebt, welches so gut funktioniert, wie das in der S-Klasse.

War in der Vergangenheit der – technisch und ethisch durchaus kontrovers diskutierte – Maßstab aller Dinge der „Autopilot“ in den Modellen von Tesla, so hat sich meiner Meinung nach Mercedes mit der S-Klasse an die technologische Spitze gesetzt.

Das auffälligste Merkmal ist die adaptive Geschwindigkeitsanpassung, welche nicht nur automatisch die jeweilig erlaubte Geschwindigkeit übernimmt -ein alter Hut-, sondern die Geschwindigkeit dem Streckenverlauf so anpasst, dass fast jede Notwendigkeit entfällt, sich selbst um Gas oder Bremse kümmern zu müssen.

Auch die aktive Lenkunterstützung arbeitet so hervorragend, dass man auf einer langen Fahrt das Gefühl hat, man kann der S-Klasse das Fahren selbst überlassen und muss sich nur um die Beobachtung der Fahrmanöver kümmern. Gleichzeitig sorgen die Sensoren der S-Klasse dafür, dass man nicht vom Fahrgeschehen abschweift. Registriert das System, dass man die Hände nicht am Lenkrad hat oder mit der Aufmerksamkeit woanders ist, kommt der Hinweis unaufdringlich aber schnell. Hier findet die S-Klasse einen guten Kompromiss zwischen dem, was erlaubt ist hinterm Steuer und dem, was in der Realität schon mal vorkommen kann.

Hightech jeden Moment – Mercedes S-Klasse

Die S-Klasse fühlt sich aber nicht nur vom Fahrkomfort hervorragend an, sondern jeder Moment sieht auch noch aus futuristisch aus.

Die aktive Ambientebeleuchtung in der S-Klasse erschafft im Inneren auf Wunsch eine Lounge Atmosphäre, wie man sie noch nie in einem Auto erlebt hat. Dabei können auf Wunsch auch verschiedene mehrfarbige animierte Szenen wiedergegeben werden; ich habe mich oft dabei erwischt, dass ich diese stimmungsbezogen angepasst habe.

Falls ihr den Eindruck erleben wollt, empfehle ich euch mein einstündiges ASMR-Video, dort wechsle ich etwa alle 5 Minuten die Szene.

Wie eingangs beschrieben sind meine persönlichen zwei technischen Highlights das 3D-Fahrerdisplay und das Augmented-Reality-Head-up-Display (AR-HUD). Am einfachsten ist es, wenn ich erstmal die Erläuterungen von Mercedes hier heranziehe:

3D-Fahrer-Display: Der Eindruck räumlicher Tiefe entsteht, wenn die Augen eines Beobachters perspektivisch unterschiedliche Ansichten der Darstellung von Objekten auf dem Display wahrnehmen können. In dem neuartigen autostereoskopischen Display wird dies durch eine geschickte Kombination eines konventionellen LCD-Displays mit spezieller Pixelstruktur und einer steuerbaren LCD-Streifenmaske realisiert. Eine sogenannte Barriere-Maske befindet sich in wenigen Millimetern Abstand vor dem LCD. Dabei wird sie so exakt auf die Kopfposition des Beobachters adaptiert, dass dessen linkes und rechtes Auge unterschiedliche Pixel des LCD sehen können. Dadurch entsteht die gewünschte räumliche Tiefe. In das Display ist ein Stereokamerasystem integriert. Dieses übernimmt die exakte Bestimmung der Augenposition des Beobachters. Mit eigens von Mercedes-Benz entwickelten Methoden zur Abstandsadaptierung und einer extrem latenzarmen Auslegung des Systems genießt der Fahrer einen ungestörten großen Bewegungsbereich. Kontinuierlich wird im Fahrer-Display die Darstellung angepasst.

Augmented-Reality-Head-up-Display (AR-HUD): Zwei unterschiedliche Head-up-Displays (HUD) sind auf Wunsch erhältlich, darunter eine innovative AR-Variante mit einem besonders großen Bild. Der Öffnungswinkel des Displays beträgt 10° horizontal und 5° vertikal, das Bild liegt virtuell in einer Entfernung von 10 Metern. Diese Anzeigefläche entspricht einem Monitor mit einer Diagonalen von 77 Zoll. Auf dem AR-HUD werden viele Augmented-Reality-Inhalte für Fahrassistenzsysteme sowie Navigationsinformationen bereitgestellt. Sie verschmelzen für den Fahrer mit der Umgebung vor dem Fahrzeug und können damit zu einer weiteren Verringerung der Ablenkung beitragen. Die bildgebende Einheit (DMD, Digital Mirror Device von Texas Instruments) besteht aus einer hochauflösenden Matrix aus 1,3 Mio. Einzelspiegeln und einer hocheffizienten Lichtquelle. Diese Technologie ist von Beamern im Kino bekannt. In der S-Klasse wird sie erstmals bei Mercedes-Benz für die Erzeugung von Bildern im Head-up-Display eingesetzt.

Die Technologien lassen sich zwar beschreiben, aber der Eindruck, den Sie auf den Fahrer hinterlassen ist unbeschreiblich und kann nur selbst erfahren werden.

Es klingt schon fast pathetisch, aber ich werde den ersten Moment, als ich das 3D-Display und das AR-HUD in Aktion gesehen habe, wohl nie vergessen.

Es mag vielleicht für den einen oder anderen wie eine technische Spielerei klingen, ist es aber nicht; denn mit dem AR-Head Up Display wird es wahrscheinlich fast unmöglich sein, sich bei aktiver Navigation zu verfahren. Das 3D-Display im Tacho nutzt die Tiefenebenen zur besseren Strukturierung und verbessert dadurch die Anzeige deutlich – außerdem sieht es einfach unglaublich cool aus.

Mercedes S-Klasse MBUX 2.0 – Glanzstück oder Achillesferse?

Das 12,8 Zoll große OLED Zentral Display zeigt auf den ersten Blick, dass die Zeit von unzähligen Tastern und Knöpfen bei Mercedes wohl vorbei sein dürfte. Für die S-Klasse stellt Mercedes auch das erste große Update des eigenen MBUX-Systems vor.

Die Grundbedienung ist bei dem MBUX 2.0 weitestgehend gleichgeblieben.

Besonders großes Augenmerk hat man bei Mercedes auf die Personalisierbarkeit gelegt. Verschiedene Fahrerprofile in einem Auto ist an sich keine echte Neuerung; aber noch nie war es so einfach, neue Profile zu erstellen und mit einem Fahrzeug zu koppeln, wie mit dem neuen MBUX. Es können bis zu sieben Profile mit dem Fahrzeug gekoppelt sein, die jeweils die Einstellung von rund 800 verschiedenen Parametern speichern. Diese werden aber nicht nur lokal auf dem Fahrzeug verwaltet, sondern in der „Mercedes me“ Cloud gespeichert, so dass man seine persönlichen Einstellungen auch in andere Fahrzeuge mitnehmen kann.

Der Wechsel der Profile geht auf verschiedene Wegen. Es kann per Touch, PIN, automatischer Kameraerkennung oder Sprache gewechselt werden.

Ich bin gespannt zu sehen, wie gut die Übernahme mit der Cloud auf andere Fahrzeuge funktioniert, denn hier sehe ich großes Potential für die Zukunft, was andere Mobilitätskonzepte angeht.

Verbessert hat Mercedes auch den Sprachassistenten, welcher neben Witzen nun auch Trivialfragen beantworten oder ein Quiz mit den Passagieren spielen kann.

Die Grundfunktionen, die man von einem Infotainmentsystem erwartet, erfüllt das MBUX 2.0 hervorragend. So lässt sich nun auch Musik über Spotify und Tune In streamen – neben den bereits bekannten Tidal und Amazon Music Optionen.

Optional gibt es bei der Mercedes S-Klasse die Möglichkeit, im Fond zwei 11,6‘‘Displays und ein 7‘‘ Tablet zu nutzen.

Auch kann man im Fond sein Mercedes Profil nutzen. Die Bedienung an den Fond-Diplays oder dem Tablet hat auch problemlos funktioniert.

Leider ist die Anzahl der Apps, welche man mit dem MBUX nutzen kann, eher überschaubar. Man kann zwar digitales Fernsehen empfangen, aber keine YouTube Videos, geschweige denn Netflix wiedergeben. Man könnte zwar Firestick, Apple TV o.ä. per HDMI koppeln und wiedergeben aber um ehrlich zu sein: ich erwarte so etwas nativ!

Grundsätzlich soll auch das MBUX 2.0 OTA updatefähig sein. Ich hoffe, Mercedes schafft es, die OTA Fähigkeit mal endlich voll auszunutzen und so einen zusätzlichen Mehrwert im Laufe des Produktzyklus zu liefern – ähnlich wie es zum Beispiel Tesla tut. In Zukunft wird es nicht mehr reichen, nur gute Hardware zu bauen, sondern auch die Software muss Schritt halten.

Die Software Achillesferse ist zurzeit die einzige Schwachstelle, die ich bei der Mercedes S-Klasse sehe.

Fazit Mercedes S-Klasse nach 2 Wochen Test

Der Titel hat mein Fazit bereits vorweggenommen: Die Mercedes S-Klasse ist zurzeit das beste Auto der Welt.

Der Quantensprung, den Mercedes hier hingelegt hat, kam für mich persönlich unerwartet und hat mich deshalb umso mehr überrascht.

Die Mercedes S-Klasse ist der neue Goldstandard, an dem sich jedes kommende Auto messen lassen muss. Auch der Technologietransfer aus der S-Klasse auf andere Fahrzeuge aus dem Konzern dürfte spannend werden – gerade im Hinblick auf den vollelektrischen EQS, der bald vorstellt wird.