Microsoft Lumia 950 XL Test: Ein enttäuschendes Windows-Flaggschiff

Wir konnten uns das Microsoft Lumia 950 XL anschauen - das neue Flaggschiff aus Redmond. Leider ist es nicht das Spitzen-Smartphone, welches wir uns erhofft hatten - hier ist unser Test.
von Nicole am 6. Januar 2016
Pro
  • Cleanes Software-Design
  • Gute Kamera, die bei den manuellen Einstellungen überzeugt
  • Auswechselbarer Akku
  • Erweiterbarer Speicher
Kontra
  • Langweiliges Mittelklasse-Design
  • Unausgereifte Software
  • Zu wenig Apps
  • Zu teuer
  • Trotz NFC keine Bezahlmöglichkeit wie Apple Pay

Schon seit Ewigkeiten bin ich Windows Phone-Nutzer und war daher mächtig auf Microsofts neues Flaggschiff-Smartphone mit Windows 10 gespannt. Leider hat sich ein Jahr Vorfreude nach der Veröffentlichung von Lumia 950 und Lumia 950 XL innerhalb von Minuten in Enttäuschung verwandelt.

Eine Sache muss ich unbedingt noch vorausschicken, bevor wir hier tiefer in den Test des Lumia 950 XL eintauchen: Das kleinere Lumia 950 konnte ich bislang noch nicht testen. Laut geschätzter Kollegen habe ich mit dem XL wohl das schlechtere der beiden Modelle erwischt. Daher möchte ich mich mit zu harter Kritik an Windows 10 noch zurückhalten, bis ich das Lumia 950 ebenfalls antesten konnte.

 

Design und Verarbeitung

Wenn wir an die Lumia-Reihe denken, kommen uns top verarbeitete Smartphones in knalligen Farben in den Sinn. Das Lumia 920 ist uns noch bestens im Gedächtnis geblieben und nach dem Denim-Update hab ich mich wieder Hals über Kopf in Windows verliebt.

Seit die Geräte unter dem Namen “Microsoft” laufen, hat die Verarbeitungsqualität nachgelassen. Beim Lumia 950 XL ist nichts davon übrig geblieben. Unternehmen wie Meizu und Oppo stellen das Lumia 950 XL mit ihren gut verarbeiteten, schlanken Smartphones locker in den Schatten. Es knarzt hörbar und Sound, Design und Haptik wirken billig.

Die größte Veränderung für mich bei diesem Handset: Das Nachlassen bei der Verarbeitungsqualität.

Etwa 660 Euro werden fällig für das Lumia 950 XL – wenn es sich aber nach einem Premium-Gerät anfühlen soll, müsst ihr noch ein bisschen was drauflegen und ein Case von einem Dritthersteller dazu kaufen, von denen es glücklicherweise einige gibt. Nochmal abschließend: Das 950 XL wirkt austauschbar und einfallslos, die Verarbeitungsqualität ist eher Mittelklasse.

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Hardware

Das Lumia 950 XL setzt grundsätzlich auf Bauteile, mit denen wir es in dieser Hinsicht in die Flaggschiff-Kategorie einsortieren können. Die Performance hat unsere Erwartungen aber nicht erfüllt. Unter der Haube finden wir einen Qualcomm Snapdragon 810, dazu gesellen sich 3 GB RAM.

Das Smartphone bietet 32 GB internen Speicher, 29 GB davon stehen euch out of the Box zur Verfügung. Einen microSD-Slot gibt es zudem auch, mit dem ihr den Speicherplatz des Lumia 950 XL noch einmal um bis zu 200 GB erweitern könnt. Der Slot für die Speicherkarte befindet sich unter der abnehmbaren Rückseite, ebenso wie der auswechselbare Akku, der uns eine Kapazität von 3.340 mAh zu bieten hat. Dabei ist das Device 8,1 mm dick und wiegt 165 Gramm. Hier die Spezifikationen im Überblick:

  • Display: 5,7 Zoll QuadHD mit einer Auflösung von 2560 x 1.440 Pixeln (518 PPI), AMOLED, geschützt durch Gorilla Glass 4, Glance Screen
  • Prozessor: Qualcomm Snapdragon 810 Octa-Core-SoC
  • Betriebssystem: Windows 10 Mobile
  • Speicher: 3 Gigabyte RAM
  • 32 Gigabyte interner Flashspeicher, erweiterbar um bis zu 200 GB
  • Kamera: 20 Megapixel PureView mit optischer Bildstabilisierung und dreifachem LED-Blitz
  • Frontkamera: 5 Megapixel Weitwinkelkamera
  • Batterie: 3340 mAh Akku (wechselbar)
  • Abmessungen: 151.9 x 78.4 x 9.9 mm
  • Liquid-Cooling-Technologie
  • Anschlüsse: USB-C Anschluss
  • sonstiges: Iris-Scanner für Windows Hello, Quick-Charge, Wireless Charging, Bedienung mit Handschuhen, Cover wechselbar, Barometer
  • Farbe: Weiß oder Schwarz

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Display

Das Display macht einen alles andere als billigen Eindruck: Wir haben es hier mit einem 5,7 Zoll großen Quad HD-Display mit einer 1440p-Auflösung zu tun, geschützt durch Gorilla Glass 4. Dank ClearBlack-Technologie könnt ihr das Panel auch im Sonnenlicht ordentlich ablesen und ein Blick auf den Windows-Screen verrät nicht nur, dass ihr dort massig Informationen unterbringen könnt, sondern auch, dass Microsoft uns knackige Farben bietet. Wie von OLED-Panels gewohnt, bekommen wir auch beim Lumia 950 XL sowohl gesättigte Farben als auch tiefe Schwarztöne zu sehen.

Von Windows 10 kennen wir schon, dass man die Helligkeit in Abstufungen von je 25 Prozent regeln kann. Während ihr bei der Desktop-Version dank Shortcuts aber noch filigraner die Helligkeit einstellen könnt, scheint es diese Möglichkeit bei der Mobile-Version schlicht nicht zu geben.

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Kamera

Die Kamera präsentiert sich gewohnt hochklassig, wenngleich ich das Gefühl habe, dass die Low-Light-Qualitäten nicht ganz mit denen des Lumia 920 mithalten können. Im Lumia 950 XL befindet sich eine 20 Megapixel PureView-Kamera mit optischer Bildstabilisierung und einem neuen Triple-LED-Blitz. Wie alle Lumia-Geräte zuvor, besitzt auch das 950 XL wieder einen dedizierten Kamera-Button. Finden wir gut und würden wir uns von anderen Herstellern auch wünschen.

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Bei den manuellen Einstellungen hat Microsoft es bei dem belassen, was Nokia 2013 eingeführt hat. Ihr könnt ISO bis zu einem Wert von maximal 3200 einstellen, die Belichtungszeit maximal auf vier Sekunden und jederzeit on the fly fokussieren. Wenn ihr geübtere Fotografen seid und Erfahrung mit den manuellen Einstellungen habt, werdet ihr euch auf dem Lumia 950 XL schnell heimisch fühlen. Mit der sehr leistungsfähigen Kamera sollten euch herausragende Fotos gelingen, die ihr dann entweder im jpg- oder DNG-Format (Digital Negative) abspeichern könnt.

Wollt ihr allerdings lieber hier und da mal einfach nur einen schnellen Schnappschuss machen, gibt es da draußen bessere Optionen. Uns ist aufgefallen, dass die Ergebnisse bei den Auto-Einstellungen nicht ganz mit denen der Konkurrenz mithalten können, was auch – oder gerade – für den Low-Light-Bereich gilt. Die Bilder sind meistens ein kleines bisschen verwackelt, selbst wenn ich zum Fotografieren meine Hand auf dem Tisch abgelegt habe.

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Software

Windows 10 stellt zweifellos ein substanzielles Update für die Windows Phone-Plattform dar und sowohl Continuum als auch die Universal Apps lassen uns in Sachen Windows 10 Mobile hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Auch, wenn man Windows auf einem Smartphone schon länger nicht mehr genutzt hat und man daher erwarten könnte, dass man sich nicht direkt zurechtfindet, stellt man hier schnell fest, dass man sich doch direkt wieder ein wenig heimisch fühlt. Stellt es euch so vor, als kommt ihr nach Hause und merkt dann, dass irgendjemand das ein oder andere Möbelstück entfernt oder umgestellt hat.

Mag sein, dass diese kleinen Veränderungen für den ein oder anderen nicht gerade zum Vorteil geraten sind.Wenn es läuft, präsentiert sich Windows 10 als glattes, sauberes System – läuft es hingegen nicht, werden die Dinge unschön. Ich habe eine Weile gebraucht, mich daran zu gewöhnen, dass tolle Funktionen wie das Double-Tap-Feature zum Aufwecken des Displays verschwunden sind, während weniger nützliche geblieben sind. Es ist eine merkwürdige Mischung aus alten Funktionen und neuem Design entstanden. Am Beispiel des People-Hubs kann man das ganz gut erklären: Der Hub kommt nun mit runden Icons! Das komplette Betriebssystem setzt auf quadratische Kacheln und die runden Icons stechen dort unangenehm hervor. Gute Absichten und schlechtes Design – so könnte man diese Windows 10 Mobile-Version wohl am ehesten charakterisieren.

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Nichtsdestotrotz: Nachdem ich eine Weile kein mobiles Windows-Device genutzt habe, fühlt es sich grundsätzlich gut an, mit dem Lumia 950 XL wieder auf dieses System zurückzukehren. Ich liebe Windows Phone und ich kann durchaus nachvollziehen, wieso man in der Community versucht, die Verfehlungen mit Sätzen wie “Ist ja noch eine Beta” zu entschuldigen. Aber sorry, Leute – wir haben es hier nicht mit einer Entwickler-Version oder sowas zu tun, sondern mit einem Serien-Produkt, welches an ganz normale Kunden verkauft wird.

Definitiv hat Microsoft hier einen Fehler gemacht. Amazon hat die neuen Geräte kurz vor Weihnachten sogar aus dem Programm genommen. So manches Zipperlein verzeiht man einer neuen UI, solange das System flott arbeitet und intuitiv zu bedienen ist. Aber wenn es selbst beim Starten von Apps immer wieder Probleme und Verzögerungen gibt, dann darf man darüber nicht hinwegsehen.

Microsoft wollte mit der neuen Hardware unbedingt das Weihnachtsgeschäft mitnehmen und jetzt stellt sich heraus, dass das die falsche Entscheidung war und man ein halbgares Produkt veröffentlicht hat. Aber auch, wenn noch nicht alles wirklich butterweich läuft, ist natürlich nicht alles schlecht: Das virtuelle Keyboard (jetzt mit Cursor) ist wirklich klasse geworden. Der Email-Client mag nicht mit Prioritäten bei den Mails zurechtkommen, präsentiert sich von der UI aber besser als die Konkurrenz von Google. Auch Cortana wird immer besser – vielleicht erinnert ihr euch ja noch an meine Liebesaffäre mit ihr, die in New York ihren Anfang nahm:

Viele Apps von Drittanbietern sind leider immer noch nicht oder nur schlecht umgesetzt für Windows erhältlich. Immer wieder hört man von Entwicklern, die die Unterstützung für ihre Windows-Apps einstellen. Andererseits erwarten wir nagelneue Facebook-, Instagram- und Messenger-Apps für Windows 10, bei denen es sich dann um Universal Apps handelt, die vom Desktop bis zum kleinsten Smartphone auf allen Geräten funktionieren.

110 Millionen Windows 10-Devices sind bereits auf dem Markt und der Grundstein ist dafür gelegt worden, dass die entwickelten Apps auf all diesen Windows-Geräten laufen werden. Aktuell findet man im Windows Store leider noch nicht viele kompatible Apps. Es ist eine sehr unschöne Phase des Umbruchs für Microsoft und immer wieder hören wir von Windows-Anhängern, dass man dem Unternehmen aus Redmond noch ein wenig Zeit geben muss. Wir drücken die Daumen.

Wo Microsoft wieder punkten kann: Bei den Anwendungen zum produktiven Arbeiten! Apps wie Word, PowerPoint und Excel überzeugen auch auf dem Lumia 950 XL und sind sogar noch besser geworden. Das vielleicht futuristischste Feature auf dem Smartphone ist Windows Hello. Per Iris-Scan durch den Infrarot-Sensor kann das Handset entsperrt werden. Das ist eigentlich recht cool, ist allerdings nicht so flott wie das Finger-Auflegen bei einem Fingerabdrucksensor.

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Performance

Das Lumia 950 XL kann mit einem sehr ordentlichen Spec Sheet aufwarten, die Leistung des Geräts bleibt aber dann doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Während Windows auf Budget-Geräten stets erstaunlich flüssig lief, ist beim Testen des Lumia 950 XL aufgefallen, dass wir bei der Kombination aus Snapdragon 810 und 3 GB RAM wechselhafte Ergebnisse sehen.

Beim Nachbearbeiten und Abspeichern von Bildern ist das 950 XL sagenhaft schnell, auch bei RAW-Dateien und den damit einhergehenden Dateigrößen. Wir haben aber auch ein paar Pannen bei der UI gesehen (unter anderem auch in unserem Video), sollten daraus aber nun keine zu große Sache machen. Von gelegentlichen Haklern abgesehen läuft der Edge-Browser recht ordentlich, wenngleich er auch nicht sonderlich schnell ist. Webseiten werden langsam gerendert und Apps refreshen so unnatürlich oft, dass das die Geschwindigkeit des Geräts zusätzlich drückt.

Besonders Gamer werden nicht sonderlich beeindruckt sein von der Performance: Beim ersten Mal brauchte es fast fünf Minuten, bis Asphalt 8 geladen war, selbst danach dauerte es immerhin noch zwei Minuten für jedes neue Laden. Das Spiel selbst läuft ordentlich, aber die langen Ladezeiten hinterlassen einen eher mittelprächtigen Eindruck. Bei Sunspider kam ein Wert von 385 heraus, beim Benchmark OSII 1502. Im Vergleich seht ihr lediglich den AnTuTu-Wert, der mit 28970 Punkten ebenfalls nicht sonderlich hoch ausfällt.

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Sound

Bei einer Größe von 5,7 Zoll und einer Dicke von 8,1 mm erwartet man auch in Sachen Sound ein bisschen mehr als von kleineren Devices. Das Lumia 950 XL ist auch durchaus laut, der Sound klingt aber blechern und hallt. Nichtsdestotrotz könnt ihr locker mal ein, zwei Songs über Lautsprecher hören bzw. Freunde mithören lassen und darum geht es ja im Grunde bei Speakern an einem Smartphone. Wunderdinge braucht ihr in Sachen Sound jedenfalls nicht erwarten. Auch nicht, wenn ihr auf dem Lumia 950 XL Musik über Kopfhörer genießen wollt.

Preis

Wer weit über 600 Euro für sein Smartphone verlangt, der platziert das Gerät fraglos im High-End-Segment. Das Lumia 950 XL, bei dem ihr sogar oberhalb von 650 Euro liegt, wird diesem Preis allein schon durch die mäßige Verarbeitungsqualität nicht gerecht. Auch, wenn Microsoft uns Features wie einen auswechselbaren Akku liefert, den wir bei der Konkurrenz nicht mehr oft sehen, würden wir ehrlich gesagt deswegen keinen deutlich höheren Preis bezahlen wollen als für vergleichbare Handsets.

Das Fazit zum Lumia 950 XL

Ich mag Windows Phone und Windows 10 stößt die Tür zu einer tollen, neuen Welt auf. Ich freue mich jetzt schon auf den Tag, an dem wir von Microsoft ein Handset sehen, welches von der Hardware an glorreiche Nokia-Tage erinnert. Ich bin als Windows-Fan auch gewillt, Microsoft eine Menge Dinge zu vergeben, aber aktuell stoße selbst ich an meine Grenzen.

Ein Problem ist der Windows Store, dem immer noch eine Vielzahl von Apps fehlen und in dem selbst die verfügbaren Apps nicht immer ans Laufen zu kriegen sind. Es gibt auch nichts Vergleichbares wie Android Pay oder Apple Pay, obwohl das Lumia 950 XL NFC an Bord hat. Für den einen oder anderen mögen solche Dinge ausschlaggebend sein.

Auch die Akkulaufzeit kann nicht überzeugen: Ich komme zwar meistens über den Tag, aber auch das bloße Standby frisst ordentlich Akku, so dass einem plötzlich 20 Prozent fehlen, ohne dass man wüsste, wieso.

Klar – vielleicht kann man diese Dinge per Update verbessern, aber das ändert nichts daran, dass dieses mein Hauptärgernis darstellt: Wir haben es eben nicht mit einem Beta-Produkt oder einer Developer Edition zu tun, sondern einem Gerät, welches so im Laden verkauft wird. Mich wundert es ehrlich gesagt nicht, dass Amazon Deutschland das Smartphone aus dem Verkauf genommen hat. Das 950 XL fühlt sich einfach noch nicht fertig an. Das OS wirkt ebenfalls unvollendet und steckt voller kleinerer Fehler.

Bei früheren Generationen war die Kamera stets State of the Art – bei den aktuell verfügbaren starken Kamera-Smartphones enttäuscht es uns, dass Microsoft nicht mehr herausstechen kann. Windows-Fangirl hin oder her: Ich bin ziemlich aufgebracht, dass das Lumia 950 XL das Gerät sein soll, auf das ich so lange gewartet habe.

Bewertung
Design / 5
Kamera / 7
Sound / 8
Performance / 7
Akkulaufzeit / 7
Software / 6
Preis / 6
Editor's Choice / 8
Hardware / 7
Display / 9
Microsoft Lumia 950 XL

Windows 10 Mobile ist vielversprechend - nicht jedoch auf dem Lumia 950 XL. Die Software ist noch fehlerhaft und die Akkulaufzeit oft unvorhersehbar. Selbst, wenn manche Unzulänglichkeit per Update bereinigt werden kann, bleibt immer noch das einfallslose Design und die mittelprächtige Verarbeitungsqualität, die das Lumia 950 XL in der Hand knarzen lässt.
Ich liebe Windows Phone und hab so lange auf ein neues Handset gewartet, dass es mir nichts ausmacht, noch ein wenig länger zu warten.

7.0
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