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Porsche 911 Wet Mode – Mit Mikrofonen gegen die Nässe

Porsche 911 mit 450 PS und eine nasse Rennstrecke war bisher keine wirklich optimale Kombination. Dank dem neuen Wet-Mode ist der neue Porsche aber deutlich besser handelbar auf nassen Straßen und es kommt sogar Fahrfreude auf. Wie das funktioniert, erklären wir euch in diesem Artikel.

von Mark Kreuzer am 7. Februar 2019

Mit dem „Porsche Wet Mode“ kommt im neuen Porsche 911 ein Assistenzsystem serienmäßig zum Einsatz, welches das Fahrverhalten auf nassen Straßen erheblich verbessert. Das System besteht aus einer Nässe-Erkennung und einer damit korrespondierenden Abstimmung der Regelsysteme zur Steigerung der Fahrstabilität auf nassen Fahrbahnen.

Wir hatten die Gelegenheit, das neue System bei der Vorstellung des neuen Porsche 911 in Valencia zu testen. Im Folgenden werde ich euch die Funktionsweise des Systems erklären und euch meine Eindrücke beschreiben.

Vorab sei schon mal verraten: ich habe zwischendurch kurzfristig an den gesetzten, bzw. den mir bekannten Grenzen der (Fahr-)Physik gezweifelt.

Bild von Reifen mit Sensor im Radkasten und Porsche Wet Mode Warnmeldung

Funktionsweise Porsche Wet Mode

Über akustische Sensoren, die direkt hinter den Vorderrädern sitzen, wird aufgewirbeltes Wasser erkannt. Stark vereinfacht kann man sagen, dass Mikrofone das Geräusch erkennen, das Reifen auf nasser Fahrbahn machen.

Anders als der Regensensor für die Scheibenwischer in der Fensterscheibe, welcher nur optisch erkennt wenn es gerade regnet, ist das System von Porsche auch dann in der Lage, Wasser auf der Fahrbahn zu erkennen, wenn der Regen schon längst aufgehört hat.

Diagramm der Funktionsweise der drei Regelstufen des Porsche Wet Mode

Wie auf der Grafik zu erkennen, läuft das Assistenzsystem immer im Hintergrund mit und analysiert den Fahrbahnzustand. Sollte Wasser erkannt werden, wird bereits in der ersten Stufe das PSM (Porsche Stability Management) und das PTM (Porsche Tracktion Management) vorkonditioniert. Das heißt, jetzt wo das Auto weiß, dass die Straße nass ist, greifen beide Systeme früher und sensibler ein, als sie es bei trockener Fahrbahn tun würden.

In der unmittelbar darauffolgenden Stufe 2 bekommt der Fahrer einen Hinweis im Display, welcher empfiehlt, in den Wet-Mode zu wechseln. Dies kann er entweder über die der Tastenleiste in der Mittelkonsole machen oder über das optionale Drive-Mode-Drehrad im Lenkrad. Entscheidet er sich für die Aktivierung, wofür es in meinen Augen eigentlich kaum einen Grund gibt, das nicht zu tun, geht das System in Stufe 3.

In der Stufe 3 führt der Wagen dann eine Vielzahl von Anpassungen durch. Es passen sich unter anderem das PSM, das PTM, die adaptive Aerodynamik, das optionale Porsche Torque Vectoring (PTV) Plus und das Ansprechverhalten des Antriebs an, um eine größtmögliche Fahrstabilität zu gewährleisten.

Die Gaspedal-Kennlinie wird flacher, der variable Heckspoiler fährt ab 90 km/h in die Performance-Position, die Kühlluftklappen öffnen, die Funktion PSM Off oder der Sport-Modus können nicht mehr aktiviert werden. Der Drehmomentaufbau des Motors wird sanfter, die Schaltstrategie des neuen Achtgang-PDK-Getriebes passt sich automatisch daran an. Beim Allradmodell 911 Carrera 4S fließt grundsätzlich mehr Antriebskraft zur Vorderachse als im Normalmodus, um den Stabilisierungseffekt zu verstärken. Reduzierte Sperrgrade der elektronisch geregelten Hinterachs-Quersperre ergänzen die Nässeabstimmung des 911.

August Achleinter, der der langjährige Baureihenleiter bei Porsche für den 911 ist, beschreibt den Wet Mode mit folgenden Worten:

„Der Wet Mode wurde entwickelt, um den Fahrer bei Nässe nachhaltig zu unterstützen. Er begrenzt dabei weder die maximale Leistung des Motors noch schränkt er die Höchstgeschwindigkeit ein und sollte daher auch nicht als Versicherung für zu schnelles Fahren bei starker Fahrbahn-Nässe verstanden werden, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als Assistenzsystem“

 

So fährt sich der Posche 911 im Wet-Mode

Um den Wet-Mode testen zu können, hat Porsche auf einer Kartstrecke Rasensprenger aufgesetzt, die in mehreren Kurven konstant für eine schön nasse Fahrbahn gesorgt haben. Nach einem kurzen Briefing – PSM darf nicht aufgeschaltet werden, Fahrerwechsel nur in der Boxengasse – durften wir auf die Strecke. Der Plan war, drei Runden im Wet-Mode zu fahren, dann drei Runden in Modus Sport-Plus und dann nach eigenem Gutdünken zwischen den Modi zu wechseln.

Ich gebe ganz ehrlich zu: Der Gedanke, auf einer eher engen und nassen Kartbahn, die fast durchgängig hohe Reifenstapel links und rechts hat, mit einem brandneuen 450 PS starken Porsche 911 zu fahren, um das Verhalten im Grenzbereich zu erfahren, hat mich schon ein wenig nervös gemacht. Auf der anderen Seite würde Porsche mir wohl kaum den Wagen in die Hand drücken und sagen „Mach mal“, wenn Sie nicht fest überzeugt von der Qualität ihres neuen Assistenz Systems wären. Aber ein klein wenig Sorge bleibt halt trotzdem, denn vielleicht kennt Porsche mich einfach noch nicht gut genug …

Porsche 911 auf nasser Fahrbahn

Nasse Rennstrecke: Porsche Wet-Mode AN

Zeit, die Bedenken über Bord zu werfen und den Motor anzuschalten. Den Wet-Modus direkt am Lenkrad eingestellt und rauf auf die Strecke. Noch bevor ich die erste Runde vollendet habe, merke ich, wie mein Vertrauen in das System auf 100% gestiegen ist. Besonders das etwas sensiblere Gaspedal macht sich schnell positiv bemerkbar. Selbst, wenn man im Ausgang der nassen Kurve einfach mal spaßeshalber Vollgas gibt, beschleunigt der zwar Wagen zügig heraus, macht aber keinerlei Anstalten, die Kontrolle zu verlieren.

Es ist schon fast ein wenig beängstigend, denn normalerweise sollte so etwas bei einem 450 PS Sportwagen nicht möglich sein. Auch, wenn man im Wet-Mode versucht, den Wagen ein wenig aus der Reserve zu locken, gelingt das einem kaum. Falls das PSM dann doch mal eingreift, macht es das auf eine fast schon behutsame sanfte Art und Weise.

Tatsächlich hat man das Gefühl, dass der Porsche auf Schienen durch die nassen Kurven fährt. Das Vertrauen in den Wagen steigt ungemein.

Nasse Rennstrecke: Porsche 911 im Sport Plus Mode

Nach zwei Runden im Wet-Mode wollte ich dann doch wissen, wie sich das Ganze im Sport Plus Modus anfühlt. Also kurz am Drive-Mode-Schalter gedreht und den Modus gewechselt. Der Wagen schaltet sofort zurück und wird merklich lauter. Die Nervosität steigt bei mir hinter dem Lenkrad gleich mal mit. Für groß Nachdenken bleibt keine Zeit und Anhalten auf einer Rennstrecke ist auch keine Option.

Die erste Kurve aus Respekt noch ein wenig konservativ angefahren und nur leichten Regeleingriff erlebt und danach mit jeder Kurve die Geschwindigkeit ein wenig erhöht. Der gefühlte Unterschied ist enorm. Damit man nicht die Kontrolle verliert, muss das PSM deutlich kräftiger einregeln, was dazu führt, dass ich hinter dem Steuer von links nach rechts geworfen werde. Es ist nicht so, als wäre der Wagen nicht kontrollierbar, aber wenn man nicht vorsichtig mit seinem Gasfuß ist, will der Wagen weg und das Regelsystem greift erst etwas später, dafür aber deutlich restriktiver ein.

Das Überraschendste für mich ist, dass man im Sport Plus Modus wegen der Vielzahl und der Stärke der Eingriffe des PSM deutlich langsamer unterwegs ist als im Wet-Mode.

Fazit Porsche Wet-Mode im 911

Eingangs schrieb ich, dass der Porsche Wet-Mode mich ein wenig an den Gesetzen der Physik zweifeln lässt. Aquaplaning bei nicht angepasster Geschwindigkeit kann er natürlich nicht verhindern. Aber wer die Straßenverhältnisse und jetzt auch noch den zusätzlichen Hinweis ignoriert und seine Fahrweise nicht an das Wetter anpasst, sollte sowieso mal seine Fahrtüchtigkeit überprüfen lassen.

Das Fahrverhalten im Wet-Mode ist deutlich angenehmer. Physikalisch betrachtet ist der Grenzbereich des Autos wahrscheinlich derselbe wie vorher, aber durch die sanftere Regelung der verschiedenen Systeme und Komponenten schießt man nicht unbeabsichtigt über diesen heraus.

In den Presseunterlagen konnte ich lesen, dass das System schon in der Mitte der 90er Jahren bei dem von der EU geförderten Forschungsprojekt Prometheus (PROgraMme for a European Traffic of Highest Efficiency and Unprecedented Safety) bis hin zur Funktionsreife entwickelt wurde. Ehrlich gesagt ist mir schleierhaft, wieso so lange gewartet wurde, bis so ein System in Serie in den Autos verbaut wurde.

Einen kleinen Hinweis dazu gab es während der Gespräche rund um das Event. So beschrieb mir ein Ingenieur von Porsche, dass um die Zuverlässigkeit der Nässe-Erkennung des Systems erst einiges an Daten gesammelt werden musste. Die auf den Testfahrten gesammelte Daten wurden dann mit der Hilfe von Machine Learning (nein ich werde nicht KI sagen) so lange ausgewertet und interpretiert, bis man ein robustes System hat, das zuverlässig die Nässe erkennt.

Während meines kurzen Tests konnte ich die Erkennung der Nässe mit der dazu gehörigen Meldung leider nicht erleben. Wie ihr euch vorstellen könnt, werde ich mich aber intensiv um ein Testfahrzeug bemühen.

Ich hoffe der Bericht war aufschlussreich für euch, es ist schwer, etwas, was man gefühlt haben muss, in Worte zu verpacken.

Falls ihr wollt, könnt ihr euch meine komplette Fahrt mit dem Wet-Mode komplett ungekürzt im Video anschauen.