Warum China bei autonomen Nutzfahrzeugen (noch) keine führende Rolle spielen wird

Wenn es um autonome Autos und Nutzfahrzeuge geht, richten sich viele Blicke bereits nach China. Doch auf absehbare Zeit wird das Land nur wenig Ambitionen haben, auf menschliche Fahrer im Straßengüterverkehr zu verzichten. Viele Hersteller entwickeln die Technologie deshalb an anderen Standorten.

von Nicole am 20. November 2017

Im Moment hat China die Chance, die Quasi-Standards für autonome Fahrzeuge zu setzen. Für die Automobilindustrie ist China der weltweit größte Absatzmarkt und die Regierung kann dort problemlos die Gesetzgebung diktieren – somit könnten Chinas Entscheidungen den Markt für selbstfahrende Autos stark beeinflussen.

Eine der größten Hürden für diese Technologie ist die aktuelle Rechtslage. Der Audi A8 ist eines der ersten autonomen Fahrzeuge der Stufe 3, die Funktionen sind jedoch in den meisten Regionen deaktiviert. In vielen Ländern gibt es für diese neuartige Technologie nämlich noch keine Gesetze.

Wenn selbstfahrende Autos für die breite Masse zugänglich werden sollen, müssen Unternehmen den ersten Schritt machen. In Großbritannien werden bereits ab 2018 die ersten halbautonomen LKW-Konvoys auf den Straßen fahren. Da sich mithilfe dieser Technologie zahlreiche Kosten reduzieren ließen, gewinnt sie für Unternehmen immer mehr an Relevanz.

Der „China Association of Automobile Manufacturers“ zufolge sind die Verkaufszahlen für kommerziell genutzte Fahrzeuge im ersten Quartal 2017 um ganze 22,9 Prozent gestiegen.

Meiner Meinung nach könnte dies der perfekte Moment sein, um die offensichtlich vorhandene Nachfrage auf dem Automobilmarkt mit einer aufstrebenden Technologie zu kombinieren. Auf dieser Erfolgswelle könnten wir anschließend in Richtung einer Welt mit ausschließlich autonomen Fahrzeugen reiten.

Zwischen Fiktion und Realität

Wenn man jedoch der Realität ins Auge blickt, erscheint die Lage vielleicht doch nicht so perfekt. Die Regierung Chinas ist korrupt und sie bevorzugt hauptsächlich chinesische Unternehmen. Außerdem besteht die Chance, dass in Folge einer voreiligen Entscheidung der Markteintritt zu früh stattfinden könnte.

Für Nobelhersteller stellt China trotz dieser Probleme eine große Priorität dar. Ich wollte deshalb unbedingt mehr über Daimlers Pläne hinsichtlich dieses Themas erfahren. Christian Ballarin, Head of Development and Operations bei Daimler, ist beispielsweise nicht der Meinung, dass China in dieser Hinsicht eine führende Rolle spielen wird.

Was autonome Fahrzeuge für Unternehmen so attraktiv macht, ist die Tatsache, dass sie keine Fahrer mehr beschäftigen müssten. Die Löhne in China sind aber nach wie vor viel zu niedrig, als dass selbstfahrende Autos für Unternehmen eine wirkliche Kostensenkung bedeuten würden.

Aus diesem Grund werden wohl zunächst nur gut entwickelte Industrieländer diese Technologie flächendeckend zum Einsatz bringen. Dort sind außerdem die Straßen weniger befahren und die Infrastruktur ist bereits ausgereifter. Wenn ihr schon einmal auf den Straßen Chinas unterwegs gewesen seid, werdet ihr wissen, dass der Verkehr in Europa wesentlich überschaubarer ist.

Genau deshalb betreibt Daimler seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit lieber zuhause. Zum einen natürlich in Stuttgart, zum anderen aber auch in Sunnyvale. Kalifornien ist immer noch ein globaler Hotspot für innovative Startup-Unternehmen und auch die Automobilbranche möchte von diesem Standort profitieren. Interessanterweise arbeitet Daimler dort auch mit chinesischen Startups zusammen, das R&D-Center liegt aber trotzdem nicht in China, sondern in Kalifornien. Wie bei den meisten Startups lässt sich ein Großteil der talentierten Unternehmer, mit denen ein Autohersteller zusammenarbeiten möchte, nämlich dort nieder.

Technologie-Hotspot: Singapur?

Richten wir unseren Blick wieder in Richtung Asien. Dort gibt es neben China noch ein weiteres Land, das in dieser Hinsicht zukünftig eine wichtige Rolle spielen könnte: Singapur.

Die Regierung dort ist äußerst progressiv eingestellt und auch was die Automobilindustrie angeht handelt man dort sehr vorausschauend. Bis zum Jahr 2020 sollen dort nämlich keine neuen Autos zugelassen werden. Wenn es um Branchenförderung und die damit verbundene Rechtslage geht, hat das Land zudem eine sehr gelassene Einstellung – ganz nach dem Motto: „Warten wir erst einmal ab und sehen, was passiert“. Die Regierung greift erst dann ein, wenn es zu Problemen kommt.

Leider ist Singapur für Großunternehmen nicht sonderlich attraktiv, es stellt nämlich einen sehr kleinen Markt dar und weil es dort in naher Zukunft noch weniger Autos geben soll, wird Singapur für die Automobilbranche wohl noch stärker an Bedeutung verlieren. Das Land wäre wohl höchstens für Pilotprojekte interessant.

Verglichen mit anderen Zonen für autonome Fahrzeuge, beispielsweise in Arizona, hat der Markt in Südostasien rund um Singapur großes Potential, auch wenn die USA im Moment noch der ausgereiftere Markt sind. Für Daimler ist Singapur außerdem zu weit von den R&D-Zentren in Kalifornien und Stattgart entfernt.

Die Automobilbranche konnte in den vergangenen Jahren den Zeitaufwand für die Entwicklung neuer Fahrzeuge stark verkürzen und man reagiert dort mittlerweile schneller auf aktuelle Trends wie beispielsweise eMobility. Aber in Sachen Innovation kann sie auf keinen Fall mit der rasanten Veränderung dieser und anderer Branchen mithalten.

Auch die Unternehmensbeziehungen zwischen Apple und Foxconn haben sich im Zuge dieser Entwicklung stark verändert und die Tatsache, dass der OEM Schwierigkeiten hat, unabhängiger zu werden, ist ein Zeichen dafür, dass das Ende einer Ära bevorsteht.

Dass sich die Autobranche hinsichtlich dieses Themas auf den westlichen Markt konzentriert, mag zwar im Moment funktionieren. Aber da sich die Dynamik in Asien schnell ändern kann, hoffe ich, dass sich der Fokus der Autohersteller bald verschieben wird.