S-Klasse mit Sternschnuppe die das Mercedes Logo hat

Mercedes S-Klasse – vom Fixstern zur Sternschnuppe?

Die S-Klasse war einmal der hellste Stern unter den Luxusautos. Mit der neusten Generation könnte es aber sein, dass der Stern zu einer Sternschnuppe wird und verglüht.

von Mark Kreuzer am 7. September 2020

Mercedes hat sein neues Flaggschiff, die S-Klasse, vorgestellt. In der Vergangenheit war die S-Klasse immer eine Art Fixstern was Sicherheit, Technologie und Innovation angeht. Nach der Vorstellung der aktuellen Generation der S-Klasse beschleicht einen die Sorge, dass der Fixstern sich zu einer Sternschnuppe entwickelt.

Die S-Klasse ist sicherlich eines der wichtigsten Modelle von Mercedes und dementsprechend hat man auch für die neue Generation alles verbaut, was nur geht. Daher ist es schwer, sich so einem Auto zu nähern. Jeder Bereich wurde bis auf das Kleinste bedacht und wird auf der Media-Seite von Mercedes auf das Ausführlichste beschrieben. Die glücklichen Journalisten, die bei der Premiere vor Ort eingeladen waren, haben eine 77 Seiten lange Presseinfo ausgehändigt bekommen.

Nachdem ich mich durch die Vielzahl an Informationen durchgelesen habe, mache ich es mir ganz einfach und kopiere euch die nach Angaben von Mercedes 10 wichtigsten Neuerungen hier ein:

10 Neuerungen S-Klasse

MBUX

In der neuen S-Klasse geht die zweite Generation von MBUX (Mercedes-Benz User Experience) an den Start. Wieder ein Meilenstein als Schnittstelle zwischen Fahrer, Passagieren und Fahrzeug: Bis zu fünf Bildschirme, zum Teil mit OLED-Technologie, sind an Bord. Das neue 3D-Fahrer-Display ermöglicht auf Knopfdruck erstmals eine räumliche Szenenwahrnehmung mit echter Tiefenwirkung durch Eye-Tracking. Beeindruckend ist ebenso das sehr große Head-up-Display mit Augmented-Reality-Inhalten. Bei der Navigation werden z.B. animierte Abbiegepfeile virtuell und passgenau über die Fahrbahn gelegt.

MBUX Interieur-Assistent

Mithilfe von Kameras in der Dachbedieneinheit und lernenden Algorithmen erkennt der MBUX Interieur-Assistent zahlreiche unterschiedliche Bedienwünsche. Dabei interpretiert er Kopfrichtung, Handbewegungen und Körpersprache und reagiert mit entsprechenden Fahrzeugfunktionen. Wenn der Fahrer beispielsweise über die Schulter nach hinten in Richtung Heckscheibe blickt, öffnet der MBUX Interieur-Assistent das Sonnenrollo vor der Heckscheibe automatisch.

Aktive Ambientbeleuchtung

Die Aktive Ambientebeleuchtung (Sonderausstattung) ergänzt die serienmäßige Ambientebeleuchtung um eine zusätzliche Lichtebene. Sie ist mit rund 250 LED ist in die Fahrassistenzsysteme eingebunden und kann deren Warnungen optisch unterstützen. Darüber hinaus ist eine Rückmeldung bei der Bedienung der Klimatisierung oder des Sprachassistenten „Hey Mercedes“ möglich.

Fahrassistenz-Paket

Die neueste Generation des serienmäßigen Fahrassistenz-Pakets enthält neue und zahlreiche weiterentwickelte Funktionen. Ein Beispiel ist die intelligente Anpassung an Tempolimits. Die neue Assistenzanzeige im Fahrer-Display stellt die Funktionsweise der Fahrassistenzsysteme verständlich und transparent in einer Vollbild-Ansicht dar.

Fondairbag

Der Fondairbag (Sonderausstattung für die S-Klasse mit langem Radstand) kann bei schweren Frontalkollisionen die Belastungswerte auf Kopf und Nacken für die angeschnallten Insassen auf den äußeren Rücksitzplätzen deutlich reduzieren. Der Frontalairbag für den Rücksitz entfaltet sich aufgrund seiner neuartigen Bauart mit einer röhrenartigen Struktur besonders schonend.

Hinterachlenkung

Dank Hinterachslenkung (Sonderausstattung) fühlt sich die S-Klasse in der Stadt so handlich an wie ein Kompaktwagen. Der Lenkwinkel an der Hinterachse beträgt bis zu zehn Grad. Der Wendekreis der S-Klasse verringert sich mit Hinterachslenkung um bis zu zwei Meter.

Over The Air Update (OTA)

Über 50 Elektronik-Komponenten der neuen S-Klasse können over-the-air (OTA) mit neuer Software aktualisiert werden. Darunter sind das komplette MBUX Infotainmentsystem, das Fahrer-Display, die Fahrassistenzsysteme sowie die Lichtsysteme MULTIBEAM LED und DIGITAL LIGHT. Durch diese Technologie spart der Kunde Zeit, da er nicht extra in die Werkstatt fahren muss. Des Weiteren bleibt sein Fahrzeug während der gesamten Lebensdauer auf dem neuesten Stand und ist gerüstet für neue Features. Voraussetzung für OTA-Updates ist immer die explizite Zustimmung des Nutzers.

E-Active Body Control Fahrwerk

Bei einem drohenden seitlichen Aufprall eines anderen Fahrzeugs kann die Karosserie durch das E-ACTIVE BODY CONTROL Fahrwerk (Sonderausstattung) innerhalb weniger Zehntelsekunden angehoben werden. Das ist eine neue Funktion von PRE-SAFE Impuls Seite. Die Belastung der Insassen kann dadurch verringert werden, weil der Stoß so auf besonders widerstandsfähige Strukturen im unteren Teil des Fahrzeugs gelenkt wird.

Drive Pilot

Voraussichtlich ab dem zweiten Halbjahr 2021 wird die S-Klasse mit dem neuen DRIVE PILOT (Sonderausstattung) bei hohem Verkehrsaufkommen oder Stausituationen auf geeigneten Autobahnabschnitten in Deutschland hochautomatisiert fahren können. Das entlastet den Fahrer und ermöglicht ihm Nebentätigkeiten wie im Internet surfen oder im In-Car-Office E-Mails bearbeiten und schenkt dem Fahrer dadurch Zeit.

Digital Light

Die revolutionäre Scheinwerfertechnologie DIGITAL LIGHT (Sonderausstattung) ermöglicht ganz neue Funktionen, etwa die Projektion von Hilfsmarkierungen oder Warnsymbolen auf die Fahrbahn. DIGITAL LIGHT besitzt in jedem Scheinwerfer ein Lichtmodul mit drei extrem lichtstarken LED, deren Licht mit Hilfe von 1,3 Millionen Mikrospiegeln gebrochen und gerichtet wird. Pro Fahrzeug beträgt die Auflösung also über 2,6 Millionen Pixel.

Blick auf S-Klasse Cockpit

S-Klasse wenige echte Innovationen

Alle aufgezählten Punkte sind das, was man in einer Luxuslimousine erwartet, aber bei genauer Betrachtung hat man eigentlich jede dieser Technologien so oder in einer sehr ähnlichen Form schon mal bei einem anderen Hersteller gesehen.

Und genau das ist der Punkt, der mich persönlich so stark an der neuen S-Klasse stört. Ein Fixstern wurde früher zur Navigation auf hoher See benutzt, man hat in den Himmel geschaut und in gewisser Weise hat er den Weg vorgegeben.

Die neue S-Klasse gibt aber – zumindest, wenn man das ganze digital betrachtet – nicht mehr den Weg voraus, sondern schwimmt technologisch mit all dem mit, was man bereits von Audi, BMW, Bentley, Porsche, Rolls-Royce (um nur ein paar zu nennen) kennt.

Technologisch gesehen ist in der Fernbetrachtung für mich das einzig spannende Feature im Moment das Digital Light. Ich habe mal ein kleines Video zu dem Licht gemacht, da seht ihr die Funktion.

Der Fondairbag, den wir letztes Jahr schon in dem Mercedes ESF 2019 gesehen haben, ist sicher auch spannend aber letztlich auch nur eine weitere logische Fortsetzung der Airbag Technologie.

Absolut großartig sieht die Innenraumbeleuchtung aus. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Bemühungen von Mercedes in diesem Bereich eine echte Bereicherung für das Fahrerlebnis sind.

Im Punkt Ambientebeleuchtung ist Mercedes für mich seit der Vorstellung der A-Klasse absolut führend und zur Zeit ist meiner Meinung nach auch kein anderer Hersteller auch nur in der Nähe von dem, was Mercedes hier zeigt. Aber reicht das wirklich schon, um als Innovation durchzugehen? Ich bin mir da unsicher, zumindest bis ich es mal selbst erfahren (Achtung Wortwitz) habe.

Gleiches gilt für die neue Generation des MBUX Systems. Die Garde an Digitalisierung ist – wenn man die Bilder betrachtet – sehr hoch; davon zeugen die fünf großen Displays, davon vier mit Touch, die auch noch untereinander vernetzt zu sein scheinen. Auch die Verknüpfung mit dem Mercedes Me Konto und den damit persönlichen Präferenzen wirkt intressant.

„Mit der neuen Chit-Chat- und Wissens-Domäne bekommt man auf viele Fragen die richtige Antwort; selbst Fragen nach Gebäuden in der unmittelbaren Umgebung, Tiergeräuschen oder Allgemeinwissen werden beantwortet.“

Auch schön zu sehen ist, dass man dem Sprachassistenten jetzt ein wenig nützlicher machen will. Vielleicht kann er jetzt sogar Witze erzählen. „Hey Mercedes, erzähl einen Witz“ wird auf jeden Fall der erste Sprachbefehl sein, den ich ausprobieren werde, wenn ich in der neuen S-Klasse sitze.

Mercedes ist in letzter Zeit aus diversen Gründen in unruhige Fahrwasser geraten. Die S-Klasse soll als neues Flaggschiff diesen Kurs ändern. Dennoch habe ich das Gefühl, dass man bei der S-Klasse nicht bis in letzter Konsequenz auf diesen Umbruch ausgerichtet wurde.

S-Klasse gefangen in alten Wegen

Die S-Klasse ist ein Beispiel für einen Autobauer, der an alten Grundsätzen festhält. Es ist mir absolut unbegreiflich, wie man so etwas wie die eingelassenen Türgriffe zu einer Sonderausstattung machen konnte.

Jedes Bild auf der Mercedes Media Seite zeigt den Mercedes mit diesen eingelassenen Türgriffen. Ich habe auf die Schnelle kein einziges Bild von der neuen S-Klasse ohne dieses Extra gesehen. Wieso macht man so ein festes Designelement dann nicht zu einer Serienausstattung? Nur noch einmal ein- oder zweitausend Euro extra verlangen zu können?

MBUX in Tablet Form in der S-Klasse

Ähnliches gilt meiner Meinung nach für die aktive Ambientebeleuchtung, welche wiederum nur als Sonderausstattung angeboten wird. Sie wäre in meinen Augen ein perfekter Usecase für ein Feature On Demand. Also etwas, was das man nachträglich per Kauf freischalten könnte, je nachdem auch als Mini-Abo.

Selbiges gilt auch für den Drive Pilot. Überhaupt bin ich gespannt, ob er denn wirklich im Jahr 2021 kommt oder ob Mercedes das gleiche Schicksaal ereil, wie Audi mit dem A8, wo der Staupilot schon 2017 mitbestellbar war, es aber bis heute nicht auf die Straße geschafft hat.

Viele der oben genannten Kritikpunkte dürften den langen Fahrzeugentwicklungszyklen geschuldet sein. Ich weiß es zwar nicht genau, aber die Entwicklung der Technik in der aktuellen S-Klasse dürfte vor 2-3 Jahren gestartet sein. In einer Zeit, wo man bei Mercedes noch nicht geahnt hat, dass man an der Spitze von anderen Herstellern eingeholt und teilweise auch überholt würde.

S-Klasse Hybrid an Ladesäule

Gerade in Zeiten, wo die Elektrifizierung einen so hohen Stellenwert hat, hätte ich erwartet, dass das Hybrid-Modell der S-Klasse auch direkt zum Start erhältlich sein würde. Stattdessen kürzt man eine der letzten Konstanten, macht aus dem S500 einen Sechszylinder und begräbt damit den V8 – welcher meiner Ansicht nach immer eine feste Größe bei Mercedes war.

Neuer Stern EQS?

Die S-Klasse wird wahrscheinlich ein großartiges Auto sein und ich hoffe stark, dass ich möglichst bald die Gelegenheit haben werde, den Wagen zu testen. Ich glaube, dass an diesem Wagen tatsächlich fast nichts schlecht sein wird und dass verschiedene Features wahrscheinlich, wenn man sie erfährt, auch Begeisterung auslösen werden; aber wenn man nur die Pressemitteilung lesen kann, stellt sich halt eher ein wenig Ernüchterung ein.

Bei der Premiere der S-Klasse wurde das vollelektrische Modell der EQS nur angeteasert. Nach der Premiere der S-Klasse ist meine Theorie (und auch Hoffnung), dass der EQS das neue Technologie Flaggschiff von Mercedes wird. Getreu dem Motto: Der König ist tot, lang lebe der König. Oder anders ausgedrückt:

Der eine Stern geht als spektakuläre Sternschnuppe unter – und ein neuer Fixstern geht auf.